DiV Santiago: Freitag, 13.01.2017

 

Helden der Gesellschaft

Dessau war eine Stadt der Helden – Helden der Industrialisierung in Deutschland. Besonders in der Kriegs- und Nachkriegszeit wurde der große Reichtum des Landes in dieser Region geschaffen und sicherte die Stabilität der Ökonomie. Nach der Wende aber, wurden diese „alten“ Industrien nicht mehr gebraucht. Die Qualifikationen der Menschen dort wurden nicht mehr gebraucht. Die Menschen in Dessau wurden nicht mehr gebraucht.

Wir leben in einer ähnlichen Situation des Umbruchs. Das ist Joachim Borners These, die er durch aktuelle Phänomene unterstützt sieht. Denn wenn wir die Prozesse der Transformation identifizieren, können wir versuchen, einen anderen Blick zu entwickeln. Unsere übliche, antrainierte, disziplinäre Sicht auf die Welt erschwert es zu begreifen, was gerade passiert.

Wer sind die Helden unserer Zeit?

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Einblick in die Lebenswelt indigener Bevölkerungsgruppen

Wir erleben einen kulturellen Wandel. Eine Veränderung als Revolution. Die Revolution ist erstmal vollkommen emotionslos. Das ist der antagonistische Widerspruch.

Den haben wir laut Borner aber auch grundsätzlich. Den Widerspruch zwischen dem Grundparadigma unserer Gesellschaft in die wir hineingeboren wurden. Heißt: „Ich als Unternehmen muss wachsen. Ich muss die Möglichkeit der Expansion haben.“ Das ist ein gesellschaftliches Gesetz der Entwicklung kapitalistischer Wirtschaften. Reicht gesellschaftlicher Reichtum, um die Probleme der Veränderung in den Griff zu bekommen? Vor dem Kapitalismus, der industriellen Revolution, hatten wir Gebrauchswerte. Die Feudalherren haben nur so viel Steuern, in Form von Kartoffeln zum Beispiel, eingetrieben, wie sie lagern konnten. Die vorkapitalistische Produktion war begrenzt. Die kapitalistische Produktion hingegen ist unbegrenzt, weil auf den Wertezuwachs geschaut wird, anstatt auf den Wert an sich. Mit dem Fall der Sowjetunion, der Öffnung des osteuropäischen Raumes entstand Platz für Expansion. Jetzt ist die Expansion, das Wachstumspotenzial, wieder begrenzt.

Mathematisch heißt das: Wir haben ein Ressourcenpotenzial an Kapital mit einem ungemeinen expansiven Potenzial. Der Bergbau zum Beispiel war bis vor 10 Jahren folgendermaßen gestaltet: Suche nach einzelnen Materialien und Extraktion. Heute ist Bergbau: Ein ganzer Berg wird abgesägt und alles wird aussortiert, was gebraucht werden kann. Mit den Überresten wird dann ein neuer Berg geschaffen.

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Posterpräsentation in der Vorbereitung

Was die einzelnen Gruppen in der kurzen Zeit geschaffen haben, wird am Nachmittag präsentiert. Von einer Poster-Präsentation mit Videoelementen über Theaterstücke und eine Talkshow bis hin zu musikalischer Darstellung zeigen die Teilnehmenden kreative Lösungen für die Zukunft und den Weg dahin in einer fesselnden Art und Weise.

Das bestätigt: Wir brauchen die Anerkennung aller Wissenstypen.

Dann können wir anfangen, aus der Zukunft zu lernen, die Fähigkeit der Risikoabschätzung zu entwickeln. Eine präventive Einstellung zu bekommen. Und die Probleme der modernen Welt zu begreifen und zu mildern.

Wenn wir aus der Natur alles rausnehmen, alles Spirituelle, und sie nur als Ressource beschreiben (Wissenschaftler tun dies), dann habe ich einen „Sack von Ressourcen“. So fangen wir an, zu unterscheiden zwischen nützlichen Pflanzen und Unkräutern. Plötzlich gibt es Schädlinge. Wir sehen uns nicht mehr als Teil dieser Welt, sondern haben einzelne Teile von Problemen vor uns. Wir haben uns schließlich von der Natur emanzipiert.

