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2010 | Deutschland, Deutsch

„Da ist ein Problem, aber das gehört anderen.“

Wie bekannt ist der Klimawandel eigentlich wirklich?

Eiszapfen schmilzt und es fällt ein dicker Tropfen

Tauwetter © Constance Adlung

Im Rahmen der Internationalen Sommeruniversität haben wir uns mit einer Studie des Meinungsforschungsinstituts FORSA befasst. Laut dieser Studie machen sich 84% der Kinder zwischen 10 und 14 Jahren Sorgen um die Entwicklung des Weltklimas.

Um diese Studie zu stützen, interviewten wir nochmals Jugendliche dieses Alters bzgl. des Klimawandels und ihren jeweiligen Einstellung dazu.

Diese stichpunktartigen Befragungen ergaben allerdings einen anderen Eindruck, als die erwähnte Studie vorgab. Letztendlich veranlasste uns dies dazu, an der Eindeutigkeit dieser Studie zu zweifeln.

Wir befragten folglich zwei zehn-, zwei elf-, drei 13- und einen 20-jährigen Jugendlichen.

Die Interviews bestanden jeweils aus drei Fragen, die einzeln an die Probanden gestellt wurden und zu folgenden Ergebnissen führten:

„Wie fühlst du dich im Zusammenhang mit den Klimafolgen?“

A.10: „Ich weiß nicht, habe ich noch nichts von gehört.“

B.10: „Keine Ahnung, ich mag es wenn es wärmer ist.“

C.11: „Das ist doch, dass die Eisbären aussterben oder? Das find ich schade.“ (Und wie geht es dir selber damit?) „Ich kann die ja trotzdem noch im Zoo sehen, wenn die am Nordpol gestorben sind.“

D.11: „Hier wird es wärmer und das Wasser steigt, dann sind wir hier am Meer (Hannover), aber ich habe gehört, dass das auch schlimm sein kann.“ (Inwiefern?) „Weiß ich nicht.“

E.13: „Ich glaube zumindest nicht, dass der Wasserstand steigt und auch nicht an die Globalerwärmung. Ich find die starke Umweltverschmutzung viel schlimmer.“

F.13: „Hier wird es wärmer und dann kommen auch andere giftige Tiere zu uns und viele Tiere sterben. Viele Städte versinken im Meer, weil das Wasser steigt und dann müssen die auf andere Städte verteilt werden und dann wird es noch voller als jetzt. Ich habe da schon Angst vor, auch weil man nicht mehr in die Sonne darf, weil die Ozonschicht kaputt geht.“

G.13: „Das Wasser steigt und ein paar Inseln gehen unter, aber das ist irgendwo im Pazifik, nicht hier. Aber die Menschen tun mir leid, auch die Eisbären sterben alle, weil das Eis schmilzt.“

H.20: “Ja, man merkt es schon ziemlich deutlich, wie sich das Wetter zum Beispiel im Winter ändert. Das es teilweise wesentlich wärmer ist und es zwischendurch auch extremere Kälteperioden gibt. An manchen Tagen sind die Temperaturschwankungen einfach wesentlich deutlicher. Im Vergleich zu meiner Kindheit…da war alles noch etwas gemäßigter, nicht so starke Schwankungen drin. Ich merk das teilweise auch, z.B. ich hab ja verschiedene Allergien, und die sind in den letzten Jahren verschiedenen Schwankungen unterworfen. In einem Jahr ganz schlimm, im anderen Jahr gar nix.

“Wie siehst du deine Lebensweise in 20 Jahren?“

A.10: „Ich hoffe ich habe einen Job und mir geht es gut.“

B.10: „Ich will nicht Arbeitslos sein und meine Freunde sollen das auch nicht.“

C.11: „Ich verdiene viel Geld, wohne in einem großen Haus und helfe meinen Eltern, die bei mir wohnen.“

D.11: „Ich wohne hier (Hannover) am Meer und fahre ein Elektroauto.“

E.13: „Ich denke nicht, dass sich am Klima irgendwas verändert, aber die Meere und so sind verschmutzt, darum wird es schwerer zu Leben.“

F.13: „Es gibt bestimmt eine Überbevölkerung. Ich hoffe ich wohne dann weit im inneren des Landes, wo das Wasser nicht hinkommt und es noch nicht so voll ist. Ich werde ein Elektroauto fahren und sonst auch viel für die Umwelt tun.“

G.13: „Es wird andere Urlaubsorte geben, da ja ein paar Inseln untergegangen sind, aber ich bleibe hier wohnen. Auf jeden Fall nicht in Holland, das geht glaub ich auch ganz unter (lacht).“

