J. Borner | Transformative Literacy und Transformation Literacy

A long way to transformation | schoolbus

Die „Große Transformation“ (auch der Städte) erfordert neue Formen des Wissens, erweiterte Formen der Wissensgenerierung, kontroverse Aushandlungen der Deutungen sowie der Integration von Wissen in die „Denkstile“ der verschiedenen Interessen- und Milieugruppen der Gesellschaft. Schon diese Aufzählung deutet auf eine Gruppe von Fähigkeiten oder Kulturtechniken hin, mit denen sich „offene“ Gesellschaften, also veränderungsfähige Gesellschaften (pro)aktiv ausstatten müssen, um sich an die globalen Veränderungen anpassen zu können.

Das System der Fähigkeiten und Kompetenzen, das sich korrespondierend zu den Herausforderungen entwickelt, und das die „Große Transformation“ mit ihren unterschiedlichen Phänomenen: der Wachstumswende, der Klimakultur, der Landnutzung, der Artenvielfalt u.a., ausmacht, lässt sich mit dem Begriff der

Transformative Literacy rahmen.

Scholz illustriert, wie das Wissen unterschiedlicher naturwissenschaftlicher und sozialwissenschaftlicher Disziplinen zusammenfließen muss, um eine solche „Alphabetisierung“ zu entwickeln. (www.oekom.de/gaia | GAIA 22/2 (2013): 82– 86) So verstanden, integriert Transformative Literacy System-, Ziel und Transformationswissen, das heisst Wissenstypen, die konstitutiv für eine transdisziplinäre Wissenschaft sind (CASS und ProClim 1997). In seinemWerk Environmental Literacy in Science and Society hat Scholz (2011) mit dem Begriff der Literacy Wissensprozesse im Umgang mit Mensch-Umwelt-Systemen beschrieben. Scholz versteht unter Environmental Literacy „the ability to read and utilize environmental information appropriately, to anticipate rebound effects, and to adapt to changes in environmental resources and systems, and their dynamics“ (Scholz 2011, S. 540 f.).

Dieser Zugang ist mit seinen Elementen der transdisziplinäre Kooperation verschiedener Wissenstypen, der prozessualen Reformulierung von System-, Ziel- und Transformationswissen – d.h. der Generierung eigenen Transformationswissens während der Transformation (Borner ) eine große Hilfe für die Identifizierung dessen, was Gesellschaft an Kulturtechniken und Institutionen braucht, um mit globalen Umbrüchen innerhalb planetarischer Leitplanken umgehen zu können.

Dennoch ist diese Definition, die sich auf Wissen beschränkt, zu eng. Der Begriff der Kompetenzen ist dagegen umfassender, situativer und v.a. handlungsorientiert (Output- und Outcome-orientiert). Er schafft Brücken zwischen wissenschaftlichen Bereichen der Gesellschaften und den Bereichen, in denen Implementierungen – wie in der Stadt, in der Energiewirtschaft, in der Landnutzung – stattfinden sollen.

Kompetenzen zeigen sich, wenn beim Zusammentreffen situativer Herausforderungen (Problemen) und dem individuell, institutionell oder gesellschaftlich zur Verfügung stehenden Potenzial angemessen gehandelt werden kann. Erpenbeck nennt Kompetenzen „Selbstorganisationsdispositionen“. Darin sind eingeschlossen: Wissen/Kenntnisse, Fähigkeiten, kreative Denkhandlungen, Methoden – aber ebenso die Haltungen und Gefühle, Werte, Einstellungen und Motivationen – also auch die Interessen!

A long way to transformation | schoolbus

Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) hat in seinem Hauptgutachten zur „Großen Transformation“ (WBGU2011) eine transformative Wissenschaft im Sinne von „transformativer Forschung“ und „transformativer Bildung“ gefordert. Damit zielt er auf eine Wissenschaft, die gesellschaftliche Veränderungsprozesse nicht nur versteht, sondern die in deren Gestaltung auch aktiv eingebunden ist und aktiv eingebunden werden will. Die transformative Forschung als eine „Forschung, welche die Transformation konkret befördert,[…)] unterstützt Umbauprozesse durch spezifische Innovationen in den relevanten Sektoren“ (WBGU2011, S. 23). Ferner kann „[…] transformative Forschung größere Wirkung entfalten, wenn die Entwicklungsaktivitäten […] in einen systemischen Kontext eingebettet werden, […] und die Bedingungen für transformative Wirkung reflektiert werden. […] Die transformative Forschung umfasst somit ein Spektrum von einer rein disziplinär verankerten bis hin zu systemisch angelegter

Forschung“ (WBGU 2011, S. 23 f.).

In dieser Rahmung beschreibt Transformative Literacy die folgenden Eckpunkte:

(a) die Fähigkeit, neuartige, aber auch unsichere und diffuse Informationen über gesellschaftliche Veränderungsprozesse zu verstehen (z.B. natürliche oder soziale Kippschalter). Man muss sich das vorstellen als Erkundung/Entdeckung völlig neuer Welten, in denen nicht die gewohnten Regeln, Wertungen, Rituale gelten – oder als einen Prozess eigener Alphabetisierung;

(b) die Kompetenzen, den durch die Veränderungen ausgelösten Stress auf die traditionellen Strukturen, Institutionen und Spielregeln zu deuten/ wahrzunehmen und hinsichtlich seines Störpotenzials als bewältigbar innerhalb der existierenden gesellschaftlichen Systeme einzuschätzen oder aber systemexterne Lösungszugänge und deren erhöhte Konfliktintensität zu identifizieren.

