Schöne Neue Welt? – Die Erde und die Nachhaltigkeits-Agenda 2030

von Emily Joy Neumann, Madeleine Porr und Silke Schoenwald
Wo die wilden Kerle spielen

Paolo Calleri: “Wo die wilden Kerle spielen” (27.09.2015)

Sollte etwa das einzige nachhaltige Ergebnis der 17 UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDG) das persönliche Glücksgefühl gewesen sein, mit dem sich am 25. September 2015 die 193 Staats- und RegierungslenkerInnen in die Arme fielen? Zu widersprüchlich scheinen nämlich viele dieser Ziele der aktuellen globalen Wirklichkeit gegenüberzustehen.

Die drei Autorinnen kommentieren im Folgenden beispielhaft drei SDG und zeigen die Anforderungen im deutschen bzw. europäischen Kontext auf, damit es auch zu Glücksgefühlen durch das Erreichen dieser drei Ziele kommt.

 

E_SDG_Icons-12SDG Nr. 12: 
„Nachhaltige Konsum- und Produktionsweisen sicherstellen“


Dieses Nachhaltigkeitsziel behandelt hauptsächlich die Bewirtschaftung und Nutzung von Ressourcen, die Abfallvermeidung und das Einsparen von umweltschädlichen Chemikalien. Außerdem verlangt es ein Nachhaltigkeitsbewusstsein der Bevölkerung.

Widersprüche

Was da so nonchalant auf dem 12. Platz daherkommt, ist tatsächlich eine Absichtserklärung ganz grundlegender Art: Menschen ändern ja nur sehr ungern und schwerfällig ihr – mehrheitlich nicht nachhaltiges – Verhalten, ob nun als UnternehmensführerIn, beim persönlichen Einkauf oder beim Essen. Noch dazu, wenn sich im Laufe der Zeit auch gesamtgesellschaftliche Wertvorstellungen und Prioritäten verschoben haben. 

So ist das Gewinnstreben im kapitalistischen Wirtschaftssystem ein anerkanntes Handlungsziel geworden und hat sich damit in eines der Hauptprobleme verwandelt, die dem SDG 12 Beschränkungen auferlegen; denn für viele Unternehmen lohnt es sich – zumindest finanziell – schlichtweg nicht, nachhaltige(re) Entscheidungen zu treffen, solange nicht die tatsächlichen Kosten ihres Handelns bilanziert werden müssen. 

Doch wird das Wachstums- und Gewinnstreben der Unternehmen ja immer nur durch ein entsprechendes KonsumentInnenverhalten gestützt. Bestes Beispiel: der Fleischkonsum. Eine durch künstlich niedrige Preise und gezielte Werbemaßnahmen forcierte Nachfrage liefert den einschlägigen UnternehmerInnen die besten Argumente für Massentierhaltung und großflächigen Anbau von Tierfutterpflanzen – mit den bekannten Folgen: Tierquälerei, verminderte Anbauflächen für Nahrungspflanzen für Menschen, zunehmender Mangel an Trinkwasser für die Menschen, Anstieg des Kohlendioxids in der Erdatmosphäre und ungebremster Temperaturanstieg dort usw. …

Anforderungen für die Umsetzung

Welche Wege stehen uns für das Erreichen von SDG 12 auf deutscher und europäischer Ebene offen bzw. können sofort zu breiten Straßen ausgebaut werden?

  • umfassende generationenübergreifende Bildungs- u. Aufklärungsarbeit, die so genannte Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE)
  • verantwortungsbewusster Umgang mit allen unseren Ressourcen – auf persönlicher ebenso wie auf institutioneller Ebene, mit dem Staat in der Vorbildfunktion; insbesondere die Produktion und Verwendung von Plastikverpackungen sanktionieren
  • deutlich sicht- und erfahrbare staatliche Förderung aller Initiativen zu BNE sowie Ressourcen-Schonung und -Effizienz, im privaten wie im unternehmerischen Bereich
  • für die betriebs- und die volkswirtschaftlichen Bilanzen zur Pflicht machen, dass die Folgekosten für Umwelt und Gesellschaft mit eingerechnet werden.

E_SDG_Icons-15SDG Nr. 15: 
„Landökosysteme schützen, wiederherstellen und ihre 
nachhaltige Nutzung fördern, Wälder nachhaltig bewirtschaften, 
Wüstenbildung bekämpfen, Bodendegradation beenden und umkehren 
und dem Verlust der biologischen Vielfalt ein Ende setzen“

Widersprüche

Auch das drittletzte (!) Nachhaltigkeitsziel birgt jede Menge Zündstoff, denn es geht um nichts weniger als um die Rückkehr zu einem respektvollen Umgang mit dem Boden, auf und von dem wir leben. Und auch dieses Ziel steht einer diametral entgegengesetzten gängigen Sichtweise gegenüber: nämlich die Erde als Rohstoffreservoir anzusehen, das nach Kräften und technischen Möglichkeiten geplündert werden kann. 

