Phosphor, Vielfalt oder Hunger? Wie wir den Boden in unserem Land nutzen (wollen)

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Landnutzung und nachhaltige Entwicklung in ländlich geprägten Regionen

 

Ohne den Schutz der Böden wird es nicht möglich sein, eine wachsende Weltbevölkerung zu ernähren, die Erderwärmung unter 2 Grad Celsius zu halten und den Verlust der Biodiversität zu stoppen.(Bodenatlas, 2015, S. 8)

 

Ein Kernziel der neuen Entwicklungsziele der UN ist die weltweite Umsetzung einer nachhaltigen Entwicklung innerhalb planetarer Grenzen (1). Im Gegensatz zu den alten Millennium-Entwicklungszielen gelten die neuen Ziele nicht nur für sog. Entwicklungsländer, sondern für alle Regionen dieser Erde. Auf allen Ebenen und auch für die Entwicklung im ländlichen Raum definieren die globalen Nachhaltigen Entwicklungsziele (SDGs) konkrete Vorgaben für ein gutes und zukunftsfähiges Leben.

 

 

 

 

 

“walk to Caxton 4 / Monoculture 3” by Andy / Andrew Fogg is licensed under CC BY 2.0

 

Jede Region in Deutschland ist also verantwortlich dafür, die Umsetzung der globalen Nachhaltigkeitsziele zu erreichen. Nicht, indem ganz nebensächlich abgeglichen wird, ob dieser oder jener Zielindikator erreicht wird, sondern indem Verbesserungsvorschläge entwickelt werden, die mehrere Ziele gleichzeitig berücksichtigen. Ein Häkchen am Ziel Ernährungssicherheit bedeutet eben nicht, dass dafür Ziele wie Umwelt- und Naturschutz oder nachhaltige Produktionsbedingungen vernachlässigt werden können.

Wenn z.B. die Umstellung auf nachhaltige Landwirtschaft auf Kosten der Ernährungssicherheit geht, oder die Intensivierung der Flächennutzung zur Ertragserhöhung auf Kosten der biologischen Vielfalt geht, ist die Entwicklung schlichtweg nicht nachhaltig, egal wie erfolgreich einzelne Ziele auf Nachhaltigkeit ausgerichtet werden.

Gerade in ländlichen Räumen Deutschlands können eine Vielzahl von SDGs erfolgreich umgesetzt werden. So geht es im ländlichen Raum insbesondere darum, eine nachhaltigere Bewirtschaftung von Wald- als auch von Ackerflächen zu erreichen.

Hierbei spielt zum einen die Nachhaltigkeit landwirtschaftlicher Produktionssysteme eine wichtige Rolle. Die Art und Weise der agrarindustriellen Produktion nimmt einerseits maßgeblichen Einfluss auf die Ernährungssicherheit und Versorgung mit Lebensmitteln (Ziel 2), andererseits beeinflusst  sie den Zustand der Böden und die ökologische Vielfalt (Ziel 15). So ist es vor allem die Landwirtschaft, die im Modell der planetarischen Grenzen (siehe 2, 3, 4) Einflüsse jenseits der ökologischen Belastbarkeitsgrenzen für unseren Planeten verursacht, zum Beispiel durch eine erhöhte Stickstoff- und Phosphorbelastung, aber auch durch eine fortschreitende Umwandlung von Landfläche in Ackerland (siehe Abbildung 1). Mit der Landnahme und Übernutzung intensiv bewirtschafteten Ackerlands einher geht der Verlust biologischer Vielfalt und die Gefährdung ökologischer Systeme. Einen Brückenschlag zwischen beiden Zielvorgaben vermag Ziel 12 zu schlagen, in dem vorgeschlagen wird, den negativen Einfluss menschlichen Wirtschaftens auf die natürliche Umwelt durch die Etablierung nachhaltiger Konsum- und Produktionsmuster zu reduzieren. So ist z.B. für die Entwicklung in Deutschland vorgesehen, bis 2030 eine nachhaltige Bewirtschaftung und effiziente Nutzung der natürlichen Ressourcen zu erreichen, und sogar schon bis 2020 einen umweltverträglichen Umgang mit Chemikalien und allen Abfällen zu sichern und die Freisetzung in Luft, Wasser und Boden erheblich zu verringern (6).

