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2014 | Deutschland, Deutsch, English

#SUI14 | Erben des Fortschritts | Inheritors of Progress

Erben des Fortschritts  | Geschichten zu Klima und Wandel in Mecklenburg-Vorpommern

The portrait series Inheritors of Progress is a collaboration of Sarah Sandring (Nirgun Films) with participants of the International Summer University Karnitz 2014 at the workshop DocuArts. Using personal interviews and polaroid photography, the project explores life in the region of Mecklenburg-Vorpommern, Northern Germany, through stories of people living in it.

Die Portraitreihe Erben des Fortschritts ist eine Zusammenarbeit von Sarah Sandring (Nirgun Films) mit TeilnehmerInnen der Internationalen Sommeruniversität Karnitz 2014 im Workshop DocuArts. In Interviews, Texten und Polaroidfotografien portraitiert das Projekt die Region Mecklenburg-Vorpommern durch Geschichten von Menschen, die in ihr leben.

Participants/TeilnehmerInnen/Photographer/Fotografen: Tatiana Abarzua, Antonia Becher, Dominika Dudzik, Tim Scholze
Art Director/ Künstlerische Leitung: Sarah Sandring
All rights reserved.

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Sarah Sandring | Erben des Fortschritts 2014 | #SUI14„Groß­städte und ländliche Regionen sind verbunden. Ihre Ent­wick­lung muss gemeinsam betrachtet werden. “

Bertold Meyer, 58, Bürgermeister, Bollewick

Ländliche Regionen sind für Bertold Meyer mehr als nur das Hinterland für immer größer werdende Städte. Meyer ist Bürgermeister des Dorfes Bollewick und treibende Kraft dahinter, dass sein Heimatdorf nun Bio-Energiedorf ist: „Dörfer sind nicht nur Miniaturausgaben von Städten. Nachhaltige Entwicklung muss gerade im ländlichen Raum an jedem Ort, in jedem Dorf, neu gedacht werden!“ Zusammen mit Landwirten, Ingenieuren, Gemeinden und dem Land Mecklenburg-Vorpommern entwickelte Meyer deswegen das Konzept Bio-Energiedorf, das Energien dort nutzen möchte, wo immer sie entstehen. Das hat laut Meyer vor allem mit Unabhängigkeit zu tun und damit, lebensfreundlich Energie zu produzieren. Alles Weitere ist Geschichte.

Zu DDR-Zeiten geriet Meyer durch seine Kritik an Umweltproblemen ins Visier der Staatssicherheit. Die Wende öffnete Raum zum Handeln. Dazu wurde ein Verein gegründet, der in den vergangen 25 Jahren viele der ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Probleme in Bollewick anpackte. Die ehemaligen mit Gülle und Chemikalien verseuchten LPG-Ställe wurden saniert. So entstand Die Scheune, heute Ausstellungs- und Veranstaltungsort, Restaurant und Sitz der Verwaltung. Es entstanden landwirtschaftliche Werkstätten. Eine Generationensiedlung 55+ ist im Bau.

Die Scheune soll ein lokales Bildungszentrum mit dem Motto „Frischer Wind statt trockene Theorie“ beheimaten, in dem konkrete Themen der Region mit einem umfassenden Bildungskonzept behandelt werden – und zwar beginnend bei Kindern. Meyer glaubt an Selbstorganisation und regionale Partnerschaft. Hierzu arbeitet er bei der Akademie für Nachhaltige Entwicklung und im Projekt Coaching für ländliche Räume, in dem Erfahrungen über regionale Projekte ausgetauscht werden.

Mecklenburg-Vorpommern ist deutscher Vorreiter, was erneuerbare Energie betrifft. Windkraft macht heute schon den größten Teil der Energiegewinnung im Land aus und deckt den eigenen Strombedarf zu 40 Prozent. Lokal heißt das: Man will sich hier unabhängig machen von Erdöl, Erdgas und Atomenergie. Man will seinen eigenen Biostrom herstellen und damit auch noch Geld verdienen und Arbeitsplätze schaffen.