(c) die Kompetenzen (der Protagonistensysteme), sich zukünftige Alternativen „modellieren“ zu können. D.h. über unterschiedliche „Wenn – Dann“ Szenarien in komplexen und dynamischen Umbruchprozessen für die eigene Stadt, die rurale Region, die Branche, die kulturelle Lebensweise etc. Visionen zu entwerfen, die Orientierungen für heutige Entscheidungen mit Zukunftswirkungen geben. Diese Visionen können auch mit dem Begriff der Design Fiction bezeichnet werden.

Es geht also darum, im Umgang mit Transformationsprozessen gestaltungsorientierte und reflexive Fähigkeiten in der Wissenschaft sowie in der Gesellschaft als Ganzes zu schaffen.

Das bedeutet,

(d) sich und weitere Akteure unter ähnlichen Werten und „selbstverständlichen“ Normen zum Handeln und zum Gestalten dieser Zukunftsvisionen zu motivieren und/oder Kontroversen zu initiieren. Kontroversen über die der anerkannte und akzeptierte Werterahmen, der die Transformation leitet, , (immer wieder) ausgehandelt wird. In der Aushandlung wird die Transformation nicht linear, sondern in den durch die Aushandlungsprozesse notwendigen Schleifen und Wegänderungen geleitet. Eine im Wasser schwimmende Boje kann als Metapher für das nicht statische Ziel und den „beweglichen“ Weg herangezogen werden.

(e) die Kultur der Kontroverse als „Produktivkraft“ der proaktiven oder aus der Zukunft abgeleiteten Vision (soziales robustes Wissen erster Stufe). Die Kontroverse als nichthierarchische Diskursform von Wissen und Deutung über die Welt ersetzt den Konsens als handlungsleitende Mentalität.

(f) dass die Kultur des Erinnerns und des sozialen Gedächtnisses, insbesondere von extremen gesellschaftlichen Ereignissen – wie Erdbeben, Kriegen, sowie der Antizipation auf die Jetztzeit einen größeren Akzeptanzrahmen für Anpassungsmaßnahmen schaffen kann.

Transformation Literacy fragt entsprechend

auf der gesellschaftlichen Ebene – auf der institutionellen Ebene – auf der individuellen Ebene (Person) nach den Kompetenzen und dem Kompetenzsystem, welches notwendig ist um die Transformation in ihren unterschiedlichen Phänomenen zu verstehen (Lernkompetenz), in ihren dynamischen und komplexen Abläufen handeln zu können (Handlungskompetenz unter Ungewissheiten) und kreativ und proaktiv eine Roadmap zu „planen, die sich an einem Zukunftsbild (Vision) orientiert (Gestaltungskompetenz).

Demnach geht es bei der Transformation Literacy um die Fähigkeit, Transformationsprozesse adäquat in ihrer Vieldimensionalität zu verstehen und eigenes Handeln in Transformationsprozesse einzubringen. Denn Transformative Literacy macht sich daran fest, welche Informationen über soziale Veränderungsprozesse adäquat gelesen, interpretiert und genutzt werden, um sie in politische und ökonomische Entscheidungen einzubringen. Aus akademischer Sicht hat die Transformative Literacy eine technologische, ökonomische, institutionelle und kulturelle Dimension – wobei oft die technologische Sicht auf Veränderungsprozesse dominiert. Um die „Große Transformation“ zu meistern, muss dieses Ungleichgewicht beseitigt aber auch die unterschiedliche Dynamik in den Dimensionen in der aktuellen Transformationsdebatte beobachtet werden. (siehe Schneidewind)

Literatur

Scholz, R.W. 2011, Environmental Literacy in Science and Society, From Knowledge to Decisions, Cambridge. Cambridge University Press

Schneidewind, U. 2013, Transformative Literacy, Gesellschaftliche Veränderungsprozesse verstehen und gestalten. GAIA 22/2: p. 82–86
http://epub.wupperinst.org/files/4938/4938_Schneidewind.pdf [2015-07-13]

WBGU, 2011, World in Transition – A Social Contract for Sustainability, Flagship Report
http://www.wbgu.de/en/flagship-reports/fr-2011-a-social-contract/ [2015-07-13

J. Borner | Große Transformation und ihre Kommunikation

Featuredthe Waves

Tagung am 1. und 2. Juni 2015 | Große Transformation und ihre Kommunikation  | Ein Change-Prozess im Schatten der Medien

Veranstalter: Dr. Michael Hartmann, Evangelische Akademie zu Berlin
Manfred Ronzheimer, Wissenschaftsjournalist, Berlin
Roland Zieschank, Forschungszentrum für Umweltpolitik, Freie Universität Berlin

Eine Replik von Joachim Borner

Der Ansatz:

„Seitens der Wissenschaft gibt es zahlreiche Studien und Belege für die These, dass grundsätzliche Veränderungen im Umgang mit den natürlichen Ressourcen und den globalen Lebensgrundlagen dringend geboten sind. Der Terminus „Große Transformation“ kommt aus der Wissenschaft und beschreibt diese Herausforderung.

Entsprechende Empfehlungen aus der Wissenschaft, zahlreichen politischen Think Tanks, Räten und Kommissionen und daraus folgende Veränderungsstrategien werden indes von der Politik nur in Ansätzen aufgegriffen. Ein Beispiel ist die Enquete-Kommission des Bundestages Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität (2011–2013), aus der bislang keine konkreten politischen Umsetzungsmaßnahmen hervorgingen.

Auch in den Medien sind die Große Transformation und die „Grand Challenges“, denen sich die Gesellschaft heute und künftig zu stellen hat, kein großes Thema. Dieses mediale Desinteresse hat allerdings Wirkung – über das fehlende thematische Agenda-Setting hinaus. Der Gesellschaft geht damit ein wichtiger Reflexions- und Verhandlungsraum für ihre Zukunfts-Herausforderungen verloren.