Fuller hat in den 50ern die Theorie des Raumschiffs aufgebaut: Die Erde ist ein Raumschiff. Es ist nur das Raumschiff da, nur die Erde. Es gibt keinen Ausgang zu einem anderen Raumschiff. Und wo ist das Steuermanual? Es ist noch gar nicht da. Aber alle möglichen Leute im Cockpit drücken auf das Gaspedal, nie auf die Bremse.

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Visualisierung der Ideen für 2050

Konzepte zu nachhaltiger Entwicklung sind gut gemeinte Zielvorgaben. Aber wie kommen wir da hin, zum Ziel? Wir wissen nicht, wie der Alltag in einem nachhaltigen System aussieht. Aber es ist auch nicht die Frage der Architektur, sondern des sozialen Konstrukts.

Das haben heute in den Abschlusspräsentationen alle gezeigt, dass der Wandel nur in Gemeinschaft und Einverständnis geschehen kann.

 

DiV Santiago: Donnerstag, 12.01.2017

Und bitte: Urbane Aktion in Chile!

Der Tag beginnt mit einem ungewohnten Format, der Fishbowl-Diskussion. Drei Akteure besetzen die Stühle in der Runde und stellen ihre praktischen Erfahrungen hin zur Transformation vor. Isabel Araos, die mit „Población Yungay“ ein interdisziplinäres Projekt zwischen Universität und Komune initiiert hat, Felipe Marchant,

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Anne Mette

der bei der Stadtverwaltung in La Pintana die Initiative „DIGA“ zur Kompostherstellung mit organischen Abfällen der Anwohner gegründet hat, sowie der Koch Mauricio Krippel, der die SLOWFOOD Bewegung in La Pilgua unterstützt. Ein Stuhl bleibt dabei frei für Fragen aus dem Publikum. Anne Mette, die durch den Tag führt, hat es am Ende nicht leicht, die Teilnehmenden dazu anzuhalten, nur eine Frage zu stellen.

Die rege Diskussion um den Einblick in die Praxisbeispiele wird abgelöst von Joachim Borner, der offen über Paradigmen-Wandel und die Mensch-Natur-Beziehung spricht. Der langsame Anstieg der Temperatur sei dabei nicht das eigentliche Problem des Klimawandels. Viel mehr Phänomene wie Dauerfrost in Europa oder Taifune in Thailand, die sich häufen, seien problematisch. Wenn die Temperaturen ansteigen, existiere die Möglichkeit, dass der Golfstrom aufhöre zu fließen und damit ein ganzes System kollabiere. So ein schlagartiger Kippschalter wird „Tipping Point“ genannt.

Was die Qualität dieses Chaos ausmache, sei die Ungewissheit des „Danach“. Wie sieht die Situation, das Leben danach aus?

Etwa 600 Millionen Flüchtlinge weltweit verlassen ihre Heimat aus Gründen des Klimawandels. Und in den nächsten Jahren werden es mehr. In Lateinamerika sieht Joachim Borner 400 Millionen Menschen voraus, die den Ort ihres Anwohnens ändern werden. In Deutschland erfährt das Land seit 2015 eine permanente Regierungskrise aufgrund der Flüchtlingsströme, die nicht adäquat aufgefangen werden können.

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Die Teilnehmenden diskutieren angeregt über die Praxisbeispiele.

Ein anderer bedeutender Begriff ist der „Overshoot Day“. Dieser bezeichnet eine Saldoberechnung hinsichtlich des Vermögens der globalen Natur, zusätzliche Biomasse zu produzieren. Kalkuliert wird realer Zuwachs, z.B. wie ein Fischschwarm wächst, wieviel mehr Holz in den Wäldern steht. Dem wird entgegengestellt, wieviel der Mensch davon verbraucht. 1987 wurde mit den Berechnungen begonnen. Am 31.12.1987 um 19Uhr war alles verbraucht, was im genannten Jahr produziert wurde. Die Berechnungen wurden seitdem fortgeführt. In 2016 war es der 8. August, in 2015 der 13. August. Innerhalb eines Jahres hat sich die Verbrauchsgeschwindigkeit so beschleunigt, dass schon 5 Tage eher alles verbraucht war. Jedes Jahr greifen wir mehr und mehr in die Kapitalstruktur der Natur ein, dabei haben wir nur eine Erde, verbrauchen aber mindestens zwei. Sind die Spielregeln noch korrekt? Ist das Grundmuster gesellschaftlicher Entwicklung, Wachstum anzustreben, noch wirksam?

