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2011 | Deutschland, Deutsch

Konsumschrumpfen – der Sport des 21. Jahrhunderts

Die Daten der ökologischen und Klimaforschung sowie die Erkenntnisse aus Simulationsreihen legen nahe, dass die Menschheit ihren Verbrauch an Gütern, insbesondere an schnell verschleißenden Konsumgütern, erheblich senken muss, damit die Ressourcen des Planeten auch noch für Menschen in ärmeren Regionen und vor allem für spätere Generationen reichen. Besonders Menschen mit Kindern sollte es also ein Anliegen sein, die notwendigen neuen Prozesse und Einstellungen zu verstehen und zu fördern.
Verzicht an sich ist zumindest heute nichts, was zu Jubelstürmen hinreißt. Noch vor wenigen Jahren galt es als moralisch hochstehend und verantwortungsvoll, zugunsten langfristig wirksamer Investitionen z.B. auf Konsum zu verzichten. Diese Einstellung ist in den letzten Jahrzehnten verloren gegangen, weil wir alle unaufhörlich zum Konsum aufgefordert werden, um die Wirtschaftswachstumsspirale in Gang zu halte und auch wenn wir das Geld für den angestrebten Konsum gar nicht haben.
Doch auf was verzichten wir wirklich, wenn wir weniger konsumieren? Wer Überstunden fürs neue Handy, die Markenjeans oder einen tollen Urlaub irgendwo am Ende der Welt macht, an dem mehr oder weniger das Gleiche geboten wird wie an näher gelegenen Gestaden (“Was? Du warst auf den Seychellen? Ist ja toll! Und wie wars da?” – “Och, es war warm und das Meer war wirklich blau. Und wir sind die ganze Zeit am Strand gelegen.”),  verschwendet, so könnte man argumentieren, seine Lebenszeit dafür, anderen zu imponieren, obwohl die gleiche Erfüllung vielleicht auch mit weit weniger Aufwand erreichbar wäre.
Tim Jackson umschreibt dies so, dass Menschen zwischen dem Wunsch nach Neuem, dem Wunsch nach Stabilität, dem Streben nach Selbstbestimmung einer- und dem Wunsch nach Zugehörigkeit und stabilen sozialen Beziehungen andererseits hin- und hergerissen sind. Unsere Form zu leben habe zwei der Pole, nämlich Selbstverwirklichung und Neues, überbetont, während Stabilität und Zugehörigkeit auf der Strecke blieben, argumentiert er. Man könnte also vielleicht massenweise Burnout-Syndrome, Wachstumskrisen etc. auch auf diese Disparität zurückführen. Das würde bedeuten, dass uns ein Weniger auf der materiellen Ebene eventuell mit einem mehr auf anderen Ebenen entschädigen würde.
Allerdings scheint es ziemlich utopisch, sich vorzustellen, dass Menschen freiwillig auf irgendwas verzichten. Doch wird ihnen dieser Verzicht hierzulande vor allem in den unteren Lohngruppen respektive Rentnern, Kranken und Alleinerziehenden, die natürlich wegen fehlendem Konsum auch die beste Umweltbilanz haben) ohnehin schon in Form sinkender Löhne, steigender Preise und Abgaben etc. aufgezwungen. Insofern sollte man lieber fragen, ob es nicht fair wäre, auch die Menschen der gehobenen Mittel- und Oberschicht in den Industrieländern durch Vorbild und Verbreitung einer anderen Ideologie endlich von der Vorstellung zu befreien, nur größer oder allenfalls gleich groß und mehr sei besser. Dann wäre auch mehr Umverteilung von oben nach unten möglich, ohne dass gleich ein Exodus der Leistungsträger zu befürchten wäre.
Es sind nämlich viele Situationen vorstellbar, in denen hierzulande eventuell weniger mehr wäre – auch und gerade für den Einzelnen: Genossenschaftswohnung mit lebenslanger Mietgarantie statt viel zu großem und im Unterhalt teuren Eigenheim,  bewegungsfördernder Garten statt/ergänzend zum Gemüseladen, Wanderung in der nahen Umgebung  statt nervigem Shoppingwochenende in London, EIslaufen auf dem See statt Zuschauer bei der Weltmeisterschaft mit stundenlanger Anfahrt und teuren Tickets, Carsharing statt einer 90 Prozent der Zeit herumstehenden Eigen-Blechkutsche, Maschinenausleihe statt komplettem Park kaum gewarteter Geräte im Keller, um nur wenige Beispiele zu nennen.
Doch bedürfen solche Veränderungen dringend der flankierenden Unterstützung durch die Politik, um zu verhindern, dass diejenigen, die vorangehen, letztlich aus Sicht der Allgemeinheit die Dummen sind.
Und auch hier wieder ein netter Film über unseren Konsumwahn:

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