Die W- Frage: Wohlstand ohne Wachstum?

Eine erste Feststellung in Tim Jacksons Report „Prosperity without growth? – The transition to a sustainable economy“ ist, dass die globale Wirtschaft heute fünfmal so groß ist wie noch vor 50 Jahren. Ginge die Entwicklung genau so weiter, dann wäre die Wirtschaft im Jahre 2100, 80mal so groß wie heute. Bis zum heutigen Zeitpunkt wurden bereits geschätzte 60% des Ökosystems zerstört. Allein diese Zahlen zeigen, dass es so nicht weitergehen kann und dass neue Lösungen gesucht werden müssen.

Tatsache ist ebenso, dass Jacksons Erkenntnis keine neue ist. Bereits die 1972 von Meadows veröffentlichte Studie „The Limits to Growth“ kam zu solch einem Ergebnis. In der Schlussfolgerung des Berichts ist folgendes zu lesen:

Wenn die gegenwärtige Zunahme der Weltbevölkerung, der Industrialisierung, der Umweltverschmutzung, der Nahrungsmittelproduktion und der Ausbeutung von natürlichen Rohstoffen unverändert anhält, werden die absoluten Wachstumsgrenzen auf der Erde im Laufe der nächsten hundert Jahre erreicht. (Meadows, et. al. (1972 : 17))

Die übliche Antwort auf die Problematik einer wachsenden Bevölkerung gekoppelt mit steigender Umweltverschmutzung und der Reduktion von Rohstoffen lautet: Effizienz. In unserer fortschritt- und technikgewandten Welt hofft man darauf, dass der Mensch Techniken entwickelt, welche mehr Nutzen aus Energien und Ressourcen schaffen, um eines Tages gar nicht mehr auf vergängliche Rohstoffe angewiesen zu sein. Mit Hilfe der Technik soll die Wirtschaft von den Umweltkonsequenzen entkoppelt werden. Auch wenn Tim Jackson der Spezies Mensch einiges zutraut, hält er das für unwahrscheinlich. Doch selbst wenn uns dies gelingen sollte, dürfte es seiner Meinung nach nicht ausreichen, da die globale Wirtschaft darauf basiert, eine ständig steigende Nachfrage zu bedienen, welche wiederum künstlich zum kontinuierlichen Anstieg gebracht wird. Jackson erklärt weiter, dass Wirtschaft und Politik uns in Zeiten von Rezessionen und Krisen dazu zwingen uns gegen unseren Instinkt zu verhalten, der uns eigentlich zu mehr Sparsamkeit anhalten würde. Denn schließlich hat Sparen einen negativen Effekt auf die Wirtschaft. Berühmt ist in diesem Zusammenhang sein Zitat, dass es sich um „eine Geschichte über Leute, die dazu gebracht werden, Geld auszugeben, dass sie nicht haben, für Dinge, die sie nicht brauchen, um Eindruck zu machen, der nicht hält auf Leute, die sie nicht mögen(vgl. Youtube-Video Diskussion mit Tim Jackson, 0:32:00 h) handele.

Neben dem Wunsch nach ständig neuen Entwicklungen und der Selbstbezogenheit, gehören auch das Beibehalten von Traditionen und das Kümmern um den Nächsten zur menschlichen Natur. Tim Jackson meint, es wäre also gar nicht nötig, die menschliche Natur zu ändern, um einen Wandel zu erzielen, vielmehr müsse man dem Menschen einfach erlauben „ganz“ zu sein. Wichtig ist dies nicht nur aus Umweltgründen, sondern auch um mehr Zufriedenheit für den einzelnen zu schaffen. Das Seelenheil eines Menschen kann nicht davon abhängig sein, was er oder sie mit dem ihm/ ihr zur Verfügung stehenden Kapital kaufen kann. Genau aus diesem Grund ist es notwendig zu überdenken, was unter Wohlstand zu verstehen ist.

Weder Meadows noch Jackson sprechen jedoch wirklich darüber, wie sich die Einstellung der Menschen ändern lässt, um die Probleme bezüglich des Klimawandels zu reduzieren. Wie viele Andere diskutieren sie hauptsächlich diese Probleme, bieten aber wenige, für die breite Masse verständliche, greifbare Lösungsansätze.