 

Abbildung 1: Die landwirtschaftliche Nutzung trägt in mehreren Bereichen maßgeblich zur Überschreitung planetarer Belastungsgrenzen bei (Vgl. Meier, 2017).

 

Ein Beispiel ist der Umgang mit Phosphor im dt. Agrarsektor: Phosphor als Düngemittel ist notwendig, um die Erträge auf dem Acker zu erhöhen, was wiederum zur Ernährungssicherheit beiträgt. Allerdings wird großflächig mehr Dünger ausgebracht, als die Pflanzen aufnehmen können. Sowohl Phosphat und als auch Nitrat sickern in die Böden und belasten diese übermäßig. Zudem wird gewarnt, dass Phosphor-Gestein eine endliche Ressource ist (1), wobei die Vorräte möglicherweise in den nächsten Jahrzehnten erschöpft sein werden (5). Da Phosphor im Gegensatz zu fossilen Energiequellen als nicht-ersetzbar gilt, wird vor massiven Ertragsverlusten und somit Ernährungsengpässen gewarnt (1, 5).

Erster Hoffnungsschimmer ist eine neue Düngetechnik, die das bereits in Übermengen in den intensiv bewirtschafteten Böden vorhandene Phosphor durch Mikroorganismen zurückgewinnt (7). Pilze und Bakterien dieser Mixtur sorgen dafür, dass im Boden vorhandener Dünger von den Pflanzen wieder aufgenommen werden kann. Weiterer Vorteil ist, dass wieder Leben in die Äcker kommt: auf Versuchsfeldern in Brandenburg habe man nach zwei Jahren sogar wieder Regenwürmer entdeckt (7). Auch die Idee eines “erneuerbaren” lokalen Stoffkreislaufes zur Gewinnung von Phosphor aus Biomasse und Urin ist nicht neu, findet jedoch noch keine hinreichende Anwendung (5).

Zum anderen ist ein Drittel der Fläche Deutschlands Waldgebiet – doch ein großer Teil davon ist von Monokulturen geprägter Wirtschaftswald. Um den Verlust biologischer Vielfalt aufzuhalten (Ziel 15), muss deshalb der Flächenanteil der Wälder mit natürlicher Waldentwicklung drastisch erhöht werden. Zudem leisten Wälder einen wesentlichen Beitrag zum Klimaschutz (Ziel 13), zum Schutz der Böden und zur Erhaltung eines funktionierenden Wasserhaushalts (Ziel 6). Der aktive Schutz der Wälder ist also ein Beitrag zu gleich mehreren SDGs.

“Monoculture” by lindsey elliott is licensed under (CC BY-NC-ND 2.0)

 

Um im ländlichen Raum eine Vielzahl von SDGs erfolgreich umzusetzen, sind zahlreiche Maßnahmen erforderlich. Anbei eine Auswahl dringend notwendiger Schritte:

Anforderungen an die deutschen und europäischen Rahmenbedingungen im Bereich Landwirtschaft:

  • Die Verwendung von Düngemitteln stärker regulieren und vor allem auch reduzieren (6). Umweltfreundlichere Alternativen zu konventionellen Agrochemikalien fördern (durch finanzielle Anreize oder Verbot bzw. Obergrenzen nicht-nachhaltiger Düngemittel).
  • Die Bestimmungen des dt. und europäischen Biosiegels verschärfen und die Einhaltung sicherstellen (statt sie aufzuweichen, wie derzeit für den Bereich der Massentierhaltung diskutiert wird).