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Joachim Borner

Das stellt Joachim Borner in Frage und leitet über zum dritten Konzept, dem der „Schwarzen Schwäne“. Es beschreibt, dass Dinge eintreten, die in ihrer Wahrscheinlichkeit des Eintretens als sehr unwahrscheinlich gesehen werden. Dazu gehört beispielsweise der Atomunfall in Fukushima, wo sich ein Erdbeben und ein Tsunami zu einer etwas gestörten Infrastruktur summierten und den GAU kreierten. Der Wandel, den der Mensch hervorgerufen hat, erhöht das Auftreten solcher Ereignisse. In der Summe wird dies Anthropozän genannt. Das Bild des Menschen als kleiner Teil der Natur ist nicht mehr zeitgemäß. Wir als Menschheit greifen aktiv in das Geschehen ein. Festzumachen ist dies zum Beispiel am weltweiten Anstieg der Radioaktivität durch zahlreiche Atomversuche.

Zwei Schlussfolgerungen:

  1. Wir haben Macht, also können wir noch intensiver als zuvor in die Natur eingreifen und problemorientiert intervenieren. Beispiel: Geoengineering, wie das Düngen von großen Ozeanflächen mit Eisenmolekülen, um Algen Ab- und Aufbau zu provozieren. Das sind Experimente, deren Komplexität wir nicht erfassen können.
  2. Suffizienz: Genügsamkeit nicht im Sinne des Verzichts, sondern der Einsicht, wie viel wirklich zum Leben benötigt wird.

Das sind westliche Konzepte. Indigene Bevölkerungsgruppen wie die Mapuche oder die Aymara haben andere Konzepte, beispielsweise das „Buen Vivir“. Aber hat die Menschheit ein Interesse daran, sich auf eine nachhaltige Entwicklung mit allen ihren diversen Bevölkerungsgruppen zu einigen?

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Welche Konzepte werden die Gruppen erarbeiten?

Letztes Jahr hat die UNO die Nachhaltigkeitsziele beschlossen. 17 Ziele mit unterschiedlichen Perspektiven die benennen, was geschehen muss, um global soziale „Tipping Points“ zu vermeiden. Dazu zählen Armutsbekämpfung oder Bildung. Die Ziele sind aber nicht sanktionsfähig, denn werden diese durch ein Land nicht erfüllt, hat dies keine negativen Auswirkungen auf das einzelne Land. Mit der Resolution die wir jetzt haben, sind alle Länder dazu verpflichtet, diese Punkte auf der Liste zu erfüllen. Damit ist Deutschland ab sofort auch ein Entwicklungsland.

Joachim Borner schließt mit der Beschreibung „Planetarischen Leitplanken“, die für uns berechneten Grenzen, um noch Kultur- und Umweltzustände zu sichern, mit denen wir leben können. Die notwendige Veränderung, die ansteht, sei ein radikaler Wandel. Und verglichen mit dem Strukturwandel in der Energiewirtschaft, weg von Atomenergie hin zu Erneuerbarer, werde der landwirtschaftliche Wandel mit noch viel schwieriger zu erreichenden Veränderungen einhergehen.

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In der Gruppenarbeit um eine Vision für 2050.

Am Nachmittag stellt jede Gruppe ihre Roadmap zur Vision 2050 vor. Danach wird das Wissen um Schlüsselelemente für die Entwicklung eines Theaterstücks von Experten der Filmschule in Santiago de Chile in einer Session an die Gruppe gegeben. Hinsichtlich der am Freitag zu präsentierenden Visionen sind die gewonnenen Erkenntnisse hilfreich bei der Entwicklung einer anschaulichen Vorführung.