  • Die zentrale These der Veranstaltung lautet daher: Weil die Medien die Transformations-Themen nicht ausreichend aufgreifen, kommt der Umsetzungsprozess in Stocken. Und im Umkehrschluss: Wird die Kommunikation in Richtung einer gesellschaftlichen Umorientierung verstärkt, befeuert das konkrete Veränderungen in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft.

Defizite bei der Umsetzung der „Großen Transformation“ werden nur aufgedeckt, wenn die Gesellschaft auch den Diskurs über eine erfolgreiche Kommunikation (wieder) aufnimmt.“

Was kam rüber?

the Waves
uroburos | pixabay: free photo

 

  • Die Tagung war ein guter Beginn eines Suchprozesses, der die Kommunikation, das kommunikative, kollaborative „Lesen Lernen“ der „großen Transformation“ zum Gegenstand macht. Endlich möchte man sagen; überfällig längst. Denn bei allen Tagungen und Programmen der letzten Zeit, die sich mit nachhaltiger Entwicklung, Klimakultur, Antropozän, Transformation, offener Wissenschaft u.a. befassten wurde als Flaschenhals für Implementierungen bzw. für das Entstehen und das Ausbreiten von „robustem“ Wissen zwar die Kommunikation benannt – war aber nicht oder wenig eigener Gegenstand.

Also hier nun der erste Versuch. Und er brachte eine ganze Reihe von Versatzstücken zu Tage, die es Wert sind strukturiert zu werden.

Ich zähle einige der Herausforderungen auf: Änderung des Deutungsrahmens und Reflektion von Deutungsmacht, Phänomene der Begriffsentleerung, widersprüchlicher Signale und die Akzeptanz von Kommunikationslücken, systemferne Zumutungen wie Suffizienz und Allmende, mediale Resonanzbedingungen wie: „passt in die öffentliche Debatte“, Kombination von Ereignissen, Agenda, Wissensergebnisse; Schaffung paralleler Medienstrukturen, die Kommunikation strategisch und prozessorientiert anlegen, Wissensergebnisse reeditieren, inhaltliche Positionierung, die große Narration verkoppeln mit Einzelthemen/Episoden (das Große muss im Kleinen aufleuchten).

Joachim Borner | KMGNE

Programm der Tagung

J. Borner / M. Zienert | Splitter

Klimawandel und Kommunikation

Der Klimawandel ist in den vergangenen 15 Jahren immer besser durch die comunity der naturwissenschaftlichen Klimaforschung (IPCC) beschrieben worden. In den Massenmedien ist zwar keine systematische noch weniger eine systemische Darstellung des Phänomens erfolgt aber die wesentlichen Beschreibungen sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Die Herausforderung heute ist es, die „Transformation“ zu verstehen, die hinter dem Klimawandel steckt. Es geht um die Transformation gesellschaftlicher Strukturen, Verhaltensweisen und Spielregeln, die notwendig ist, um sich vor dem Klimawandel zu schützen und sich Veränderungen anzupassen. Diese Transformation hat den Charakter einer sozialen Alphabetisierung! Und diese soziale Alphabetisierung eines „ lesen lernens“ der Transformation ist die reale Aufgabe der Klimakommunikation!

(Die „great transformation“ ist ein international anerkanntes, strategisches Konzept des WBGU zur Bewältigung von komplexen Krisen/nachhaltige Entwicklung. Es adaptiert den Ansatz von Pollany. Dieser hatte die industrielle Revolution als große Transformation beschrieben.)

Das Problem ist, dass die Veränderungen so schnell ablaufen, dass die analytischen Methoden der Wissenschaften zu langsam für die zeitnahe Reaktion der Gesellschaft sind. Um die Folgen des Klimawandels zu verstehen, brauchen wir die Vielzahl von Wissenstypen und ihrer Träger, die ihren Beitrag zur strategischen und aktuellen Gestaltung einer zivilisatorischen Klimakultur leisten. Die verschiedenen sozialen Wissenstypen (Kunst, Wissenschaft, Erfahrungswissen, indigenes Wissen…) müssen sich verständigen und transdisziplinär kooperieren.

Nur so entsteht „robustes Wissen für die Veränderung“ – ( robustes Wissen ist eine soziologische Kategorie zur Beschreibung von gesellschaftlicher Akzeptanz, Legitimation und Partizipation an der Transformation!)

Dass die Wissenschaft ihre analytische / empirische Beschreibung der Welt (und mögliche Entwicklungstrends) dazu beiträgt ist klar.

Kunst leistet in unserem Verständnis ihren Beitrag in der Entwicklung einer (Widerstands)-Ästhetik, die erkenntnistheoretisch das robuste Wissen stärkt: Als Ablehnung und Widerstand gegen alte Konventionen, Institutionen und Strukturen und/oder als kulturelle Innovation (siehe Bauhaus). (Peter Weiss, Widerstandsästhetik)

Ästhetik als Wahrnehmungs- und Erkenntnisinstrument bindet sich dabei an Objekte, Symbole und Signale, die in die Alltagskultur eindringen, dort irritieren und gestalten.

Das Besondere von Transformation – und damit auch ihrer Kommunikation ist, dass man sie verstehen muss als ein soziales, autodidaktisches Erlernen der „Steuerung der Transformation“, also der kollaborativen Entwicklung transformativen (robusten) Wissens.

Das KMGNE folgt mit seinen (Selbst)Lern- und Gestaltungsprojekten diesem Ansatz. Wir suchen nach Ästhetiken, Metaphern und Symbolen, die diese „great transformation“ deutlich macht – und wir suchen nach Kompetenzen, nach „transformative literacy“ bei den Promotoren. Dabei spielt der Dialog (auch im Sinne Beuys) eine entscheidende Rolle!

