Eine Geschichte aus der Zukunft – Aus der Normalität der Food Commons

© Julija Bakunowitsch, 2020

Ein ganz normales Leben

Anna ist 25 Jahre und wohnt in Bochum. Ihr Alltag im Jahr 2050 ist so anders als die Realität der Menschen, die im Jahr 2020 lebten. Lebensmittel werden nicht mehr primär als Privateigentum begriffen. Stattdessen ist Ernährung durch die Idee vom Gemeinschaftsgut geprägt. Lebensmittel werden heute als das betrachtet, was sie schon immer waren: Mittel zum Leben. Auch Annas Ernährungsalltag ist durch die Organisations- und Lebensform gekennzeichnet, die in Europa als Food Commons in den 2020er Jahren bekannt geworden ist.

Ein Beitrag von Cara Schulte, Julija Bakunowitsch und Steffen Schwardmann (17.07.2050)

Für Anna sind Stadtkantinen das beste Beispiel für den modernen Zeitgeist. Stadtkantinen sind Orte der Gemeinschaftsverpflegung, wo jede Bürger*in gegen einen symbolischen Preis vollwertige Mahlzeiten bekommt. Diese Orte sind beliebt, sagt Anna: „Was ich besonders schön finde – man trifft dort wirklich die unterschiedlichsten Menschen, die sich sonst nicht begegnen”. In Städten und Dörfern fest etabliert, werden diese Institutionen auf der kommunalen Ebene solidarisch und demokratisch organisiert und je nach Bedarf entsprechend gestaltet. Dadurch ist gutes und gesundes Essen für wirklich alle Menschen in Deutschland verfügbar. Bio, lokal, nahrhaft, frisch & fair sind kein Luxus mehr, keine Frage des Geldbeutels oder der Zeit, sondern die Normalität der food commons-Erfolgsgeschichte. Weil seit 30 Jahren ein Prozess der Lebensmittel-Dekommodifizierung im Gang ist, sind Food     Commons heute so selbstverständlich, wie für viele früher einst der Gang in den Supermarkt.

Die Einsicht, dass Lebensmittel keine beliebige Handelsware sind, ist in breiten Schichten der Gesellschaft angekommen. Im gesamten Wertschöpfungskreislauf wird kooperiert, fair geteilt und gerne geschenkt. Eigenschaften wie Ressourcenintensität, Geschmack und Vielfalt stehen im Vordergrund. Das alles basiert auf einem Konsens darüber, dass das Gemeinwohl als gesellschaftliches Ziel im Bereich der Ernährung nicht zufriedenstellend erreicht werden kann, wenn Lebensmittel ausschließlich als privates Konsumgut gedacht, produziert, verarbeitet und konsumiert werden. Vermeidbare Lebensmittelverschwendung ist in der heutigen Kultur als sozial schädliche Handlung institutionell verankert. Auch der Bezug zum Ort der Produktion ist wichtig, zum Beispiel ist “Terroir” – das Zusammenwirken klimatischer, bio-physischer und kultureller Faktoren einer Region auf die Lebensmittelproduktion – ein selbstverständlicher Begriff im alltäglichen Sprachgebrauch. Heute wächst jedes Kind mit dem Bewusstsein auf, dass Lebensmittel auch Beziehungen verkörpern. Sie sind zum Symbol für sinngebende zwischenmenschliche und nachhaltige Mensch-Umwelt Verbindungen geworden.

 

Ein Blick in unsere Vergangenheit

Was hat uns alle zu den Food Commons geführt? Wie sah es früher aus? Für viele Menschen sah Normalität so aus, dass sie ihr Leben für sich alleine lebten und trotz einer globalisierten Welt nicht an andere dachten. „Meine Nahrung ist günstig, das ist alles was ich wissen muss!“ Aber woher kommt sie? Wer produziert sie? Das waren Fragen, die gesellschaftlich keine große Rolle spielten.

Der Schritt in Richtung Ernährungssicherheit begann bei der Verantwortung, die den Menschen als Konsument*innen zugeschrieben wurde. Fairtrade-Produkte und Produkte, die auf eine naturnahe Produktion achteten wurden eingeführt. Viele kleine Logos auf den Verpackungen zeigten verschiedene Standards an. Allerdings sank mit jedem neuen Label die Kenntnis über dessen Bedeutung. Erschwerend kam hinzu, dass sich die Vorstellung einer vollständigen Konsument*innen-Souveränität als Mythos entpuppte. Weil sich nicht jede*r Produkte dieser Art leisten konnte, blieb es ein Privileg der Wohlhabenden, Produkte mit einem guten Gewissen zu kaufen. So blieb die Kluft zwischen verschiedenen Gesellschaftsschichten auch im Bezug auf die Nahrung präsent. Der Verzicht auf verschiedene Produkte stellte eine andere Möglichkeit dar, sich gegen die Probleme der Nahrungsmittelindustrie zu stellen. Aber mit dem Blick zum vollen Regal brachte das schnell ein Gefühl der Entbehrung mit sich.