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Verknüpfungen der feinsten Sorte?

SDGs im Zusammenhang – Ernährung im Fokus

Im Jahr 2015 einigten sich die Vereinten Nationen auf 17 Sustainable Development Goals (SDGs), die als Agenda für nachhaltige Entwicklung in allen Länder der Welt umgesetzt werden sollen. Wir haben uns in die Situation der Arbeitsgruppen versetzt, die diese Goals über zwei Jahre lang entwickelten, und drei für uns besonders bedeutsame SDGs ausgewählt. Als Ausgangspunkt haben wir das Thema Ernährung gewählt und uns auch in der weiteren Auswahl daran orientiert.
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Goal 2: Hunger beenden, Ernährungssicherheit und verbesserte Ernährung erreichen und eine nachhaltige Landwirtschaft fördern

Trotz der ausreichenden globalen Lebensmittelproduktion leiden 870 Millionen Menschen an Unterernährung. Die Anforderungen, die sich aus dem Ziel der Ernährungssicherheit ergeben, bedeuten für die deutschen Rahmenbedingungen eine Unterstützung des Ökologischen Landbaus. Gerade im ländlichen Raum ist das Leben für viele Menschen, besonders junge Leute, immer unattraktiver geworden Dabei steigert das Erlebnis des ökologisch landwirtschaftlichen Betriebes auf gesunde und nachhaltige Art und Weise die Wertschätzung von Lebensmitteln. In Privathaushalten führt deren Mangel häufig zur Lebensmittelverschwendung. Gute Nahrung landet so in der Tonne statt auf dem Teller.
Um Verschwendung vorzubeugen, eine verbesserte Ernährung zu fördern und damit Flächenpotenziale freizusetzen, sollte Ernährung wieder einen Platz in der Schulbildung finden. Doch nicht nur dort, auch verschiedene Medien können  dazu genutzt werden, um dem Endverbraucher seine Kraft aufzuzeigen, dieses SDGs zu erreichen. Konkret bedeutet dies, dass sich unsere Ernährungsstile ändern müssen. Derzeit sind ca. 70% der globalen landwirtschaftlichen Fläche für Viehwirtschaft in Nutzung (WGBU 2014, S.9). Tierische Produkte erzeugen Emissionen. Daher würden nicht nur Flächen frei, sondern ebenfalls Emissionen reduziert. 
In Zukunft werden noch mehr Menschen in Städten leben und  Megacities entstehen. Hier wird es problematisch, diese mit frischen, regionalen Lebensmitteln zu versorgen. Aber nachhaltige Landwirtschaft kann auch in Städten geschehen, zum Beispiel durch Aquaponik und Gemeinschaftsgärten. Nachhaltige Landwirtschaft muss jedoch von der Politik gewollt und finanziell gefördert werden.
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Goal 12: Für nachhaltige Konsum- und Produktionsmuster sorgen

Eng verknüpft mit Goal 2 sind nachhaltige Konsum- und Produktionsmuster. Diese sind unter anderem eine Voraussetzung für Ernährungssicherheit und das Beenden von Hunger. Festgelegte Normen und Standards führen innerhalb der Produktion zu ungerechtfertigter Verschwendung. Ebenso tragen die Überproduktion von Lebensmitteln sowie die Situation am europäischen Absatzmarkt (u.a. der Verkauf zu ungerechtfertigten Preisen) dazu bei, dass ein Teil der Ware den Endverbraucher nicht erreicht. Maßstäbe der Großabnehmer und Sonderangebote in den Discountern sind zusätzlich negative Aspekte. 
Hier bedarf es einer  Änderung der politischen Rahmenbedingungen. Eine Zielvorgabe ist die „Abschaffung aller Formen von Agrarexportsubventionen und aller Exportmaßnahmen mit gleicher Wirkung“ (Die 2030-Agenda, S.12). Dies würde zu geringeren Transportemissionen und erhöhtem Nährwert der Lebensmittel führen und der Überproduktion in Deutschland (beispielsweise von Schweinefleisch, um den europäischen Markt zu versorgen) entgegenwirken. Somit betrifft dieses Ziel nicht nur die interne Situation, sondern hat ebenfalls externe Effekte.
Der WBGU schreibt in seinem Politikpapier zur SDG-Debatte, dass derzeit existierende Konsummuster nicht für alle Menschen universalisierbar sind (S.8). Da aber die Mittel- und Oberschicht stetig wachsen und diese den höchsten Ressourcenverbrauch aufweisen, ist es an der Zeit, eine Lösung für global gerechte Konsummuster zu finden. Welche marktwirtschaftlichen Instrumente können noch eingesetzt werden, um die Einhaltung der planetarischen Leitplanken seitens der Produzenten und Konsumenten zu verbessern? Offensichtlich ist zunächst einmal die Kommunikation der Leitplanken nötig.
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Goal 13: Umgehend Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels und seiner Auswirkungen ergreifen