Anforderungen an die deutschen und europäischen Rahmenbedingungen im Bereich Waldwirtschaft:

  • Die Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt muss das Ziel umsetzen, dass der Flächenanteil der Wälder mit natürlicher Waldentwicklung drastisch erhöht wird. Mindesten fünf Prozent der Waldfläche sind notwendig.
  • Zudem muss die Flächenversiegelung gestoppt werden.
  • Flächen der Naturschutzgebiete, Nationalparks, Natura 2000-Gebiete sowie die Flächen des Nationalen Naturerbes müssen weiterhin geschützt und stetig ausgeweitet werden.

Anforderungen an die globalen Strukturen:

  • Durch Maßnahmen wie transparente Lieferketten und Bodennutzungsrichtlinien verhindern, dass die Produktionsflächen in Ländern des globalen Südens für die Konsumbedürfnisse der Menschen im globalen Norden erweitert werden (6).
  • Eine Kreislaufwirtschaft für Düngemittel in konventioneller Landwirtschaft einführen um den Bedarf an Düngemittel sowie die negativen Folgen durch intensive Nutzung zu reduzieren (1).

Produktionsweisen:

  • Intensive, groß-industrielle Massentierhaltung verringern.
  • Kleinbäuerliche Betriebe, extensive Weidehaltung und ökologischen Landbau fördern.
  • Der Schutz von Landökosystemen durch andere Produktionsweisen sollte einem holistischen Ökosystemansatz folgen, der auch die Menschen, die die Naturräume nutzen (z.B. Landwirte), sehr viel stärker als bislang einbezieht und ihre Erfahrungen und Bedarfe in den Fokus rückt. Hier spielt die Einbeziehung von lokalem Wissen eine zentrale Rolle.

Lebensstile:

  • Fleischkonsum reduzieren. Bewusstseinswandel über Fleischkonsum fördern.
  • Bioprodukte, regionale und saisonale Produkte konsumieren.
  • Solidarische Landwirtschaft unterstützen.
  • Holz- und Papierverbrauch senken und auf die Nutzung von Recyclingpapier und zertifizierter Holzprodukte (z.B. FSC Siegel) umschwenken.
  • Konsum von Produkten reduzieren, die mit Landnahme in Ländern des globalen Südens verbunden sind, z.B. Palmöl.
  • Ein Umdenken bezüglich des westlichen Konsumverhaltens fördern: Bereitschaft zur Einschränkung von Produktvielfalt im Supermarkt erhöhen und Bewusstsein darüber erlangen, dass für den Konsum (u.a. in Deutschland) ein enormer Verbrauch von Ressourcen anderer Regionen in Kauf genommen wird.

 

Hermine Bähr, Johanna Ickert und Miriam Schauer

 

Referenzen:

(0) Chemnitz, C., & Weigelt, J. (2015). Bodenatlas. Daten und Fakten über Acker, Land und Erde. Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS), Berlin, Potsdam.

(1) WBGU (2015): http://www.wbgu.de/videos/videos-wbgu/video-messner/

(2) Meier, T. (2017): Planetary boundaries of agriculture and nutrition – an Anthropocene approach. In: Proceedings of the Symposium on Communicating and Designing the Future of Food in the Anthropocene. Humboldt University Berlin.

(3) Steffen, W. et al. (2015): Planetary boundaries: Guiding human development on a changing planet. In: Science.

(4) Rockström, J. et al. (2009): A safe operating space for humanity. In: Nature. 461, 2009, S. 472–475.

(5) Cordell, D., Drangert, J. O., & White, S. (2009). The story of phosphorus: global food security and food for thought. Global environmental change, 19(2), 292-305.

(6) Martens, J. und Obenland, W. (2016): Die 2030-Agenda. Globale Zukunftsziele für nachhaltige Entwicklung.  https://www.globalpolicy.org/images/pdfs/GPFEurope/Agenda_2030_online.pdf

(7) Wilhelm, F.: Kommt die Dünge-Revolution aus Georgien?, in: Nordkurier, S. 5, 13. Juli 2017