Sarah Sandring | Erben des Fortschritts 2014 | #SUI14„Früher gab es Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Heutzutage kann man sich auf nichts mehr verlassen. Ich sag’ Euch, in zehn Jahren steht hier keine Kuh mehr auf der Weide.“

Wilhelm Karge, 63, Landwirt, Schlakendorf

Im letzten Zipfel von Schlakendorf, einem Dörfchen am Rand er Mecklenburgischen Schweiz, in dem alle Straßen den gleichen Namen tragen, steht das Haus von Wilhelm Karges Familie. Karge ist Landwirt. Zu DDR-Zeiten arbeitete er in der Landwirtschaftlichen Produktions­genossenschaft, die Getreide und Tiere in alle osteuropäischen Länder, insbesondere Russland, lieferte.

Nach der Wende machte er sich hier mit einem landwirtschaftlichen Betrieb selbstständig. Karge betreibt auf seinen 240 ha gepachtetem Grünland eine Mutterkuhhaltung mit über 100 Tieren. Im Gegensatz zur agroindustriellen Fleischproduktion wachsen die Kälber hier bis zu zehn Monate im Freien bei ihren Müttern auf und werden anschließend zum Ort der weiteren Nutzung transportiert.

Die wenigsten der ehemaligen LPG-Mitarbeiter konnten jedoch wie Karge nach der Wende in der Landwirtschaft bleiben. Nachdem die LPGs aufgelöst und in private Agrarbetriebe umgewandelt wurden, verlor ein Großteil der Menschen ihre Jobs.

Wilhelm Karge wollte nach der Wende einen Familienbetrieb gründen, eine Familie kann jedoch heutzutage kaum von den Erträgen leben. Da die Kinder wahrscheinlich nicht den Hof weiterführen werden, rechnet er damit, dass die Weiden und Wiesen bald nicht mehr bewirtschaftet werden. Zumal das Wetter immer unberechenbarer wird. In den letzten Jahren wurde das Peenetal oft überflutet. Seine Kühe standen knietief im Wasser.

Karge ist voller Fragen. Viele Entwicklungen in der Region sind für ihn nur noch absurd. Noch immer werden große Landflächen von Investoren aufgekauft und an die Landwirte verpachtet. Die Konzerne, die dahinter stecken, sind teilweise alles andere als naheliegend: „Fielmann hat hier viel Land gekauft. Fielmann! Wisst ihr, was die herstellen? Genau, Brillen. Die verpachten jetzt!“ Auch die Produktionswege scheinen ihm fragwürdig. Statt die Tiere zu dem Schlachthof ein paar Dörfer weiter zu bringen, muss er sie hunderte von Kilometern nach Sachsen-Anhalt liefern.

Sarah Sandring | Erben des Fortschritts 2014 | #SUI14„Nach der Wende war alles möglich. Die Verwandt­schaft hat es damals in den Westen gezogen. Ich habe nie weggewollt. Ich liebe die Landschaft. Sie hat mich geprägt.”

Kathrin Wetzel, 46, Bildhauerin, Gessin

Die Skulptur “Die Wartende” steht auf einem Sockel im Garten vor dem Atelier von Kathrin Wetzel. Ein genauer Blick auf die Hände offenbart eine starke Körperspannung. Im nächsten Augenblick könnte sich die Figur drehen. Oder direkt aus dem Stand losschreiten – als wäre der Moment festgehalten, in dem die Entscheidung für eine Bewegung getroffen wird.

Die gebürtige Gielowerin lebt mit ihrem Mann und ihren sieben Kindern in Gessin, einem Ortsteil von Basedow. Wetzel nennt sich selbst die ‚ewig Suchende’, sie erkundet immer wieder neue Pfade. Über die Jahre arbeitete sie als Bauzeichnerin, psychologische Beraterin und Kinderbetreuerin. Alle Erfahrungen kamen ihr zugute, erinnert sie sich. Ihrer Meinung nach lernte sie dadurch Menschen wirklich zu ‚erkennen’.  Vor zwei Jahren machte sie sich dann als Bildhauerin selbstständig.