Methodisch folgt die Internationale Sommeruniversität vier (Lern- und Gestaltungs-)Pfaden:

  1. Sie integriert sich in alltagskulturelle Wirklichkeiten (z.B. in die Stadtentwicklung mecklenburgischer Kleinstädte, oder im Widerstandsprojekt HydroAycen in Chile) und organisiert sich als „Realexperiment“ oder „Reallabor“ (transdisziplinäres Forschungsdesign)
  2. Sie arbeitet mit der szenarischen Methode um detaillierte Beschreibungen über Zukunftsoptionen (zukünftige Alternativen) zu erhalten. Diese Bilder über „Zukünfte“ (design fiction) sind die Basis für soziokulturelle und politische Entscheidungen heute. Ohne Vorstellungen über „Zukünfte“ ist heutiges Tun nur Krisenmanagement.

Also müssen wir „Zukünfte“ beschreiben.

  1. Die Beschreibung der Zukünfte muss solch eine Faszination ausstrahlen, dass sie die Warenästhetik der Gegenwart übertrumpft. Das geht kommunikativ nur über Narrationen. Narrationen ermöglichen solch einen Handlungssinn zu erzählen, der eben nicht rational-ökonomisch sondern vielfältig und kulturell, solidarisch sinnstiftend und ethisch begründet ist.
  2. Da die verschiedenen Stakeholder und Milieugruppen in der Gesellschaft unterschiedliche Sprachen und Deutungsmuster haben und verschiedene Medienformate nutzen bietet es sich an, transmedial zu kommunizieren. Wir lassen dazu in unterschiedlichen Werkstätten verschiedene Episoden in unterschiedlichen Formaten erzählen. Diese verdichten sich dann zu einer „big story“ – auf“geschrieben“ in Storyfy oder anderen transformativen/transmedialen Plattformen (event, performance, website, festival)

Transmediales Erzählen ist offen: „Ich gebe eine Geschichte rein, Du kannst dran kratzen, verändern… Die Geschichte ist nicht fertig, sie kann reeditiert werden.

English version

J. Borner | Der ungute Stern über Paris – oder wie Klimakommunikation irritiert

Imagine | Foto: A. Mette CC BY 4.0

Der Klimawandel wird von den naturwissenschaftlichen Disziplinen in hervorragender Weise kommuniziert. Auf der ECCA 2015 vom 12. – 14.Mai in Kopenhagen – einer Konferenz, die nach Möglichkeiten der Anpassung an den Klimawandel sucht und die (vic) von drei europäischen Forschungsprojekten organisiert wird, stellte Hans von Storch (Institut für Küstenforschung der Helmholz-Gesellschaft) den BACC-II-Report vor. Das ist der IPCC-Bericht im Kleinen für den Ostseeraum. 141 Meterologen, Hydrologen, Ozeanografen und Biologen aus 12 Ländern waren an der Formulierung des Berichts beteiligt, der was sagt: die Aussagen über die Veränderungen werden immer robuster; die Temperaturen des Wasser steigen bis zum Ende des Jahrhunderts um 4 Grad, der Meeresspiegel um 30 bis 80 cm, die Niederschläge im Winter nehmen zu, im Sommer reduzieren sie sich dagegen um 40% usw.

Was sagt das – kurz vor COP 21 – dem Pariser Weltgipfel zur globalen Klimapolitik? Was bedeuten diese Aussagen für Entscheidungsträger – egal ob in der Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Wissenschaft, Zivilgesellschaft?

DAS IST ES NICHT, was die Aussichten eines klimapolitischen Durchbruchs, der die „klimatischen Irritationen“ von COP 15 auflöst, steigert. DAS IST ES NICHT, was in der Lage ist, die „große Transformation“ als Bürgerbewegung in Bewegung zu setzen. DAS IST ES NICHT was wesentliche Entscheidungsträger im Ostseeraum – die Bürgermeister anliegender Gemeinden, die Fischer, Bauern und Touristiker u.a. bewegen könnte, individuelle und kleinräumige Anpassungsstrategien zu erkunden.

Warum?

  • Um gesellschaftliche Resonanz auszulösen müssen die Konsequenzen des Klimawandels für das alltagskulturelle Geschäft der Interessen- und Bevölkerungsgruppen verständlich werden. Wie wollen wir uns ernährt haben in 2050, wie wollen wir mobil gewesen sein in 2050, welche Spielregeln des Umgangs mit der Natur, aber ebenso mit uns selbst – als Gattung und als Generation und als Nation und als Gruppe werden wir in der Lage gewesen sein einzurichten?

In der Gesellschaft der beteiligten Wissenschaften an dem Projekt von Hans von Storch sind Soziologen, Kulturwissenschaftler, Anthropologen, Historiker, Pädagogen, Philosophen u.a. einfach nicht gelitten. Doch deren Beschreibungen über die Folgen und Folge-Folgen des Klimawandels in der ökonomischen, politischen, sozialen Alltagskultur können nur diese leisten – wenn sie sich dafür kompetent machen. Hier haben wir es nach wie vor mit einer (natur)wissenschaftlichen Arroganz zu tun, die deshalb so offensichtlich deplaziert und unnötig ist, als wir es mit einem historisch äußerst knappen Entscheidungsfenster zu tun haben, der den Luxus verbietet, sich die Partner, Kumpels und Kommunikationsformate aussuchen zu können, die einem für das „Leben nach dem Klimawandel“ nützlich sein könnten.

  • Ganz draussen vor sind bei dem Event die Träger anderer Wissenstypen – nämlich die mit dem aktuellen Erfahrungswissen zum Klimawandel, die mit historischen Erfahrungen und Erzählungen, die mit ästhetischer Annäherung zu den kulturellen Umbrüchen. Dabei sind sie – besonders im regionalen Kontext (und da besonders in Regionen, wo sich die wissensbasierte Infrastruktur von notwendigem Klimaschutz und möglicher –anpassung auflöst) die wesentlichen Wissensträger, die zeitnah zu den Phänomenen Handlungsbedarf signalisieren und Handlungsorientierung geben können. Sie „produzieren“ Entscheidungswissen in ihrer Auseinandersetzung mit den alltagskulturellen Folgen des Klimawandels. Ihr Wissen ist Basisfaktor im „Alphabetisierungsprozess“ beim Umgang mit den Transformationen einerseits (Erkenntnis). Andererseits ist ihre kulturelle Kompetenz ein wesentlicher Faktor für die Ausprägung „robusten Wissens“ zur Transformation einer Klimakultur – in ganz praktischem, in strukturellem Sinn.