H.20: “Schon mal eine schwierige Frage … Also, es ist schwer sich die zunehmenden Veränderungen vorzustellen, wie sie jetzt werden. (Hast du dir darüber schon einmal Gedanken gemacht?) Nicht so großartig, eher weniger… (Ob es da ist wie jetzt?) Es wird sich sicher etwas verändern, aber wie es genau aussieht, kann ich mir konkret nicht vorstellen. Man hört zwar immer von den Katastrophen und man hat es jetzt auch hier bei uns in der Region, mehr oder weniger, aber ich denk, das gab es früher auch schon und nicht so großartige Häufungen. Das wird nur mehr erfasst, durch die Medien. Da beschäftige ich mich momentan nicht mit, eher mit Ausbildung, Schule und die ferneren Ziele.

„Welche Erwartungen hast du an die Erwachsenen heute?“

A.10: „Weiß ich nicht.“

B.10: „Weiß ich nicht.“

C.11: „Die sollen weniger Auto fahren, weil dann die Luft besser ist.“

D.11: „Die müssen alle Elektroautos fahren und immer die Geräte zu Hause ausschalten.“

E.13: „Die müssen irgendeine Lösung wegen dem vielen Müll und der Umweltverschmutzung durch Öl finden. Die machen uns die ganze Erde kaputt.“

F.13: „Auf jeden Fall weniger Auto fahren wegen dem CO2 Ausstoßes und da müssen die auch eine andere Methode der Milchproduktion finden.“ (Wieso?) „Weil Kühe doch auch ganz viel Methangas produzieren, wo die Ozonschicht von kaputt geht.“

G.13: „Weiß ich nicht, das ist doch eh schon zu spät oder? – Naja, mit Elektroautos fahren glaub ich.“

Nach den Interviews empfanden wir es als erschreckend, wie schlecht die Befragten bzgl. des Klimawandels informiert waren.

Einige kannten zwar ein paar künftige Auswirkungen, wie z.B. den Verlust des Lebensraumes für die meisten Inselbewohner im Pazifischen oder Indischen Ozean oder bei unseren Nachbarn im Norden Deutschlands und den Niederlanden. Auch das Schicksal des allseits beliebten Eisbären am Pol war präsent, aber überraschenderweise beunruhigte sie dies nicht sonderlich. Sie begründeten diese Einstellungen zum einen damit, dass sie nicht an der Küste oder auf den betroffenen Inseln lebten und zum anderen, weil man den Eisbären ja noch im Zoo besuchen könne und so nicht einmal diese Art von persönlichen Wünschen zukünftig bedroht sei.

So ist uns aufgefallen, dass wenn Konsequenzen erkannt werden, diese überwiegend nicht als persönliche Probleme, sondern als entfernte Schicksale anderer angesehen werden. Lediglich ein Proband sah den Klimawandel auch persönlich als aktuelle und zukünftige Gefahr. Von dieser Ausnahme abgesehen, mussten wir nach unserer Umfrage überraschend feststellen, dass die Kenntnisse und Sorgen um den Klimawandel längst nicht so präsent waren, wie die anfangs erwähnte Studie besagte.

Lediglich in einem Fall führte das Bewusstsein der Befragten zu dem Umkehrschluss, dass eine persönliche Verhaltensänderung schon ein Anfang wäre dem Problem entgegen zu wirken. Stattdessen herrscht die Meinung vor, dass die technischen Innovationen, wie Elektroautos oder Lösungen gegen Ölverschmutzungen ausreichen würden, die Umweltverschmutzung und Erderwärmung aufzuhalten und so das Schlimmste verhindert werden könne.

Ansonsten waren die Sorgen um die persönliche Zukunft viel größer und präsenter als das abgefragte Thema. Erschreckenderweise war dies sogar bei den 10-jährigen deutlich zu erkennen.

All diese Ergebnisse bestätigten nicht wie erwartet die FORSA-Studie, sondern gaben uns den Anlass, diese zu hinterfragen und nach Antworten dieser Problematik zu suchen.

Eine Erklärung fanden wir unter anderem in der 15. Shell Jugendstudie.

Diese deklarierte schon in der vorhergehenden Version von 2002 eine „pragmatische Generation“. Die Befragung von 2.532 Jugendlichen, zwischen 12 und 25 Jahren, bestätigte, dass die Jugendlichen eher durch Ängste um ihre persönliche Zukunft, den eigenen Bildungserfolg oder -misserfolg, dem Finden eines Ausbildungs- bzw. Arbeitsplatzes, sowie ihrer späteren Altersversorgung beschäftigt sind, als mit abstrakten Problemen im Zuge des Klimawandels, die Sie noch nicht einmal am eigenen Leibe spüren.