Das Studium absolvierte Wetzel an der Rostocker Technischen Kunstschule. Ihre Tage waren lang. Nachdem sie die Jüngsten zur Kita und zur Schule brachte, fuhr sie die 80 km zur Kunstschule. Um 9 Uhr startete ihr Unterricht, um 15 Uhr endete er. Im Gespräch erinnert sie sich, wie tief zufrieden sie immer nach Hause gekommen sei: “Das ist ein ganz altes Handwerk, das ich hier umsetze.“ Auch für ihre Kinder sei es eine Bereicherung, dass sie Bildhauerei studiert habe. Ironisch sprechen sie von einer ‚Atelierisierung’ des Hauses.

Wetzels Mann Bernd und dessen Eltern, die gemeinsam auf dem Hof leben, sind Landwirte. Es schmerzt sie zu sehen, wie viele Lebensmittel in Deutschland täglich im Müll landen: „Ich habe zu Bernd gesagt, warum stehst du morgens überhaupt noch auf, wenn 10 Prozent unserer Lebensmittel weggeschmissen werden?“

Gessin ist ein Dorf, in dem Bürger seit etlichen Jahren ihre Dorfgemeinschaft aktiv (um)gestalten – für sich, für ihre Kinder, für die Alten. Wetzels Wurzeln in der Mecklenburgischen Schweiz sind sehr stark. Nur ein einziges Mal habe sie ernsthaft darüber nachgedacht wegzuziehen – aus Angst, ihre Kinder nicht vor rechtsradikalen Übergriffen schützen zu können: „Die sind eben geradeheraus, nehmen kein Blatt vor den Mund.“

Sarah Sandring | Erben des Fortschritts 2014 | #SUI14„Ich arbeite beim Bundes­freiwilligendienst in den Grün­anlagen – seit einem Jahr. Dann hab ich noch ein halbes Jahr Verlängerung gekriegt. Dies ist nun die letzte Woche… Ich würd’ hier sofort weiter­arbeiten, wenn ich die Gelegenheit dazu bekäme.“

Reinhard Peters, 58, Bundesfreiwilligendienst, Neukalen

Reinhard Peters wurde in Neukalen geboren. Er machte eine Ausbildung als Schlosser und arbeitete nach seiner Armeezeit in einer nahegelegenen LPG. Die kleine Stadt Neukalen am Rande der Mecklenburgischen Schweiz wird durch den Peene-Kanal und das nahgelegene Niedermoor geprägt.

Nach der Wende wurde Peters in einem großen landwirtschaftlichen Betrieb angestellt und arbeitete dort, wie er sagt, „als Mädchen für alles“. Als der Betriebsinhaber starb, erhielt er zwar noch ein anderes Angebot als Vorarbeiter in einem Tierbetrieb, doch die Arbeit habe ihm nicht gelegen.

Deshalb nahm er Ende der neunziger Jahre an einer Umschulungsmaßnahme zum Maurer teil. In den Folgejahren gab es für Maurer viel Arbeit. Reinhard Peters litt jedoch zunehmend an Rückenproblemen, die er sich in seiner Zeit als Landwirtschaftsschlosser beim Instandsetzen der schweren Ketten der Rübenernte-Maschinen zugezogen hatte. Wieder musste er seinen Job aufgeben.

Zurzeit arbeitet er beim Bundesfreiwilligendienst und pflegt den Spielplatz und den Park von Neukalen: „Die Arbeit belastet meinen Rücken nicht so schwer und die Schmerzen sind auszuhalten,“ sagt er. Er findet es schade, dass dieser sinnvolle Job bereits im September 2014 ausläuft. Anderthalb Jahre darf er für den Bundesfreiwilligendienst arbeiten, Verlängerung ist ausgeschlossen.

