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J. Borner | Der ungute Stern über Paris – oder wie Klimakommunikation irritiert

Der Klimawandel wird von den naturwissenschaftlichen Disziplinen in hervorragender Weise kommuniziert. Auf der ECCA 2015 vom 12. – 14.Mai in Kopenhagen – einer Konferenz, die nach Möglichkeiten der Anpassung an den Klimawandel sucht und die (vic) von drei europäischen Forschungsprojekten organisiert wird, stellte Hans von Storch (Institut für Küstenforschung der Helmholz-Gesellschaft) den BACC-II-Report vor. Das ist der IPCC-Bericht im Kleinen für den Ostseeraum. 141 Meterologen, Hydrologen, Ozeanografen und Biologen aus 12 Ländern waren an der Formulierung des Berichts beteiligt, der was sagt: die Aussagen über die Veränderungen werden immer robuster; die Temperaturen des Wasser steigen bis zum Ende des Jahrhunderts um 4 Grad, der Meeresspiegel um 30 bis 80 cm, die Niederschläge im Winter nehmen zu, im Sommer reduzieren sie sich dagegen um 40% usw.

Was sagt das – kurz vor COP 21 – dem Pariser Weltgipfel zur globalen Klimapolitik? Was bedeuten diese Aussagen für Entscheidungsträger – egal ob in der Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Wissenschaft, Zivilgesellschaft?

DAS IST ES NICHT, was die Aussichten eines klimapolitischen Durchbruchs, der die „klimatischen Irritationen“ von COP 15 auflöst, steigert. DAS IST ES NICHT, was in der Lage ist, die „große Transformation“ als Bürgerbewegung in Bewegung zu setzen. DAS IST ES NICHT was wesentliche Entscheidungsträger im Ostseeraum – die Bürgermeister anliegender Gemeinden, die Fischer, Bauern und Touristiker u.a. bewegen könnte, individuelle und kleinräumige Anpassungsstrategien zu erkunden.

Warum?

  • Um gesellschaftliche Resonanz auszulösen müssen die Konsequenzen des Klimawandels für das alltagskulturelle Geschäft der Interessen- und Bevölkerungsgruppen verständlich werden. Wie wollen wir uns ernährt haben in 2050, wie wollen wir mobil gewesen sein in 2050, welche Spielregeln des Umgangs mit der Natur, aber ebenso mit uns selbst – als Gattung und als Generation und als Nation und als Gruppe werden wir in der Lage gewesen sein einzurichten?

In der Gesellschaft der beteiligten Wissenschaften an dem Projekt von Hans von Storch sind Soziologen, Kulturwissenschaftler, Anthropologen, Historiker, Pädagogen, Philosophen u.a. einfach nicht gelitten. Doch deren Beschreibungen über die Folgen und Folge-Folgen des Klimawandels in der ökonomischen, politischen, sozialen Alltagskultur können nur diese leisten – wenn sie sich dafür kompetent machen. Hier haben wir es nach wie vor mit einer (natur)wissenschaftlichen Arroganz zu tun, die deshalb so offensichtlich deplaziert und unnötig ist, als wir es mit einem historisch äußerst knappen Entscheidungsfenster zu tun haben, der den Luxus verbietet, sich die Partner, Kumpels und Kommunikationsformate aussuchen zu können, die einem für das „Leben nach dem Klimawandel“ nützlich sein könnten.

  • Ganz draussen vor sind bei dem Event die Träger anderer Wissenstypen – nämlich die mit dem aktuellen Erfahrungswissen zum Klimawandel, die mit historischen Erfahrungen und Erzählungen, die mit ästhetischer Annäherung zu den kulturellen Umbrüchen. Dabei sind sie – besonders im regionalen Kontext (und da besonders in Regionen, wo sich die wissensbasierte Infrastruktur von notwendigem Klimaschutz und möglicher –anpassung auflöst) die wesentlichen Wissensträger, die zeitnah zu den Phänomenen Handlungsbedarf signalisieren und Handlungsorientierung geben können. Sie „produzieren“ Entscheidungswissen in ihrer Auseinandersetzung mit den alltagskulturellen Folgen des Klimawandels. Ihr Wissen ist Basisfaktor im „Alphabetisierungsprozess“ beim Umgang mit den Transformationen einerseits (Erkenntnis). Andererseits ist ihre kulturelle Kompetenz ein wesentlicher Faktor für die Ausprägung „robusten Wissens“ zur Transformation einer Klimakultur – in ganz praktischem, in strukturellem Sinn.

Wie aber sollen wir nun reden zum Klimawandel? Dessen gesellschaftliche Auswirkungen – das ist den langjährigen „Begleitern“ des Klimawandels selbstverständlich klar – gehen ja weit über politische und technische Fragestellungen hinaus. Es geht um kulturelle Umgangsformen mit der natürlichen Umwelt, die völlig ausserhalb unserer heute steuernden Spielregeln und üblichen Normen liegen.

Imagine | Foto: A. Mette CC BY 4.0

Foto: A. Mette CC BY 4.0

Vielleicht kommunizieren wir juristisch darüber? In Neuseeland hat in einem gerichtlichen Asylverfahren ein Flüchtling zum ersten Mal auf der Welt den juristischen Titel „Klimaflüchtling“ und damit Asylrecht erhalten. In Peru bereitet ein Naturführer eine Klage gegen RWE vor. Grund ist, dass über dem Ort des Mannes sein Urgedenken ein See liegt, der nun durch schmelzenden Gletscher überzulaufen droht. Da RWE Mitverursacher des Klimawandels ist ist es damit auch ansprechbar für einklagbare Schutz- oder Schadensersatzmaßnahmen.

Trotz vieler massenmedialer Thematisierungen des Klimawandels möchte ich behaupten, dass viele Politiker, Wirtschaftsleute, Vertreter der Zivilgesellschaft und eine größere Zahl der Bevölkerung nur vage ahnen, was bei den globalen Aushandlungen in COP 21 (Paris) auf dem Spiel steht. Was meint Harald Welzer mit Klimakultur? Was bedeutet Klimagerechtigkeit? Was heißt da große Transformation? Wie lassen sich Aktienwerte von Unternehmen fossiler Energieversorgung so entwerten, dass die gegenwärtig noch im Boden lagernden Kohlenstoffe im Boden bleiben?

Es fehlen uns immer noch die Erzählungen über Klimakultur usw., die so faszinierend sind, dass sie die Faszination des Kapitalismus überdecken, die so „lukrativ“ im Sinn eines „guten Lebens“ sind, dass sie das Lukrative eines Massenkonsums überscheinen. Natürlich brechen diese Erzählungen mit vielen heutigen Selbstverständlichkeiten. Weil sie Neues vorschlagen schüren sie Verunsicherung. Also wäre es auch klug, wenn sie – als hinreichende Bedingung – Kulturtechniken wie Neugierde, Abenteuerlust, Kreativität in Wert setzen würden!

Berlin, 25.5.2015 – kurz nach den Petersberger Gesprächen

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