Ein großes Problem ist das pragmatische Denken, welches jedes Engagement auf Verwertbarkeit für den eigenen Lebenslauf abklopfen lässt.

Die Lebenskonzepte sind eher konkurrenz- und wettstreitorientiert, statt solidarisch und zukunftsorientiert. Dies haben ihnen allerdings die letzten Generationen, Regierungen und profitorientierte Unternehmen und Banken weitgehend auch „vorgelebt“. Konsum und Wachstum ist erstrebenswert, Verzicht und Askese bedauernswert!

Konkret fand die Studie heraus, dass nur 14% der Jugendlichen den Umweltschutz als einen Bereich nannten, in dem man besonders aktiv werden sollte. 2002 waren es noch 21%.

Es gibt aber auch andere Bilder und Tendenzen von umweltbewussten Jugendlichen, die sich für Nachhaltigkeit interessieren und für den Umweltschutz engagieren. Dieses wird durch die repräsentative Bertelsmann-Umfrage „Jugend und die Zukunft der Welt“ deutlich, die 2009 in Deutschland und Österreich 1.007 Jugendliche, zwischen 14 und 18 Jahren, zum Thema Nachhaltigkeit und ihrem Engagement befragte.

Hier ist positiv zu vermerken, dass eine Mehrheit die Notwendigkeit individuellen Handelns, und nicht nur der Regierung oder bei der Wirtschaft, sieht. Kritisiert wurde jedoch die mangelhaften Umweltbildung im schulischen Bereich und das Fehlen von weltweit gültigen Grundregeln, auf die sich alle Menschen verständigen sollen.

Letztendlich sind wir zu dem Ergebnis gekommen, dass die Kommunikation und die Vorbildfunktion bzgl. des Klimawandels gerade in Bezug auf Jugendliche viel versäumt hat und somit überdacht und verbessert werden muss. Ein Anfang liegt schon bei jedem selbst:

Weisse Personenplastik auf dem Meer mit Blickrichtung Möwe die auf dem Gesicht gelandet ist.

Zusammenleben von Mensch und Natur © Constance Adlung

Fragen Sie sich doch abschließend einfach mal, was Sie eigentlich über den Klimawandel wissen und was Sie dagegen tun, sei es für sich selbst oder als Vorbildfunktion.

Immerhin gehört dieses Problem wirklich jedem.

Autoren: Sebastian & Constance

Literaturangaben:

Shell Deutschland Holding (Hrsg.), Prof. Dr. Klaus Hurrelmann / Prof. Dr. Mathias Albert / TNS Infratest: 15. Shell Jugendstudie – Jugend 2006; Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt am Main 2006; ISBN-10: 3-596-17213-6

WWF (Auftraggeber): Projektbericht des UfU – Unabhängigen Instituts für Umweltfragen e.V. “Wie wollen Kinder und Jugendliche das Klima schützen?”; Berlin, 16.11.2009
http://www.wwf.de/downloads/publikationsdatenbank/ddd/33067/

Bertelsmann-Stiftung “Jugend und die Zukunft der Welt”, Gütersloh 11. August 2009
http://de.sitestat.com/bertelsmann/stiftung-de/s?bst.PDF.rechts.Presse.Nachrichten.DeutscheJugendlich_97215.Downloads.StudieJugendunddie&ns_type=pdf&ns_url=http://www.bertelsmann-stiftung.de/cps/rde/xbcr/SID-D8503E71-AA764BBF/bst/xcms_bst_dms_29232_29233_2.pdf
FORSA-Umfrage der Gesellschaft für Sozialforschung und statistische Analysen mbH “Klimawandel und Klimaschutz” (für das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit – BMU); 4. August 2009
http://www.bmu.de/files/pdfs/allgemein/application/pdf/forsa_jugend_klima.pdf
oder
http://www.bmu.de/publikationen/bildungsservice/aktuell/doc/45012.php

Der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler hat im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung von der InWEnt – Internationale Weiterbildung und Entwicklung gGmbH in Zusammenarbeit mit dem Grundschulverband sowie dem Cornelsen Verlag, einen Schulwettbewerb „Alle für EINE WELT für Alle” ausgerufen und Schüler der Klassenstufen 1 bis 13 dazu angeregt, sich mit dem Thema NACHHALTIGE ENTWICKLUNG zu beschäftigen.

Die Ergebnisse sind unter folgender URL zu sehen:

http://www.youtube.com/allefuereinewelt#p/c/A8BC124E9DE5271A

About Redaktion | CCCLab

Das Redaktionsteam des CCCLab bilden Fellows und MitarbeiterInnen des Kolleg für Management und Gestaltung Nachhaltiger Entwicklung (KMGNE).

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