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Nationale Konferenz am 23. März – Umsetzung nachhaltiger Konsum in Deutschland: Vom Ver- zum Gebraucher?

Anlässlich der 2015 beschlossenen Agenda 2030 der Vereinten Nationen, deren Sustainable Development Goals (SDGs) entwicklungs- und umweltpolitische Ziele einer globalen nachhaltigen Entwicklung vorgeben, entwickelte die deutsche Bundesregierung ein Nationales Programm für nachhaltigen Konsum. In dessen Rahmen wurde am 23. März in Berlin das Kompetenzzentrum Nachhaltiger Konsum eingeweiht, das unter Obhut des Umweltbundesamtes als ressort-  und akteurübergreifende Vernetzungs- und Koordinationssplattform ausgebaut werden soll.

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Als multi-stakeholder Konferenz konzipiert, ging es im Anschluss an Begrüßungsworte der beteiligten Ministerien Umwelt, Landwirtschaft und Justiz – “Die Richtung ist gegeben, der Masterplan fehlt!” –, sowie der Präsidentin des Umweltbundesamtes Maria Krautzberger – “Irgendetwas stimmt nicht, wenn das Taxi zum Flughafen teurer ist als der Flug!” – in unterschiedlichen Blöcken darum, wie über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg Konsum und Produktion von Produkten und Leistungen nachhaltig gestaltet werden kann.

Es könne nicht nur darum gehen, Konsummuster mit grüneren Produkten und Herstellungstechniken zu ersetzen, sondern es müsse eine zukunftsfähige Lebensstilveränderung eintreten, die Nachhaltigkeit nicht nur als PR-Tool, sondern als gesamtgesellschaftliches Konzept verstünde – überraschend progressive Töne, die sich aus einem Trialog zwischen NGO, Bildung und Wirtschaft entwickelten: “Weniger als mehr” zu vermitteln, wäre die große Aufgabe der kommenden Jahrzehnte, denn Konsumverzicht müsse als integralen Bestandteil einer neuen Konsumstrategie verstanden werden. Gerade in hochindustrialisierten Dienstleistungsgesellschaften wie Deutschland ginge es schließlich darum, im Sinne des Suffizienzgedankens das genug zu betonen, Orientierung in einer Welt des Überflusses zu geben. Es sei an der Zeit, “nicht nur in Produkten zu denken”, sondern das eigene Verhalten in ein übergeordnetes Verständnis von Bedarf und Gebrauch einzubetten, zu merken, dass “es auch noch was anderes gibt, als effizient zu sein” (Johannes Doms, hipp).

Doch wie fördert man soziale Innovation? Wie die Marktmacht der Konsumentscheidungen mit rechtlichen Rahmenbedingungen verbinden, das ewig gepredigte “Wissen in Handeln-Übersetzen” in konkret erlebbare Verhaltensmuster integrieren? Den Druck zivilgesellschaftlicher Akteure stärken und nutzen, wie es der NABU-Präsident und Vertreter des Rates für nachhaltige Entwicklung Olaf Tschimpke vorschlägt? Den Schritt der Internalisierung externer Kosten wagen, also Produkten ihren wahren Preis geben, um so das Bewusstsein für die Tragweite ökologischer und sozialer Schäden zu schärfen? Wie Bildung verändern, um eine gesamtgesellschaftliche Wende zu nachhaltigeren Lebensstilen zu ermöglichen?

Diesen Fragen widmeten sich im zweiten Block Vertreter aus Mobilität, Ernährung und Bekleidung, wobei zwischen Eigenwerbung und ehrlichen Abwägungen darüber diskutiert wurde, wie Nachhaltigkeit als Konsumpraxis aus der Nische in den Mainstream kommen könnte. Beispielsweise BMW, die sich selbst in erster Linie nicht mehr als Autohersteller, sondern als moderner Mobilitätsanbieter und Dienstleister verstünde und frei nach dem Motto “People, Planet, Profit” (interessante Abwandlung des SDG Leitspruches People, Planet, Prosperity) seinen Carsharing-Marktanteil ausbaut. Oder auch Foodsharing e.V., dessen Vorsitzender selbstkritisch beobachtet, dass Initiativen wie die seine oft nur an der Oberfläche der Probleme kratzen würden, ohne wirklich etwas zu verändern, da sie mit ihrer “sozialen Müllabfuhr” das System der Supermarktketten quasi am Laufen halten würden. Auch wurden technologische Innovationen in den Mittelpunkt gestellt, wie das Konzept des Vertical Farmings als Möglichkeit der urbanen Lebensmittelproduktion (Vertreter der METRO AG) oder die verstärkte Vermarktung des Reparaturansatzes sowie des Upcyclings von Kleidungsstücken.

Es ginge laut BMW-Vertreterin darum, die Herzen der Menschen zu erreichen, Veränderung erlebbar zu machen. Perspektivwechsel einnehmbar zu machen, erforscht auch das Future City Lab in Stuttgart in Reallaborszenarien, um so die Interdependenzen von Gedanken- und Infrastrukturen aufzuzeigen. In Versuchen, den öffentlichen Raum nutzerfreundlicher zu gestalten, werden unterschiedliche Variationen intermodularer Mobilität getestet, um stadtplanerisch den Mobilitätszwang zu verändern.

Dieser Wechselwirkung zwischen Gedankenstrukturen und Infrastrukturen wurde ebenfalls im abschließenden Block in verschiedenen Fachforen nachgegangen. Nachhaltigkeitskommunikation als Vernetzungspraxis zu verstehen war der große Impuls des Nachhaltigkeitsinformationstisches, die letzten Endes Ansätze aus der Glücksforschung verwenden könne, eine Wende vom Sollen zum Wollen in die Wege zu leiten. Ebenso sei es an der Zeit, Nachhaltigkeit als Fundament in die Bildungslandschaft einzuarbeiten, die gewisser weise eine Umerziehung des Konsumenten vom Verbraucher zum Gebraucher zum Ziel haben müsse. Konsum auch als identitätsstiftende soziale Teilhabe zu verstehen und formen zu können, bedarf schließlich einem Leitfaden der Transparenz, dem es um die klare Benennung von Fehlentwicklungen gehen müsse, um der Gesellschaft Alternativen aufzeigen zu können.

Interessant wäre gewesen, die Zukunftsentwicklung von Automatisierungsprozessen im Analyseblickwinkel miteinzubeziehen, um weitsichtigere Impulse für Produktions- und Konsumveränderungen geben zu können. Auch das Wachstumsimperativ wurde kaum Gegenstand von (selbst)kritischen Betrachtungen, dabei scheint dieses zentral für Marktexpansionen, Produktionskostenminimierung und übermäßigen Ressourcenverbrauch zu sein. Deutlich wurde jedoch, dass neue Geschichten Hand in Hand gehen müssen mit praktischen Anwendungsmöglichkeiten.

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