Wie aber sollen wir nun reden zum Klimawandel? Dessen gesellschaftliche Auswirkungen – das ist den langjährigen „Begleitern“ des Klimawandels selbstverständlich klar – gehen ja weit über politische und technische Fragestellungen hinaus. Es geht um kulturelle Umgangsformen mit der natürlichen Umwelt, die völlig ausserhalb unserer heute steuernden Spielregeln und üblichen Normen liegen.

Imagine | Foto: A. Mette CC BY 4.0

Foto: A. Mette CC BY 4.0

Vielleicht kommunizieren wir juristisch darüber? In Neuseeland hat in einem gerichtlichen Asylverfahren ein Flüchtling zum ersten Mal auf der Welt den juristischen Titel „Klimaflüchtling“ und damit Asylrecht erhalten. In Peru bereitet ein Naturführer eine Klage gegen RWE vor. Grund ist, dass über dem Ort des Mannes sein Urgedenken ein See liegt, der nun durch schmelzenden Gletscher überzulaufen droht. Da RWE Mitverursacher des Klimawandels ist ist es damit auch ansprechbar für einklagbare Schutz- oder Schadensersatzmaßnahmen.

Trotz vieler massenmedialer Thematisierungen des Klimawandels möchte ich behaupten, dass viele Politiker, Wirtschaftsleute, Vertreter der Zivilgesellschaft und eine größere Zahl der Bevölkerung nur vage ahnen, was bei den globalen Aushandlungen in COP 21 (Paris) auf dem Spiel steht. Was meint Harald Welzer mit Klimakultur? Was bedeutet Klimagerechtigkeit? Was heißt da große Transformation? Wie lassen sich Aktienwerte von Unternehmen fossiler Energieversorgung so entwerten, dass die gegenwärtig noch im Boden lagernden Kohlenstoffe im Boden bleiben?

Es fehlen uns immer noch die Erzählungen über Klimakultur usw., die so faszinierend sind, dass sie die Faszination des Kapitalismus überdecken, die so „lukrativ“ im Sinn eines „guten Lebens“ sind, dass sie das Lukrative eines Massenkonsums überscheinen. Natürlich brechen diese Erzählungen mit vielen heutigen Selbstverständlichkeiten. Weil sie Neues vorschlagen schüren sie Verunsicherung. Also wäre es auch klug, wenn sie – als hinreichende Bedingung – Kulturtechniken wie Neugierde, Abenteuerlust, Kreativität in Wert setzen würden!

Berlin, 25.5.2015 – kurz nach den Petersberger Gesprächen

J. Borner | Abschied von Heidrun Heidecke

Brief an meine Freundin Heidrun Heidecke zu ihrem Weggang

Mensch Heidrun,

da werden Arschlöcher 90 und mehr. Und Du sagst uns – Ciao mit sechzig – und lässt uns mit dem Krempel und der Entsorgung des Kapitalismus (oder wie die „Große Transformation“ heißt) allein. Das ist nicht fair.

Weißt Du noch, wie wir zusammen an der Idee des Industriellen Gartenreiches arbeiteten? Das war mitten in den Abrissarbeiten der Bitterfelder Chemiebetriebe die Suche nach einer Zukunft in diesem geschundenen Landstrich. Geschunden waren der Boden und das Wasser in ihm. Hundert Meter tief umgestülpt, die saure Erde nach oben und den Humus zur Exekution in die Tiefe, die unterirdischen Flüsse abgesaugt oder umgeleitet. Geschunden waren die Menschen dort. Oberflächlich fehlte Ihnen Arbeit – in der Seele aber tat ihnen weh, dass Fremde ihnen ihre Identität genommen hatten, sie ihrer Geschichte enteigneten und Würde und Respekt verweigerten.

Foto: Heidrun Heidecke August 2014 in Goitzschewildnis von Martin Lemke, Eigenes Werk. Lizenziert unter CC-BY-SA 4.0 über Wikimedia Commons.

 

Ferropolis war „unsere“ Idee einer Widerstandsästhetik. (Auch wenn sie heute touristisch verramscht wird, kann man – wenn man will – die kleine Vision dahinter sehen: Einer Künstler-, Nach- und Selbstdenkerstadt, die Transformationsentwürfe produziert – mit den Betroffenen zusammen.)

Und weißt Du noch, wie oft wir dann – später – mit Dir durch die Flächen um den Bitterfelder See stiegen – es waren künstliche und natürliche Gestaltungen von Flächen des ehemaligen Bergbaus. Ich weiß niemanden, der einem so die Augen für die Sukzessionen der Natur einerseits und für die Sensibilisierungsart der Einheimischen für Umbrüche andererseits öffnete – wie Du.

Du hast Tschüss gesagt! Irgendwie kann ich Dich gut verstehen. Aber wie jede kluge Hexe hast Du der Menschheit einen Rettungsring hingelegt. Es sind das einmal viele Geschichten über Dich – und es ist Dein großartiger Sohn!