Der Klimawandel verschärft die Nahrungskrise und globale Ungerechtigkeiten: Die Landwirtschaft ist durch den Klimawandel immer extremeren Wetterereignissen ausgesetzt. Die Auswirkungen sind in Deutschland und im Rest der Welt unterschiedlich stark. Ohne eine funktionierende und nachhaltige Landwirtschaft können die Ziele der Ernährungssicherung sowie der Hunger– und Armutsbekämpfung nicht erreicht werden. Im Politikpapier des WBGU wird von einer erschwerten langfristigen Armutsbekämpfung gesprochen, sollten die SDGs den Umweltproblemen keine Rechnung tragen. Denn die Lebensgrundlage der Menschheit ist nunmal der Planet Erde, mit den Böden, die wir bewirtschaften, um uns zu erhalten. 
Auch ein „Weiter so“ im Wirtschaftssystem gepaart mit ein wenig nachhaltigerer Energie wird den Klimawandel nicht stoppen können. Der CO2-Ausstoß ist in Deutschland weiterhin viel zu hoch. Doch wo bleibt das Kohleausstiegsprogramm? Zudem sind größere Transformationen der Energiewirtschaft und damit auch des Wirtschaftssystems im Allgemeinen erforderlich. „Degrowth“ lautet hier das Zauberwort. Auch die erdölproduzierenden Länder müssen einbezogen werden. Hier ist ein frühzeitiger Strukturwandels notwendig, damit diese Staaten anders Wohlstand erwirtschaften können. 
Auf Makroebene ist die internationale Handelspolitik der Knackpunkt im Umdenken der Politikfelder. Sie muss so umgestaltet werden, dass Armut und Umweltschäden nicht vergrößert werden. Eine Lösung scheint in dem Zusammenhang nicht einfach zu sein und bedarf eines Mentalitätswandels sowie struktureller Machtverschiebungen in den teils autoritären energieliefernden Staaten. 
Auch Verbraucherinnen und Verbraucher tragen hier Verantwortung. Um dieser gerecht zu werden und einen Mentalitätswandel zur Unterstützung wirksamer Klimapolitik zu tragen, ist Umweltbildung grundlegend. Auch in Ländern mit bereits gesichter und relativ hoher Bildungsqualität soll die kommende Generation den Wert Wert  einer sozialen und ökologischen Welt bereits von klein auf  verinnerlichen: Bis  2030  sollen  alle  Lernenden  wissen,  was  ein  nachhaltiger  Lebensstil  ist, sich  mit  Menschenrechten  und  Geschlechtergleichheit auskennen, ein globales Bewusstsein entwickeln und vieles mehr.
Die  Grundlagen  sind  in  Deutschland  geschaffen:  Die  Vereinten  Nationen  hatten  2005  eine UN-Dekade  Bildung  für  nachhaltige  Entwicklung  (BNE)  ausgerufen.  Die  Deutsche  UNESCO-Kommission   hat   seitdem   fast   2.000   Projekte ausgezeichnet.  Auf  UN-Ebene  ist  mittlerweile ein   neues   Weltaktionsprogramm   verabschiedet worden, das BNE aktiv voranbringen soll. In dem Zusammenhang sind jedoch langfristige und strukturelle Förderungen von Bildungsprogrammen durch die Politik erforderlich, der bisherige Projektcharakter im Bereich BNE ist wenig nachhaltig. Auch sollte BNE Teil der Ausbildung von Lehrern und Erziehern werden.
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 Fazit