Dieselbe deutsche Bundesregierung, die die Agenda 2030 mit unterschrieben hat, kann im Politikpapier 8 ihres Wissenschaftlichen Beirats Globale Umweltveränderungen unter dem Titel “Zivilisatorischer Fortschritt innerhalb planetarischer Leitplanken” jetzt den Begriff “Erdsystemleistungen” lesen, wenn von der lebens- und nahrungsspendenden “Mutter Erde” die Rede ist.

Wirtschaftliches Gewinn- und Wachstumsstreben führen auch beim SDG 15 dazu, dass z. B. im Tourismus-Sektor (aktuelles Beispiel Rügen) statt auf Entschleunigung und auf dezentrale touristische Angebote in und mit der Natur zu setzen, die Infrastruktur Schritt für Schritt in Form von großen Straßen und Hotelhochhäusern ausgebaut wird. So geht bei der Flächenausweisung und -nutzung der Zweikampf weiter zwischen Bettenburgen-Investoren einerseits und den Schutzgebieten (u.a. Nationalpark, Biosphärenreservat) andererseits.

Betongegossene Straßen und Plätze drängen hier wie anderswo auch landwirtschaftliche Nutzflächen und umliegende Lebensräume wie Wald- und Wiesenflächen zurück oder zerstören diese nachhaltig. Neben der langfristigen Bodendegradation wird so auch der Verlust der biologischen Vielfalt eher befördert statt, wie anvisiert, darauf hinzuarbeiten, den Verlust zu beenden.

Anforderungen für die Umsetzung

  • Auch für die Umsetzung von SDG 15 brauchen Deutschland bzw. Europa nicht bei Null anzufangen: Schon die Umsetzung existierender internationaler Leitlinien, wie z.B. die Einhaltung der “Guten landwirtschaftlichen Praxis” durch heimische Bäuerinnen und Bauern, zusammen mit dem Blick auf die Anbauerfahrungen in anderen Ländern, birgt großes Potenzial für eine Verbesserung der Situation. 
  • Der Natur abgeschaute Konzepte wie Permakultur, Hauptfruchtanbau mit Unterbau oder ein Zurück zum jährlichen Wechsel der Anbaupflanze wie in der „Dreifelder-Wirtschaft“ sind Beispiele aus einer landwirtschaftlichen „Vergangenheit“, die vielleicht in Vergessenheit geraten sind, aber auch heute noch funktionieren. 
  • Aus Asien und Südamerika grüßen Erfolgsrezepte früherer menschlicher Hochkulturen wie die Terra Preta (hoch fruchtbare menschengemachte, aber sich selbst reproduzierende schwarze Erde) und die vielfältige Nutzung so genannter Effektiver Mikroorganismen.

E_SDG_Icons-09SDG Nr. 9: 
„Eine belastbare Infrastruktur aufbauen, 
breitenwirksame und nachhaltige Industrialisierung fördern 
und Innovationen unterstützen“

Dass es hier die unterschiedlichsten Interpretationen geben wird, dürfte nicht verwunderlich sein – angefangen bei der Übersetzung der englischen Begriffe aus den Originaldokumenten. 

Wird es wirklich um den Aufbau einer “resilient infrastructure” gehen? Und um eine nachhaltige und “inclusive industrialization”? Dann wird wohl z. B. …

  • … flächendeckend in Gebäude und Straßenbeläge aus nicht bodenversiegelnden, “atmenden” und nachwachsenden Rohstoffen wie Bambus, Lehm, Stroh, Reiskleie etc. investiert werden;
  • … konsequent in allen gesellschaftlichen Bereichen dafür gesorgt werden, dass jeder Mensch in seiner Individualität akzeptiert wird und die Möglichkeit hat, in vollem Umfang an ihr teilzuhaben oder teilzunehmen;
  • … in großem Maßstab die Arbeit regionaler ProduzentInnen-KonsumentInnen-Netzwerke für die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln erleichtert und unterstützt werden (über zinslose staatliche Darlehen, vereinfachten Zugang zu den notwendigen Ressourcen, geringe Steuersätze u.v.m.);
  • … transministeriell der Aufbau dezentraler lokal-regionaler Mini-Industrien mit ausschließlich erneuerbaren Ressourcen gefördert werden, die in Zusammenarbeit mit Hochschulen und anderen Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen flexibel und in kurzer Zeit nachhaltige Innovationen umsetzen können; u.v.m.

* * *

Ja, die 193 Staats- und RegierungslenkerInnen müssen wirklich überglücklich gewesen sein, als sie diese drei Nachhaltigkeitsziele zusammen mit den anderen 14 verabschiedeteten. Überglücklich vor allem über ihren offensichlich damit verbundenen Entschluss, endlich dem neoliberalen Denk- und Wirtschaftsmodell den Rücken zu kehren, das ja einem nachhaltigen Leben und Wirtschaften so lange im Wege stand und nun obsolet ist. 

Und richtig nachhaltig überglücklich dürfen sie auch deshalb sein, weil sie wissen, dass ihnen überall – im eigenen Land wie weltweit – kompetente Menschen mit überzeugenden und längst erprobten alternativen Konzepten bei der Umsetzung der SDG zur Seite stehen.


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