Berufsorientierung und Arbeitsmarkt, Doris Stölzle

Diskurs

Die Anzahl der Ausbildungsplätze geht in den letzten Jahren kontinuierlich zurück. Wie beurteilen Sie die Perspektive des dualen Ausbildungssystems und dessen Bedeutung für den Berufseinstieg? Gibt es sinnvolle Alternativen?
Das Problem – und damit auch die Lösung – liegt nicht unbedingt im dualen Ausbildungssystem. Gerade Handwerksbetriebe und kleine bis mittelständische Unternehmen bieten nach wie vor Lehrstellen und suchen Auszubildende. Nur ist der größte Teil der Schülerinnen und Schüler, die sich vorstellen, nicht ausbildungsreif, weil ihnen die Basis-Sozialkompetenzen wie Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Freundlichkeit, Höflichkeit, Allgemeinbildung, einwandfreies Deutsch in Wort und Schrift sowie die Beherrschung der Grundrechenarten im Kopf fehlen. Deshalb sind viele Betriebe so konsequent, dass sie nicht ihre Ansprüche unter das Mindestmaß schrauben, sondern einfach nicht ausbilden. Da offensichtlich dieser Teil der Erziehung im Elternhaus nicht mehr stattfindet, muss die (Vor-)Schule und / oder andere Institutionen diesen Part übernehmen, bevor die Kinder bzw. Jugendlichen überhaupt lernen und ausgebildet werden können. Schließlich sind die Anforderungen in einer Ausbildung als Vorbereitung auf und Voraussetzung für einen Beruf auch in Jobs für gering Qualifizierte immer noch so hoch, dass vor allem Hauptschüler, geschweige denn Menschen ohne Schulabschluss daran scheitern (müssen), weil sie nicht genug Zeit haben, das gewünschte und erforderliche Verhalten zu lernen und zu üben.

Zweite mögliche Lösung: Geschaffen werden müssten noch mehr einfache Berufsbilder für einfache Tätigkeiten, die nur eine geringe theoretische Begleitung in der Berufschule integrieren sollte. Hierzu sollten betriebsspezifische modulare Ausbildungsphasen geschaffen werden, die in den Inhalten den Kompetenzen des Klientels entsprechen sollten.

Dritte mögliche Lösung: Als drittes Parallelsystem erachten wir auch eine schulische berufliche Ausbildung für möglich und wichtig. Dabei spielt sicherlich die europäische Entwicklung eine Rolle, aber auch die Bedarfe einer Region, entsprechend den Fähigkeiten und Interessen der Auszubildenden. Hier sollten verstärkt nochmals Kompetenzverfahren eingesetzt werden, um einen möglichst „richtigen “ Weg für die Beteiligten zu finden.

In Ansätzen wird durch das Berufsgrundschul- bzw. vorbereitungsjahr (1 Jahr schulische Ausbildung vor der Lehre) diesem Modell schon Rechnung getragen.

Beitrag von:
Doris Stölzle, Geschäftsführerin des Bildungswerks des Alzeyer und Wormser Handwerks gGmbH

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