Seine Freizeit verbringt Peters mit seiner Frau in ihrer Laube nahe den Neukalener Wiesen. Der Wandel der Landschaft sei für ihn vor allem durch den Anstieg von Mücken und Bremsen zu spüren, die viel zahlreicher sind als in den vorangegangenen Jahren. Es sind neue Nachbarn aus dem Niedermoor. Das benachbarte Moor und die Feuchtwiesen waren früher trockengelegt und dienten als Weideland für Vieh. Im Zuge von Renaturierungs-Initiativen wird ihnen wieder Wasser zugeführt, unter anderem damit das CO2, das in ihnen verschlossen ist, nicht weiter in die Atmosphäre tritt. Mit diesen Nachbarn müssen die Peters nun wohl leben.

Sarah Sandring | Erben des Fortschritts 2014 | #SUI14„Das Problem als Asiate ist hier, es gibt viele Rassisten. Dann wird man immer gleich angestarrt: ‚Öh, guck mal ein Asiate!‘. Ich bin subkulturmäßig unterwegs – schwarze Szene und so – da hab ich sowieso das Extreme gewählt. Jetzt starren mich die Leute an für etwas, das ich will und nicht für etwas, für das ich nichts kann.“

Mei Ling Chen, 17, Schülerin, Malchin

Mei Ling Chen wurde am 20. Januar 1997 zusammen mit ihrem Zwillingsbruder in Neubrandenburg geboren. Sie lebt mit ihren Eltern und ihrem Bruder in Malchin, direkt am Steintor in einem alten Fachwerkhaus. Unten im Haus haben die Eltern ein „typisch asiatisches Modegeschäft“, oben wohnt die Familie.

Chens Eltern kamen noch vor der Wende nach Deutschland. Ihre Mutter kam aus Nordvietnam als Arbeitskraft in die DDR. Ihr Vater floh mit dem Vorwand, seinen Bruder besuchen zu wollen, aus China und lebte zunächst im Saarland. Nach dem Mauerfall lernten sich die Eltern in Demmin, nicht weit entfernt von Malchin, kennen und verliebten sich.

Mei Ling Chen mag Malchin, vor allem das Ruhige und die Möglichkeit, schnell in der Natur zu sein. In einer Großstadt zu wohnen kann sie sich nicht vorstellen, außer vielleicht zum Studieren. Wenn Sie nach dem Studium in der Gegend Arbeit findet, würde sie am liebsten wieder zurückkommen.

Nur ein paar Dinge würde sie ändern wollen, wenn sie Bürgermeisterin von Malchin wäre: Ein Jugendzentrum, in dem man herumlaufen und machen kann, was man will, mehr Projekte für Jugendliche und die Umwelt, und insgesamt alles, was Malchin für Jugendliche attraktiver machen würde. In ihrem Fall eine größere ‚schwarze Szene’, mehr Mittelalterkonzerte, Aggrotech, Gothic und Steampunk Music. Nur in eine Schublade stecken lassen möchte sich Mei Ling Chen nicht: „Ich bin auch nicht so ganz ‚schwarze Szene’, weil ich mag auch Punk.“

Sarah Sandring | Erben des Fortschritts 2014 | #SUI14„Mecklenburg-Vorpommern ist Landwirtschaftsland. Wo wir hier sind, ist eine Perle. Wo wir hier sind, ist so schön.“

Helmut Solf, 56, Schweinewirt und Triathlet, Karbow

Helmut Solf, 1958 in Ostwestfalen geboren, kam vor 20 Jahren nach Mecklenburg-Vorpommern, genauer gesagt nach Karbow. Er selbst bezeichnet sich deshalb gerne als ‚Mecklenburger mit Migrationshintergrund’.

In Karbow betreibt er seine Schweine-Landwirtschaft, die laut Solf für Mecklenburg ‚exotisch’ ist: Freiland-Sauenhaltung kombiniert mit der Bestellung von Feldern und Wiesen. Bei der Aufzucht und Mast der Schweine wird wenig dem Zufall überlassen. Im Schweinewirtjargon erklärt, bedeutet das: Die Eber ‚stimulieren’ die Sauen, die daraufhin anfangen zu ‚rauschen’ und einen sogenannten ‚Duldungsreflex’ entwickeln. Dann werden sie von Addi, Schröder, Putin oder einem der anderen Eber gedeckt oder von Helmut Solf künstlich besamt. Eine Sau trägt circa 115 Tage, dann ‚ferkelt’ sie. In Solfs Betrieb ferkelt alle drei Wochen eine große Gruppe von Sauen. Das ist viel Arbeit.

