Wachstum und Ungleichheit – neue Geschichten braucht die Welt

Ein Beitrag von Aline Schneider, Bendix Vogel, Kathrin Doil und Charlotte Gengenbach

Geschichten prägen unser Denken und unsere Vorstellung von der Welt. Denn aus ihnen entstehen Narrative: sozial und kulturell (re)produzierte Erzählmotive, die im gesellschaftlichen Diskurs Sinn stiften. Narrative sind so tief verankert, dass wir Menschen uns unbewusst an ihnen orientieren, ohne uns explizit auf sie zu beziehen. Doch irgendwann ist es an der Zeit, Geschichten zu hinterfragen und die zugrundeliegenden Narrative zu erneuern.

Die Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, kurz: SDGs) sind ein neuerer Versuch, Menschheitsgeschichte zu schreiben. Ende 2015 von den UN-Staaten verabschiedet, stellen die 17 Ziele die Leitlinien für ein globales Umsteuern in Richtung Nachhaltigkeit dar.

Die Frage ist jedoch: welche Narrative liegen den Zielen zugrunde? Wo braucht es neue Geschichten, welche die alten ablösen?

Die alte Mär von Wirtschaftswachstum und Entwicklung

(Bild über CC-BY-SA 3.0, UN)

Spätestens seit 1972 der Club of Rome auf die Grenzen des Wachstums verwies, werden Auswirkungen der Industrialisierung und einer wachsenden Weltbevölkerung auf Verbrauch und Ausbeutung von natürlichen Ressourcen kritisch beäugt. Nicht zuletzt im Zuge der sich verschärfenden Klimakrise haben solch kritische Stimmen in den letzten Jahren erneut an Präsenz und gesellschaftlicher Sichtbarkeit gewonnen. Ihre Forderung: die Abkehr vom Paradigma des Wirtschaftswachstums.

Dennoch, trotz vieler überraschend progressiv erscheinender SDGs, wird nicht am Wachstumsparadigma gerüttelt. Im Gegenteil: SDG 8 betont explizit das Ziel eines nachhaltigen Wirtschaftswachstums.

Nun stellt sich die Frage, warum Wirtschaftswachstum überhaupt erstrebenswert sein soll. Denn anders als viele andere SDGs wie Armut beenden, Ernährung sichern oder Gesundes Leben für alle trägt Wirtschaftswachstum nicht unmittelbar zum Wohl der Menschen bei. Vielmehr beruht SDG 8 auf Narrativen, die dem aktuellen gesellschaftlichen Konsens in den meisten Ländern der Welt entsprechen:     

  • Menschliche Entwicklung ist nicht möglich ohne Wirtschaftswachstum.
  • Wirtschaftswachstum bringt (materiellen) Wohlstand für alle und (materieller) Wohlstand macht alle glücklich.
  • Ohne Wachstum geht alles zugrunde. Und wenn ohne Nachhaltigkeit auch alles zugrunde geht, dann brauchen wir eben nachhaltiges Wachstum.

Es sind diese Narrative, auf deren Grundlage Politik sich an einer einzigen Zahl, dem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP), ausrichtet  – statt am menschlichen Wohlergehen und dessen langfristiger Sicherung. Auch in der Agenda 2030 bleibt Wirtschaftswachstum die zentrale Mess- und Zielgröße für die Weiterentwicklung kapitalistischer Gesellschaften und damit verknüpfte Wohlstands-Versprechen. Dabei zeigt schon ein recht kurzer Blick auf die Geschichte und die Gegenwart, dass Wahrheitsgehalt und Allgemeingültigkeit dieses Narrativs fragwürdig sind. Ein Beispiel: während nach Zahlen des statistischen Bundesamtes das deutsche BIP sich zwischen 2000 und 2013 von 1,95 Billionen auf 3,75 Billionen US-Dollar beinahe verdoppelt hat, stagnierte der Reallohnindex oder stagnierte zeitweise sogar. Die „Wirtschaftskraft“ hat sich also fast verdoppelt, aber die Reallöhne sind im Mittel gleich geblieben. 

Grünes Wachstum – geht das überhaupt?
(Bild von pixabay.com, free for commercial use, no attribution required)

Nachhaltiges Wirtschaftswachstum soll gewissermaßen den Spagat zwischen dem Erreichen aller SDGs und dem Festhalten am Wachstumsparadigma ermöglichen. Dieses Modell der Green Economy basiert auf der Annahme, dass Wirtschaftswachstum vom Ressourcenverbrauch durch gesteigerte Effizienz entkoppelt werden kann. Allerdings geht Wirtschaftswachstum bislang mit Produktions- und Konsumverhältnissen einher, die mit dem Einhalten planetarischer Leitplanken, wie intakten Ökosystemen und einem stabilen Klima, nicht vereinbar sind. Zudem ist unter Ökonomen umstritten, ob globales Wirtschaftswachstum und eine deutliche Reduktion des globalen Ressourcenverbrauchs überhaupt langfristig vereinbar sind.

(Bild über CC-BY-SA 3.0, UN)

Diese Kritik am Wachstumsparadigma wird noch expliziter, wenn es zusammen mit SDG 10 betrachtet wird. Dieses Ziel strebt an, Ungleichheit zwischen Ländern zu verringern, welches sich beispielsweise in der weltweit schiefen Einkommensverteilung, der so genannten Schere zwischen Arm und Reich, widerspiegelt. Gängige Antworten auf die extreme Ungleichheit lauten:

  • Wirtschaftswachstum ist das beste Mittel zur Bekämpfung von Ungleichheit und Armut.
  • Durch Entwicklungshilfe der Industriestaaten können Entwicklungsländer gestärkt werden, damit diese aufholen können.