Essentiell ist, wie es auch Meadows in seinem Beitrag erwähnt, die kulturelle Einstellung des Menschen gegenüber Wachstum. Hier kommt das „Aufklären“ ins Spiel. An dieser Stelle wollen wir anhand zweier Beispiele verdeutlichen, was mit „Aufklären“ gemeint ist: Und zwar geht es zunächst um die Einführung der Energiesparlampe. Der tatsächliche Hintergrund zur Einführung der Energiesparlampe war, dass China so billig Glühbirnen produzierte, sodass in Deutschland hergestellte Glühbirnen nicht mehr konkurrenzfähig waren. Selbstverständlich wurde das der Bevölkerung in dieser Form nicht kommuniziert. Die Erfindung der Energiesparlampe hatte nichts mit Umweltschutz und dergleichen zu tun. Im Gegenteil, die komplizierte Entsorgung dieser Lampen trägt unter anderem wesentlich dazu bei, dass sich der Umweltnutzen in Grenzen hält. Ein konkreter Lösungsvorschlag wäre, wie auch Jackson sagt, das Licht nicht länger als nötig brennen zu lassen. Einen interessanten Videobeitrag „Comprar, tirar, comprar“  zum Thema Konsum bringt der spanische Fernsehsender rtve.es.

Unser zweites Beispiel handelt vom „Bio“- Soja. Heutzutage gibt es speziell für den Anbau von Soja riesige Ackerflächen in Südamerika. Für diese Äcker werden immense Waldflächen gerodet, die eigentlich dazu bestimmt sind, den natürlichen Kreislauf instand zu halten, beziehungsweise das Gleichgewicht des Klimas zu regulieren. Außerdem sollte man wissen, dass diese Ackerflächen von Natur aus (!) überhaupt nicht dazu „gemacht“ sind, Soja zu erzeugen. Möglich ist es aber trotzdem. Durch die neuen, vom Menschen entwickelten Technologien. Im Anschluss wird zum Beispiel in Deutschland damit geworben, dass das Soja-Produkt aus „kontrolliert ökologischem Anbau“ stammt. Kein Wort über die gerodeten Waldflächen und die damit verbundenen Eingriffe in das Ökosystem. Absurderweise wird dieser Soja in Deutschland zum Teil auch noch zu Tierfutter verarbeitet. Aufklärungsarbeit könnte hier den Konsumenten zum Nachdenken anregen und zum Entschluss gegen den Kauf von importierten „Bio“- Produkten führen.

Es fällt schwer zu sagen, ob es angesichts des Klimawandels überhaupt noch um Wachstum geht, oder ob Schrumpfen eine Option für eine lebenswertere Zukunft ist. Die Frage, die nach wie vor zu beantworten bleibt, ist wie man das rasante Bevölkerungswachstum und den damit einhergehenden Klimawandel, sowie Umweltverschmutzung und Weiteres beeinflussen soll und kann? Wie Meadows in seinen Arbeiten feststellte, wird sich die Reduzierung des Bevölkerungswachstums so oder so ergeben, nur wodurch? Durch den Menschen, der weiterhin neue Technologien entwickelt, die vielleicht nicht richtig genutzt werden und so noch mehr Negatives als Positives bewirken? Oder durch unaufhaltbare, durch den Menschen nicht mehr kontrollierbare, Prozesse der Natur?

Bei der drastischen Verschlechterung der ökologischen Verfassung unseres Planeten können selbst Politiker nicht viel ausrichten. Ihre Aufgabe ist zwar vorwiegend die Meinung der Bevölkerung zu vertreten, nicht selten scheint es aber, als ob sie von einigen wenigen Mächtigen dirigiert und gelenkt würden. Insgesamt kann man sagen, dass Wandel auch nur funktioniert wenn die Mehrheit an einem Strang zieht und den Wandel wirklich will! Solange wir weiter zu materialistisch-kapitalistisch orientierten Umweltrowdies erzogen werden und unsere Bequemlichkeit und unser Konsum weiterhin zunehmen, wird sich nichts zum Positiven ändern. Deshalb ist es wichtig die Menschen aufzuklären und an ihre Vernunft zu appellieren, um den ökologischen Fußabdruck jedes einzelnen zu reduzieren. Zwar sind dies nur kleine Schritte, aber immerhin bieten sie einen Anfang…

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