Die Auswahl der obigen SDGs zeigt nur einen Ausschnitt aus der 2030-Agenda. Einzelne SDGs können dabei nur Bausteine sein. Alle 17 Ziele bauen aufeinander auf und bedürfen der Zusammenarbeit verschiedener Akteure. Wer errät, wie viele SDGs sich in unserer Argumentation tatsächlich eingeschlichen haben?
Nicht alle Menschen tragen in gleichem Maß die Verantwortung der aktuellen Belastung des Planeten Erde, seiner derzeitigen und zukünftigen Bewohnerinnen und Bewohner. Aber Verbesserung können wir dabei nur gemeinsam bewirken. Die SGDs sind anspruchsvolle Ziele, daher gibt es auch keine einfachen und schnellen Lösungen. Umso wichtiger ist es sofort zu starten und aktiv zu werden, denn der Klimawandel wartet nicht bis wir bereit sind zu tiefgreifenden Veränderungen. 
Fotos: Carolin Kern
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Containern mit dem Bundespräsidenten

Impressionen der „Woche der Umwelt“ 2016 in Berlin

 

Bei strahlendem Sonnenschein eröffnete Bundespräsident Joachim Gauck die Woche der Umwelt am 7. Juni im Park von Schloss Bellevue in Berlin. Dabei wurde nicht nur die Frage aufgeworfen, wie wir alle miteinander auf diesem Planeten leben wollen und können, sondern auch, wie wir sie besser machen. Jugendliche des Aktionsbündnisses „Zukunft Selber Machen“ forderten den Bundespräsidenten mit einer Weltkugel in den Händen auf, zu erzählen, wie er persönlich die Welt besser macht. Zuallererst habe er zu diesem Austausch ins Schloss eingeladen, aber ganz persönlich wolle er Marmelade aus übrig gebliebenem Obst kochen. „Vielleicht, wenn ich Rentner bin, geh ich abends bei den Supermärkten vorbei und gucke, ob ich das einsammeln kann.“ Obwohl heftiger Applaus gespendet wurde, ergänzte Gauck: „Jetzt geht das noch nicht. Derzeit fahre ich Rad und spare Strom.“

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Um Einsparungen ging es auch an vielen anderen Stellen, wie so oft um CO2-Emissionen. Auf der Hauptbühne wurde unter dem Begriff „Große Transformation“ die Frage der Veränderungsbereitschaft und Stärkung der Selbstverantwortung in der Gesellschaft diskutiert. In vielen Bereichen seien schon enorme Fortschritte gemacht worden, meinte Bärbel Hohn, Vorsitzende des Ausschusses für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit. „Das Einzige sind die Kühe mit ihrem Methan, die wir nicht so schnell CO2 frei kriegen.“ Frei allerdings, das seien die Äcker, nämlich von Insekten. Früher hätte man nach 10 Kilometern die Windschutzscheibe von etlichen Insekten befreien müssen, heute könne man 300 km fahren, ohne eine Säuberung. Der Verlust von Artenvielfalt, die nach oben getriebene Fleischproduktion – Bloß wenige Beispiele, warum Klimaschutz mit den Nachhaltigkeitszielen verbunden werden müsse.

Was macht Deutschland falsch? Klaus Müller, Vorstand des Verbraucherzentrale Bundesverbands, forderte verbindliche Rahmen. Der Verbraucher benötige klare, verlässliche Informationen, wie beispielsweise die Eierkennzeichnung. Warum also nicht auch eine CO2-Kennzeichnung? Der Staat sollte sagen: „Ich gebe euch verlässliche, gute Informationen“, so Müller. Internetbotschafterin der Bundesregierung Gesche Joost hielt gegen dieses Regeldefizit, denn Vorschriften auf Verpackungen machten keinen Spaß. Anders sei das mit frei gewählten Ernährungsstilen. Vegan zu leben sei eine positive Lebenshaltung, kein Verbot. Das habe sie im Internet beobachtet, besonders dort, wo sich über Ernährung ausgetauscht wird. Frau Joost propagierte Verbraucherforen im Netz als neue Formen des aktiven Handelns.