J. Borner | Fragen zur nicht-fragenden Gesellschaft

Foto: Anne Mette | Telechica

Dr. Joachim Borner | Vorwort zum Newsletter März 2015

Das GORKI (Theater) hat seinen Newsletter. „Es schneit im April“ ist der aktuelle Titel! Darin öffnet Shermin Langhoff für sich und ihre „mündigen Künstler/-innen“ ein eigenes Sprachrohr, mit dem sie in die Transformationen der deutschen Gesellschaft hineinruft, interveniert, fragt. Das Programm ihres Theaters stellt sie In-Frage – zu den Fragen der Gesellschaft oder zu der nicht-fragenden Gesellschaft.

Dem möchten sich das KMGNE und das CCCLab anschließen. Mit einem eigenen Newsletter und „Programmheft“ und mit eigenen Fragen wie etwa:

Es gibt physikalische Grenzen des Wachstums, die angesichts der aktuellen Trends wohl noch zu Lebzeiten unserer Kinder erreicht und überschritten werden werden. -Dennis Meadows, 1972

Klassische Reaktionäre – wie James Inhofe – gehen damit souverän um: vor kurzem im Spiegel zu lesen: Der Senator aus Oklahoma, der gegen die Lüge vom Klimawandel angeht, brachte nun den endgültigen Beweis mit: einen Schneeball. “Wir hören immer wieder, dass 2014 das wärmste Jahr war, das es jemals gab”, sagte er. “Nun, draußen ist es aber kalt, sehr sehr kalt.” Er hat Erfolg damit. Warum nur?

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J. Borner | Kreativität und Gestaltungskompetenz

Foto: A. Mette, CC BY-SA 4.0,Wilde Netze

An der Universität Rostock gab es im Sommer 2014 ein großartiges Seminar in Form des fish-bowls. Es ging um das, was denn das Besondere und das Nützliche, das heute Passende und das Zukunftsgerichtete an einer Bildung für bzw. über nachhaltige Entwicklung und an nachhaltiger Bildung selbst sei.

Foto: A. Mette, CC BY-SA 4.0,Wilde NetzeKernstück – in meiner Erinnerung – war das gewaltige Wort der Gestaltungskompetenz. (Ich muss vorab einfügen, ich erachte diesen Zugang zum Zweck des Lernens und der „Selbstermächtigung in Umbruchphasen“ als den Kern und das Zentrum aller didaktischen und bildungsorganisatorischen Anstrengungen.)

Ein größerer Teil der Teilnehmenden war ihm – dem Konzept der Gestaltungskompetenz „nicht gewachsen“, konnte es nicht verstehen und wollte es eigentlich ablehnen.

Exkurs

Ich erinnere mich an einen Workshop beim UFZ in Leipzig – das war in den angefangenen 2000er Jahren – als über das „Phänomen BNE – Bildung für nachhaltige Entwicklung“ beraten wurde. Meine Vorredner prognostizierten die wahrscheinlich relevanten inhaltlichen Themen, die aus Sicht des Problemdrucks in die Bildung für nachhaltige Entwicklung aufzunehmen seien.

Gefühlt war das eine unendliche Liste; gefühlt war das eine mehr als berechtigt unendliche Liste von Bildungsthemen, die eine tragfähige und zukunftsorientierte Entwicklung thematisierte.

Ich war dran! Ich versuchte darzustellen, was an Kompetenzen – an kreativen Fähigkeiten, Konditionen, Erfahrungen, Motivationen, Wertvorstellungen nötig sind (nicht wären — ; es fällt mir gerade ein: die Vorredner redeten immer im „Wären“ oder „Könnten“ oder „Sollten“ – wo in der Runde zumindest jedem klar war, dass alle diese Bildungsthemen – metaphorisch und konkret gesehen – sein MÜSSEN. Die Kollegen aber waren Demokraten.)

  • Ich versuchte Gestaltungskompetenz für nachhaltige Entwicklung als Kreativität zu beschreiben, die nicht die Gegenwart linear fortschreibt, sondern Interruptionen und Interventionen hineindenkt in die Zukunft und – vor allem – sich vorstellen kann sowie sich bewusst ist, dass es eine Vielzahl von Zukünften, also von möglichen, alternierenden Gesellschaftszuständen gibt, die von unseren heutigen Entscheidungen abhängen.

Der Kreis der Kollegen war erschrocken: Das überfordert den Einzelnen und das überfordert das Bildungssystem. Es gab keine Diskussion zu meinem Input.

Strukturen und Institutionen für Gestaltungskompetenz

Heute ist das noch nicht viel besser. Aber eines ist anders: Dass wir (gesellschaftliche) Kreativität für die Gestaltung der Anpassung an den Klimawandel z.B. brauchen wird anerkannt.

(A) In (noch vereinzelten) Realexperimenten fangen wir die Typen in Entscheidungsfunktionen an zu suchen, die „wild denken“.

Claude Lévi-Strauss führte die „Bricolage“ (als Erkenntnisweise) als einen Gegensatz zur Wissenschaft ein: „ Sehen wir ihm beim Arbeiten zu…Er muss auf eine bereits konstruierte Gesamtheit von Werkzeugen und Materialien zurückgreifen; eine Bestandsaufnahme machen oder eine schon vorhandene umarbeiten; schließlich und vor allem muss er mit dieser Gesamtheit in eine Art Dialog treten, um die möglichen Antworten zu ermitteln, die sie auf das gestellte Problem zu geben vermag. Alle diese heterogenen Gegenstände, die seinen Schatz bilden, befragt er, um herauszubekommen, was jeder von ihnen „bedeuten“ könnte. So trägt er dazu bei, ein Ganzes zu bestimmen, das es zu verwirklichen gilt.“ (Claude Lévi-Strauss, Das wilde Denken, Suhrkamp, 2008)

(B) Die Beschwerdeabteilungen in den Planungsämtern der Kommunen und Regionen, in den landwirtschaftlichen Verbänden und in Unternehmen könnten – wenn sie nicht auf Ruhigstellung aus wären – aus dem Vollen schöpfen…Eric von Hippel vom MIT beschreibt dieses proaktive Einbeziehen externen Wissens als Lead-User-Methode.