Entwicklung durch Wirtschaftswachstum ist nach wie vor eine starke Erzählung. Diese beruht auf der historischen Entwicklung der Länder in Europa und Nordamerika und soll nun sozusagen als Blaupause für andere Länder dienen. Im Sinne von: „entwickelt euch so wie wir.“ Dies suggeriert zum einen, dass Entwicklung eine Leiter ist, die durch eine florierende Wirtschaftskraft erklommen werden kann – während oben auf dieser Leiter die bereits “entwickelten” Länder thronen.

Zum anderen werden hier historische Gründe für heutige Ungleichheiten zwischen Ländern ignoriert, welche auf 500 Jahre Kolonialgeschichte zurückgehen. Reichtum in (ehemals) kolonisierenden Ländern basiert auf Armut und Ressourcenraub in kolonisierten Ländern. Diese Machtverhältnisse reichen bis in heutige globale Wirtschafts-, Finanz- und Organisationsstrukturen hinein. Armut, Hunger, unzureichende medizinische Versorgung – viele der in den SDGs adressierten Probleme sind das Ergebnis kolonialer und immer noch stattfindender Ausbeutung des Globalen Südens durch den Globalen Norden. Zudem sind die Länder des Globalen Südens nur zu einem sehr geringen Teil für das Erreichen der Belastungsgrenzen unseres Planeten verantwortlich.

Dies anzuerkennen bedeutet, Fragen der historischen Schuld im Kontext von Entwicklungsmöglichkeiten direkt zu adressieren, welche von den Ländern des Nordens gerne beiseite gelassen werden. Es bedeutet zudem, dass strukturelle Ungleichheit zwischen den Ländern nicht mit einer Entwicklungshilfe von 0,7 % des BIP der Länder des Globalen Nordens bekämpft werden kann. 

Verteilungsgerechtigkeit nach alter Schule (Bild von Schwarwel Karrikatur)

Die Große Transformation der Geschichte(n)

Die SDGs sind ein erster Schritt zu einem neuen Entwicklungsverständnis, in welchem Handlungsbedarf in Bezug auf Menschenrechte, Einkommensverteilung sowie Beitrag zum Umwelt- und Klimaschutz in allen Ländern der Erde thematisiert werden. Es wird jedoch deutlich: um eine gesellschaftliche Transformation voranzutreiben, braucht es neue Erzählungen. Neue Narrationen, die die alten Narrative ins Wanken bringen und sie hoffentlich langfristig untergraben.

Ein kleiner utopischer Blick in die Zukunft:

Die Lebensqualität wird in den Ländern des Globalen Nordens ab einem gewissen Wohlstandsniveau nicht mehr an der Steigerung des Bruttoinlandsproduktes gemessen, sondern in immateriellen Werten. Beispiele sind die Arbeitszeitverkürzung zugunsten von Zeit zur individuellen Entfaltung, die Verringerung von Lärm- und Luftverschmutzung und die Umnutzung von städtischem Lebensraum. Wohlstand bedeutet dann nicht nur, wie viel Geld ein Mensch zur Verfügung hat – sondern beispielsweise auch, dass er*sie an demokratischen Prozessen teilhat, einer menschenwürdigen Arbeit nachgeht und in gesunden Beziehungen zu seinen*ihren Mitmenschen und der natürlichen Mitwelt.

Um diese Art von Wohlstand zu erreichen, haben Länder des Globalen Nordens diverse Schritte unternommen, Wachstumszwang und Konsumorientierung etwas entgegenzusetzen. Statt reiner Effizienzsteigerung steht Suffizienz im Vordergrund. Diese Neuausrichtung entlastet nicht nur die Umwelt, sondern trägt erheblich zur Verringerung der Ungleichheit zwischen den Ländern bei. Endlich kommt der Globale Norden seiner Verantwortung nach, den eigenen ökologischen Fußabdruck zu reduzieren und gleichzeitig anderen Ländern Entwicklungschancen einzuräumen. So steigt der weltweite Ressourcenverbrauch seit kurzem nicht weiter an und ist gerechter zwischen den Ländern verteilt. Auf diese Weise konnten Menschen aus Ländern des Globalen Südens drastisch ihren Lebensstandard erhöhen und ihre Wirtschaftskraft stärken. So eine Umverteilung spiegelt sich auch in anderen Aspekten von Ungleichheit wieder: Armut und Reichtum werden als zwei Seiten derselben Medaille anerkannt. Strukturellen Ursachen von Armut und Ungleichheit wird durch eine faire Handels-, Agrar-, Klima- und Entwicklungspolitik begegnet. Beispiele hierfür sind internationale Finanztransaktionssteuern und ein internationales Übereinkommen, welches die Rechte der Bäuerinnen und Bauern und das damit verbundene Recht auf Nahrung stärkt.

Es sind Geschichten wie diese, die es braucht für eine Abkehr vom „Weiter-wie-bisher“. Wie viele kleine Tropfen höhlen sie die alten, irreführenden Narrative aus und lösen diese peu à peu ab. 

(Bild von PixelPunkt)

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