„Ich sehe Bürgerpartizipation durch das Netz als Teil nachhaltiger Entwicklung“.

Auch an anderer Stelle fragten sich Experten und Besucher, wie nachhaltige Entwicklung gestaltet werden kann. In den je 7 Fachforen, die zeitgleich stündlich stattfanden, war das Interesse groß am Thema Bildung, denn wie lernen wir Nachhaltigkeit?

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Rita Schwarzelühr-Sutter, DBU-Kuratoriumsvorsitzende, zeigte sich angetan von der Frage einer Jugendlichen, warum es kein Schulfach Nachhaltigkeit gebe. Bildung ist Ländersache, weshalb eine zeitnahe Integration in das Lehrangebot nicht zu erwarten sei. Trotzdem gab sie ein klares Statement für mehr Nachhaltigkeit in Bildungseinrichtungen ab: „Es liegt in unserer Verantwortung, gerechte und hochwertige Bildung zu gewährleisten und zu fördern. Bildung ist der Schlüssel zu nachhaltiger Entwicklung.“

In der Diskussionsrunde wurden nonverbale Bildungsräume gefordert ebenso wie bundesweite Netzwerke, über die angepasste Lehrveranstaltungen entwickelt werden. Schüler des Städtischen Gymnasiums Hennef berichteten von ihren eigenständigen Aktionen für Mitschüler aller Stufen außerhalb des Schulangebots. Dieses erstreckt sich von Interviews mit Passanten auf dem Marktplatz, Upcycling-Workshops, Fotowettbewerben bis hin zur Errichtung einer Veggie-Wunschbox in der Mensa, über die vegetarische Lieblingsgerichte der Schüler von der Kantine nachgekocht werden.

„Engagement dieser Stärke ist unter Studenten immer weniger der Fall“,berichtete Miriam Block vom netzwerk n e.v.. Zumindest längerfristiges Einbringen sei durch das Bachelor-Master-System verringert worden. Im ersten Jahr müsse sich jeder selbst umschauen, einfinden und einarbeiten, im zweiten seien diejenigen dann sehr aktiv und im dritten komme der Abschlussstress, das könne sie aus eigener Erfahrung sagen. Gerade die Erfahrung und das Wissen gehe dann mit dem Umziehen in eine andere Stadt für das weiterführende Masterstudium verloren. Die Initiativen ständen damit jedes Jahr wieder vor einem Problem. Um dieses zu lösen, bildete sich das netzwerk n. Es bündelt bundesweit als Vernetzungsplattform Wissen, Erfahrungen und Kompetenzen zwischen studentischen Initiativen, einzelnen Studierenden, Absolvent*Innen und Promovierenden. So könne die Wissenschaftspolitik aktiv mitgestaltet werden.

Auch ohne festes Engagement kann jeder derzeit direkt die Aktion von „Zukunft Selber Machen“. Unter dem Hashtag #selfmadefuture können Statements zum eigenen weltverbesserndem Handeln abgegeben werden, denn das Ziel ist groß: 1 Million Statements sollen zusammenkommen.

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Obschon es nur zwei Tage waren, kann insgesamt eine positive Bilanz gezogen werden. Für viele Unternehmen ist Nachhaltigkeit und Klimawandel nicht mehr nur Marketingstrategie, sondern ein ernsthaftes Thema. Nach der Einigung der Staaten auf der COP 21 sollte die Stimmung eigentlich positiv sein. Trotzdem ließ viele Zuhörer und Partizipanten die fehlende Wahrnehmung der Brenzlichkeit und die schleppende Umsetzung dieser globalen Vereinbarungen nicht los. Ein denkwürdiges Zitat von Peter Sloterdijk, eingeworfen von einem Diskutanten, könnte als Antwort auf die Frage taugen, warum wir besseren Wissens nicht nachhaltig handeln:

Die Menschen sind Zukunftsatheisten, sie glauben nicht an das, was sie wissen.