Im Jahr 2010 stellte Solf seinen Hof auf Bio-Landwirtschaft um. Die Bedingungen waren damals günstig und erleichterten den Einstieg. Bioland und Naturland suchten dringend Zulieferer. Ackerland war billig. Um den Bio-Kriterien zu entsprechen, mussten fast nur das Futter umgestellt und die Säugezeit verlängert werden. Zwei Jahre brauchten Solfs Felder für die Umstellung – nun rotieren auf den Feldern jeweils ein Jahr Sauenhaltung und drei Jahre Ackerbau. Die Äcker werden von den Schweinen gedüngt und die Sauen selbst sind froh über die räumliche Abwechslung. Der jährliche Umzug macht auch die Ausbreitung von Keimen und Krankheiten unwahrscheinlicher: „Hier hustet kein Schwein,“ beschreibt Helmut Solf den Gesundheitszustand seiner Tiere und erklärt, dass sich Tierarzt- und Medikamentenkosten seit der Umstellung minimiert haben.

Solf wirkt insgesamt zufrieden mit seinem Landwirtschafts-Konzept. Er habe sich bewusst gegen Gewinnmaximierung um jeden Preis entschieden, denn er wolle sich weder von Monsanto diktieren lassen, noch neue Sauen-Züchtungen aus Dänemark anschaffen, die bis zu 30 Ferkel auf einmal werfen. Mit der Bio-Landwirtschaft, so Solf, leiste er seinen persönlichen Beitrag gegen den Klimawandel. Auf dem Hof arbeitet die ganze Familie mit. „Es war mein Bestreben, dass ich Spaß daran habe und die Tiere auch“.

Sarah Sandring | Erben des Fortschritts 2014 | #SUI14„In Gessin leben wir Soli­da­rität. Für Besucher gibt es freie Stellplätze für Wohnmobile. Wir bieten den Leuten auch an, die Toiletten und Waschgelegenheiten im Mittelhof zu nutzen. Das spüren die Touristen. So werden Gäste und Urlauber zu Nachbarn auf Zeit“.

Bernd Kleist, 56, Dorfaktivist, Ladenbesitzer, Gessin

Das Dorf Gessin liegt im Landkreis Demmin, einer Region mit extrem hoher Abwanderungsquote. Seit 1991 fiel hier jeder dritte Arbeitsplatz weg. 17 Prozent  der Bewohner im erwerbsfähigen Alter leben von finanzieller Hilfe – ein deutscher Rekord. Als Bernd Kleist bei einer Informationsveranstaltung des Landes zu demografischem Wandel von seinem Sitznachbar hörte, „Bernd, weißt Du wie es ist, jeden Tag aus der Dose zu fressen?“ war klar, es musste sich etwas ändern.

Der ehemalige Lehrer und Verwaltungsangestellte gründete gemeinsam mit seinen Dorfnachbarn den Verein Mittelhof Gessin e.V., baute ein altes Gebäude seines Anwesens zu einem CO2-neutralen Dorfhaus um und brachte ‚Leben in die Bude’. Vom Männerabend, über die Gründung einer eigenen Schule, bis hin zum gemeinsamen Mittagstisch, Konzerten, Mal-, Computer-, Keramik- und Filmaktivitäten – die Bewohner krempelten ihr Dorf um. Heute kommen viele Besucher, um zu lernen, wie sie es gemacht haben. Auch moderne Initiativen mit technischem und touristischem Weitblick tragen dazu bei: Gessin hat die einzige E-Tankstelle der Region.