(C) Cross Area Innovation oder Cross Region Innovation oder Cross Industrie Innovation ist eine Methode, bei der (Erfahrungs-) Wissen, (Kultur)techniken, Spielregeln von einer Region , von einer Branche auf die andere übertragen werden.

(D) Walter Powell (Stanford –University) beschreibt mit der Idee des „locus of innovation“ das Phänomen, dass kreative Lösungen an den Grenzen und bei Grenzüberschreitungen interorganisationaler Netzwerke einer Region entstehen. Deren Hauptmerkmal sind kreativ-kontroverse Kommunikationsbeziehungen zwischen Akteuren/Entscheidern. Virtuelle Netze nehmen das auf.

  • Woher können wir – in Transformationen wie dem Klimawandel  oder dem demografischen Wandel – erfahren, wo in der Region die Bricolage von Machern versteckt ist, wo der externe Kompetenzträger, die wichtigen Netzwerke und der Schnittstellen sind?

Vielleicht hilft da das Konzept „Pyramiding Search“. Bei der geht es um die netzwerkbasierte Identifikation von „Stakeholdern“ mit unterschiedlichster Spezialisierungs- und Generalisierungskompetenz: Man findet sie mit der Erhebung von Verweisketten unter Mitstreitern in Netzwerken – eine eigene Kommunikationsaufgabe mit mapping. (Eric von Hippel/Nikolaus Franke/Reinhard Prügl: Pyramiding – Efficient Identification of Rare Subjects. MIT Sloan Research Paper 4720-08)

Zum Nachlesen:

Eric van Hippel |  Homepage

von Hippel, Eric, Nikolaus Franke, and Reinhard Prügl. “Pyramiding”: Efficient Identification of Rare Subjects Sloan Working Paper. 4720-08. Sloan School of Management, Massachusetts Institute of Technology, October 2008. [pdf]

Walter Powell | Homepage

Hans Jörg Rheinberger, Das Wilde im Zentrum der Wissenschaft, in: Gegenworte, 12. Heft Herbst 2003 [pdf]

Detlef Zöllner zu Claude Lévi-Strauss, Das wilde Denken, Frankfurt a.M. 1973 (1962), 18.05.2013, in: erkenntnisethik.blogspot.de [pdf]

Am Telefon: Joachim Borner zu Transmedialem Storytelling

2014 Karnitz Sky Foto: juttafranzen CC BY 4.0

2014 Karnitz Sky Foto: juttafranzen CC BY 4.0

Zum Thema Transmediales Storytelling führte Tom Neubert (Student Medienentwicklung, Hochschule Darmstadt) am 23.05.2104 ein Telefoninterview mit Dr. Joachim Borner (KMGNE).

 

Joachim Borner | Bestimmung des Standpunktes

Standpunkt

Die Suche nach der richtigen Frage für die „ große Transformation“ ist die Bestimmung des Standpunktes.
Eine Idee, entstanden nach dem Lesen von Tobias Hering, Der Standpunkt der Aufnahme. Point of View, 2014, Archive Books und Arsenal

In Prozessen der „großen Transformation“ – also dem Abschreiten der Roadmap“planung“ und der der iterativen und kontroversen Prüfung des szenarischen Leitbildes (dem Orientierungswissen) gibt es ein Grundthema:

  • Wie heißen die „richtigen“ Fragen um die Zukunftsalternative – die spezifische Form der Klimakultur, die durch die Transformation gestaltet werden soll, szenarisch zu entwerfen?

StandpunktWelche Tiefe und welche Komplexität (und Folge-Folge-Folge…Wirkungen) wollen und werden mit der Frage erreicht werden? Welche Transformationsgeschwindigkeiten, also Umbruch-Zumutungen in Zeitabschnitten an Bevölkerung, Wirtschaften, Governance-strukturen etc. werden damit initiiert? Wie radikal und grundsätzlich sind „Entwertungen“ gewohnter Strukturen, Leitbilder, Institutionen und Spielregeln?

„Richtig“ steht nicht „falsch“ gegenüber sondern „problem- und problemfolgegerecht“ und schließt die Entscheidung ein, welchen Komplexheitsgrad man dem Problem (oder dem neuen Leitbild) zubilligt. Es schließt die überlegte /abgewogene Entscheidung ein, wieviel der Problemfolgen und der von transformativem Handeln ausgelöste Folgen mit ins Visier und welche Folgen nächsten Entscheidergenerationen und –anlässe zugemutet werden.

Dazu Kommunikationen (also Kommunikate, Kampagnen, Agenda-settings, Artikel etc.) zu gestalten, heißt politische Kommunikation oder Kommunikation politisch zu gestalten und hat wahrscheinlich drei Bestandteile:

  • Der erste ist der Inhalt: Was soll es zu hören, zu sehen, zu verstehen geben? Wovon und warum sollte mensch betroffen sein (ob er sich betroffen fühlt und wie, mit welcher Handlungsreaktion auf die Betroffenheit, liegt souverän im individuellen Handlungsmuster)?
  • Der zweite sind die Bedingungen des Verstehens: das, was Bildungsstand heißt und Denkstile, Milieunormen und –werte, Regeln und Sprachcodes von Subsystemen aber auch Aufschreibesysteme mit ihrer Logik sowie Gegenentwürfe (Utopien).
  • Der dritte Bestandteil ist die Form oder Ästhetik, die angebotene Methode der Erkenntnis, die mit dem „Standpunkt“ der Kamera, des Zeichenstifts – aber eher noch des Autoren – eingeläutet wird. Der Standpunkt der Kamera bezeichnet auch die politische „Einstellung“.
    Soweit.