Schaute man auf die Seite der Lebensmittel-Erzeuger*innen, konnte man schnell feststellen, dass die geringen Kosten für Nahrung, auch nur sehr geringe Einnahmen für die Produzent*innen mit sich brachten. Für kleine Betriebe bedeutete das eine Produktion, die sich scharf an der Grenze zu einem nicht rentablen Unternehmen befand. Raum für Produktionsweisen, die auf Nachhaltigkeit beruhen, blieb da nicht. Blühstreifen, Feldlerchenfenster waren schöne Ideen, doch wenn jeder Zentimeter für den Ertrag zählte, wurde die Umsetzung sehr schwierig.

Ernährung, Konsum und Produktion sind noch immer stark miteinander verwoben. Mit Food Commons konnte alles miteinander verbunden werden, ohne jemanden auszubeuten und abzuhängen. Kleine Landwirtschaftsbetriebe, die auf Solidarität setzten, wurden zur Norm. Die Nachfrage stieg. Die Preise für diese Produkte konnten dadurch sinken, ein jeder sie dadurch finanzieren und somit den großen Meilenstein in der Ernährungswende erreichen. Dabei blieb sogar noch die Kapazität, ein ganz anderes Thema anzugehen.

 

Von der Ernährung zur großen Gemeinschaft

Nicht nur bei der Ernährung und der Art und Weise, wie unsere Lebensmittel produziert werden, hat sich etwas bei den Menschen getan. Der Klimawandel wurde lange bei vielen in der Bevölkerung abgetan als riesiges Problem, was als unlösbar galt. “Wenn die Politik handelt, dann fange ich auch an. Vorher nicht.” So äußerten sich manche.

Soziale Bewegungen haben es Ende der 2010er Jahren geschafft, das Thema Klimaschutz und Anpassung an die Folgen des Klimawandels auf die politische Agenda zu setzen. Ambitionierte Klimapolitik fehlte aber weiterhin. Anfangs konnten vor allem junge Menschen überzeugt werden, sich der Bewegung anzuschließen, doch die Parolen und die Ansichten  der Bewegung trugen noch zu einer gesellschaftlichen Teilung bei: zwischen den Aktiven und denen, die der jungen Generation ihre Zukunft nehmen. Dies wandelte sich, als die Bewegung keinen Fortschritt mehr verspürte. Denn in dem Moment wurde umgedacht, neue Narrative entdeckt und kommuniziert. Es gelang einen gesamtgesellschaftlichen Diskurs zu schaffen, der die verschiedensten Gruppen aus Industrie, Landwirtschaft, Politik, Zivilgesellschaft etc. an einen Tisch und zu einem gemeinsamen Nenner brachte. Innovative Kommunikation, die verschiedenste Gruppen ansprach, überzeugte diese, in ihrem eigenen Interesse ambitionierte Maßnahmen vorzuschlagen und durchzusetzen.

Dieser gesellschaftliche Konsens führte dann auch dazu, dass die Politik extrem ambitioniert handelte. Das System konnte in zwei Jahrzehnten klimaneutral werden. Ein Bündnis aus indigenen Völkern, wenigen EU-Staaten, Bundesstaaten der USA, Small Island States und anderen machte international den Anfang. Sie setzten ein Zeichen für eine zukunftsfähige Politik in jenen Krisenzeiten. Es dauerte noch ein paar Jahre bis sich der Großteil der Staaten dieser Bewegung anschloss. Und auch wenn die Wirtschaft nun nicht mehr so global verwachsen ist, herrscht ein starkes Bewusstsein für alle Menschen. Der Gedanke der Gemeinschaft und des Zusammenhalts ist nun das Wichtigste geworden.

Aus kleinen Schritten und Ideen für mehr Solidarität konnte etwas Großes geschaffen werden. Der enge Zusammenhalt in der Gesellschaft. Ein ganzes Netzwerk, dass neben Luft, das Wichtigste für uns wieder wertschätzt. Nahrung ist kein Privileg mehr, es ist auch keine Nebensächlichkeit, sie verbindet uns miteinander, lässt Kulturen vermischen und macht uns manchmal sogar ganz schön glücklich.

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