Im September 2013 startete das neueste Projekt von Kleist und seiner Frau Maria, die Gründung eines Naturkostladens in ihrem Mittelhof. Dort schenkt Kleist nun Kaffee aus und schnackt mit bekannten und unbekannten Gesichtern. Gegenüber des Ladens befindet sich die liebevoll renovierte Dorfkapelle: „Maria und ich haben dort geheiratet – das war wahrscheinlich die erste Hochzeit seit 100 Jahren. Früher gab’s hier nur Beerdigungen.“

Gessin ist ein „Bauerndorf“ mit 70 Bewohnern (davon 15 Kinder). „Keiner will aus dem Dorf weg,“ sagt Bernd Kleist. Und trotzdem ist klar, das Dorf wird älter. Statt dem Altern hilflos zuzusehen, haben sich die Bewohner jedoch bewusst dafür entschieden „gemeinsam kulturvoll zu altern.“ Dazu gehört, sich schon jetzt gut kennenzulernen, Kultur ins Dorf zu holen und gemeinsam Lebensräume und Transportnetzwerke zu schaffen, auf die man im Alter vertrauen kann.

Auf die Frage, was das Dorf in Zukunft braucht, antwortet Kleist: „Noch mehr Nachhaltigkeit und weitere Entwicklungen. Unser Dorf hat Lust auf Wandel.“

Sarah Sandring | Erben des Fortschritts 2014 | #SUI14“Hofläden gibt es wenige in der Mecklenburgischen Schweiz. Bio war hier früher nicht zu kaufen. Das Fleisch aus dieser Region wurde direkt nach Berlin vermarktet.”

Gerda Lichtenau, 49, Agrarwissenschaftlerin, Ladenbesitzerin, Zepkow

Gerda Lichtenau lebt mit ihrer Familie in Zepkow, einem kleinen Dorf in der Mecklenburgischen Seenplatte. Seit drei Jahren betreibt sie einen Regionalmarkt mit Bistro für Bioprodukte in Bollewick – ein paar Dörfer weiter. Um einen direkten Lieferbezug  für ihre Lebensmittel zu schaffen, gründete sie gemeinsam mit Gleichgesinnten eine eigene Erzeugergemeinschaft, die Seeland Müritz GmbH, die aus neun regionalen landwirtschaftlichen Betrieben besteht. Das Fleisch wird zum Beispiel direkt nebenan bei Thönes, einer der ‚gläsernen Werkstätten’ in Bollewick, verarbeitet. Durch große Fenster kann man der Produktion zuschauen. Aus ihrer eigenen Pilzzucht kocht Lichtenau frische Pilzpfannen für die Bistro-Gäste.

Auf dem Dach des Ladengebäudes wurde eine Solarstromanlage installiert, genauso wie auf dem Dach der Feldsteinscheune auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Die beiden Gebäude bilden einen Treffpunkt und sind kulturelles Zentrum des Dorfes.

Zu DDR-Zeiten studierte Gerda Lichtenau Landwirtschaft in Rostock. Nach der Wende gab es jedoch kaum Arbeit für ausgebildete Landwirte in Mecklenburg-Vorpommern. Vor rund zehn Jahren kam sie zurück in die Mecklenburgische Schweiz. Im Gespräch räumt sie ein, dass Produkte aus ökologischer Landwirtschaft hier, im ländlichen Raum, noch eine Nische darstellen. Biowaren zu verkaufen sei in der Region schwieriger als im Umfeld großer Städte. Gründe dafür seien die niedrige Bevölkerungsdichte und eine geringe Kaufkraft. Zudem versorgen sich viele Einheimische mit Nahrung aus dem eigenen Garten.

Nach Meinung von Lichtenau, sind Menschen, die „Bio-Pioniere“ sind und „viel bewegen“, für die Region unheimlich wichtig. Besonders kritisch in diesem Zusammenhang sei, dass sehr viele gut ausgebildete, junge Frauen wegzögen. Für sie würden nur begrenzt Möglichkeiten in der Region angeboten. Dadurch bleiben auch die Kinder weg.

Auch eine von Gerda Lichtenaus Töchtern ist im Moment für einen Auslandsaufenthalt in Lateinamerika: „Es ist wichtig, dass Menschen in jungen Jahren die Welt bereisen, um zu sehen, dass da noch mehr ist. Bereichert durch diese Lebenserfahrung, können sie die Vorteile des Lebens hier besser wertschätzen, wenn sie zurückkommen.“

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