In klimakommunikativen Fragen zumindest ist es nun so, dass es um eine offene Suche und weniger darum geht, einen Standpunkt zu haben, als ihn immer wieder neu zu finden, neu zu kuratieren um daraus zu einer Bewegung zu kommen, ins Offene, ins Freie. Der Großteil der Arbeit besteht eben darin, die epistemischen Klisches der Erklärung zu umgehen oder zu sprengen. Dialektik ist gefragt, was heißt, nichts ist zu sagen oder zu zeigen, was nicht die Möglichkeit des Gegenteils als Widerstand mit aufzeigt. Standpunkt ist Standpunkt – aber eben in gewollter oder akzeptierter Kontroverse. Widerstandsästhetik (wie sie von Peter Weiss und Alfredo Jaar inszeniert wurde) heißt, in Bildgestaltung, Einstellungen, Kamerabewegung jeweils nach dem Gegenteil und dem Widerstand zu suchen. Natürlich nach dem Gegenteil und Widerspruch, der im Inhalt selbst lebt. Nicht im Widerstand an sich.

Wenn wir die Narrationen der Klimakultur suchen ist es ein passendes „Spiel“, in Bildgestaltung, Einstellung und Kamerabewegung (oder in Weltbild, Perspektive, Standpunkt) nach dem Gegenteil und dem Widerstand zu suchen!

Ist damit alles zur Klimakommunikation gesagt?

Mitnichten. Es fehlt die Ebene der Rezipienten. Die Option, eine Kommunikation politisch zu sehen hängt davon ab, dass die Rezipienten die drei Bestandteile wahrnehmen wollen und wahrzunehmen vermögen. Das Politische muss immer gegen eine Politik der Entpolitisierung durch Filmkritiker, Nachhaltigkeitsexperten, Journalisten, Politiker u.a. erobert werden. Das Konzept „direct cinema“, das Transparenz erzeugen will – ist ein Konzept der Entpolitisierung. Dagegen ist das französische Ansinnen des Cinema vérité ein Dialogversuch: der subjektive Standort wird thematisiert in einem Themenfeld, wo es noch nicht viel Klarheit gibt, wo die Klugheit gefragt ist richtige Fragen zu finden und diese Klugheit durch Kontroverse und Deliberation vieler entsteht. Wir bekommen hier eine Überschreitungs-Linie zwischen „Wahrnehmen, Anschauen, Betrachten“ und „ Teilhabe, Teilnahme“ sowie zwischen „Geben“ und „Nehmen“.

Kittlers Aufschreibesysteme zeigen die Wünsche, die mit der Technik verbunden waren – von Schmalfilm, zu Video, zu Handy – immer war es die Hoffnung auf Demokratisierung, auf Repolitisierung.
Im Klimakontext könnte das heißen, Kommunikate zu produzieren, die aus der Perspektive der Polizisten, der Demonstranten, der Akteure gegen die der Protest läuft, der Akteure, die den Konflikt schlichten sollten, der Akteure die das Hintergrundwissen liefern, Objekte, die die Veränderung erleben (Städte, Landschaften etc.) … das Thema bearbeiten.

Juni 2014

Rezension | F. Schmidt-Bleek: Grüne Lügen

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“Schluss mit der Volksverdummung” – Der alte Friedrich Schnidt-Bleek ist sauer! Der Pionier der Umweltforschung nimmt Nachhaltigkeit ernst. Enkeltauglich muss die sein:

Deutschland tut etwas in Sachen Umweltschutz? Wir sind auf dem richtigen Weg? Von wegen! Während uns Politik und Wirtschaft mit sogenannter Umweltpolitik von Elektroauto bis Energiewende Sand in die Augen streuen, bleiben die dringendsten Reformen auf der Strecke.

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Prof. Schmidt-Bleek zeigt: Wir laufen in die falsche Richtung, und Politik und Wirtschaft führen uns immer weiter in die Irre. Er weiß aber auch: Wir können noch umkehren. Und er erklärt uns wie. Ein Pionier der Umweltforschung, mahnt er seit Langem: Wir brauchen eine Ressourcenwende, wenn wir auf diesem Planeten eine Zukunft haben wollen.

Unsere »Umweltschutzmaßnahmen« reduzieren zwar den Schadstoffausstoß, erhöhen aber unseren Bedarf an Ressourcen: Wir verbrauchen mehr Wasser, seltene Erden und andere Rohstoffe. Um an diese zu gelangen, zerstören und verschmutzen wir immer schneller immer mehr Land und befördern dadurch den Klimawandel, den wir eigentlich bremsen wollen.

Katalysatoren, Elektroautos, treibstoffärmere Motoren – das ist alles schön und gut – hilft aber nicht, wenn der Abbau der Rohstoffe für die Herstellung extrem energieintensiv ist.

“Ein höchst problematischer Aspekt der Elektromobilität: Wenn die in Elektromotoren verarbeiteten seltenen Rohstoffe in China unter Einsatz technischer Energie abgebaut und verarbeitet werden, dann entstehen dort zusätzliche Emissionen – kurz: für saubere Luft in Deutschland wird in China mit zusätzlicher Luftverschmutzung und Ressourcenentnahme bezahlt.”

Das sind die Schattenseiten der grünen Mobilität. Schmidt-Bleek zitiert dazu den Verkehrsexperten Bernhard Knieriem: “Bei Elektroautos geht es um Lithium, Kobalt, Neodym, Dysprosium und weitere Stoffe, die global sehr begrenzt sind. Damit steuern wir auf eine Art neuen Kolonialismus zu, weil wir in erheblichem Umfang Ressourcen in anderen Ländern ausbeuten müssen.” Angeblich nachhaltige Techniken würden somit alte, ausbeuterische Strukturen zementieren.

Es ist schon lange höchste Zeit, einen neuen Weg zu beschreiten!

Friedrich Schmidt-Bleek, Grüne Lügen, Ludwig Verlag 2014