ENavi und KMGNE |Forschung trifft Alltag: Kooperationen im Reallabor (Modell-) Region Mecklenburg

Das Kopernikus-Projekt „Energiewende-Navigationssystem“ (ENavi) ermöglicht es  Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft gemeinsam in den nächsten zehn Jahren technologische, soziale und wirtschaftliche Lösungen für den Umbau des Energiesystems vor Ort zu entwickeln. Vertretende des KMGNE begleiten dabei zwei  Modellregionen. Beim Treffen am 16./17.10.2017 in Wismar ging es darum, wie die lokalen Administrationen, Engagierten und  Wissenschaftler in den nächsten Jahren zusammenarbeiten wollen, um gemeinsam mit der lokalen Bevölkerung nach Lösungen für ein zukunftsfähiges Energiesystem und ein gutes Leben in den ländlichen Regionen zu suchen.

Direkt am Hafen in den Container-Räumen des  Technologie- und Gewerbezentrums Wismar versammelten sich Stadtvertreter aus den Gemeinden Rhena und Röbel sowie Wissenschaftler aus dem ENavi-Projekt.

Okt17_Wismar Workshop MV
KOMOB mit Blick auf den Hafen in Wismar (c) A.Kraft

Zunächst ging es um die Einbettung der Modellregionen in  die Kopernikus-Forschungsprojekte. Udo Onnen-Weber vom Kompetenzzentrum ländliche Mobilität sagte, Wissenschaft müsse politikfähig sein, um in konkreten Situationen operieren zu können, beispielsweise bei einer konkreten Investitionsentscheidung für erneuerbare Energien beraten zu können. Eine Hauptherausforderung sei allerdings vor allem die Akzeptanz der lokalen Bevölkerung für getroffene Maßnahmen. Das Ziel von ENavi ist daher, gemeinsam mit der lokalen Bevölkerung für sie nützliche Maßnahmen zu suchen, welche u.a. von jedem einzelnen umgesetzt werden können. Die Betrachtungen müssen insofern auch über die Frage der Energieversorgung hinausgehen und mögliche Rückfinanzierung, Nahmobilitätsangebote und andere Faktoren der Daseinsvorsorge einschließen.

Die leitende Verwaltungsbeamtin Lützow-Lübstorf, Iris Brincker, legte aktuelle Klimaschutzaktivitäten wie die Installation einer E-Ladeinfrastruktur und die damit verbundenen Probleme dar.

Yvonne Rowohlt vom Geodatenzentrum Landkreis Nordwestmecklenburg präsentierte das bereits existierende Energieportal Nordwestmecklenburg, welches eine ganze Reihe von Informationen über die Installation erneuerbarer Energien für die Bürger bereitstellt. Kann diese bestehende Struktur im aktuellen Projekt eingebunden werden? Vielleicht über Coaching-Angebote für erneuerbare Energien für Bürger(meister)?

Im Folgenden wurden die Forschungsschwerpunkte vorgestellt. Wie können Stakeholder-Empowerment-Tools im Projekt sinnvoll eingesetzt werden, um in komplexen Entscheidungssituationen Klarheit und Akzeptanz zu fördern? (Reiner Lemoine Institut) Eher technisch war die Frage, wie das Energiesystem über verschiedene Sektoren hinweg auf regionaler Ebene den Bedürfnissen der Menschen und den umweltbedingten Notwendigkeiten angepasst werden kann (BBHC). Wie drückt sich Akzeptanz durch Verhaltensweisen der Bevölkerung aus und wie entwickelt sie sich? (Fraunhofer ISE) Diese Themen wurden am Folgetag in Workshops näher besprochen.

Dr. Joachim Borner vom KMGNE stellte anschließend den zentralen Reallabor-Ansatz vor, der in den Regionen angewendet werden soll. Was ist das Selbstverständnis der Wissenschaftler in den Modellregionen? Wie lässt sich der bisher vernachlässigte ländliche Raum unter Einbeziehung des Wissens der lokalen Bevölkerung nachhaltig stärken? Was ist die Vorstellung der Menschen von ihrer besseren Zukunft? Wie lässt sich diese Zukunft in Bildern, in Erzählungen ausdrücken? Ziel des Vortrags war es, ein gemeinsames Verständnis der Wissenschaft und Praxisakteure über die Vorgehensweise im gemeinsamen Suchprozess zu erreichen. Im Anschluss gab es eine ausführliche Diskussion.

Fazit: Das erste Treffen hat viele neue Fragen aufgeworfen, aber auch Ängste und Sorgen beseitigt. Die Praxisakteure stellten fest, dass diese Reallabor-Arbeitsweise für die Wissenschaftler genauso neu ist wie für sie. So herrschte beim gemeinsamen Abendessen eine lockere Atmosphäre während am Morgen noch alle verhalten der Dinge harrten die da kommen würden. Die Arbeit in den Modellregionen kann losgehen: gemeinsam, auf Augenhöhe, transparent und offen.

Okt17_Wismar Workshop MV (9)
Blick aus den Container-Räumen am Hafen in Wismar (c) A.Kraft

 

Forschung für Transformation – Energiewende lokal umgesetzt

Die Erde und vor allem das Klima wandeln sich. Durch uns – die Menschen. Darum müssen wir etwas tun, und zwar zunächst einmal aufhören, immer mehr klimaschädliches CO2 u.a. bei der Stromerzeugung in die Luft zu pusten. Dieser Aufgabe stellen sich derzeit bereits viele Nationen und vor allem lokale Akteure. Aber wie setzt man solch eine Energiewende um, wie steuert man sie – auf lokaler, regionaler, nationaler und internationaler Ebene?

Continue reading “Forschung für Transformation – Energiewende lokal umgesetzt”

Featured

Überlegungen zur Anwendbarkeit von SDG 10 auf deutsche Verhältnisse

Global_Distribution_of_Wealth_Quelle: Wikipedia

Goal 10: Reduced Inequalities – Ungleichheit verringern

 

In 2012 hatten zwölf europäische Länder eine gerechtere Einkommensverteilung als Deutschland; gemessen am Gini-Koeffizienten zur Vermögensverteilung – einer gängigen Messgröße von Einkommensungleichheit. Zwar erscheint der Index der Bundesrepublik im globalen Vergleich relativ human, aber dennoch bewegen wir uns damit innerhalb Europas lediglich im Mittelfeld.

Zudem nahm die Einkommensspreizung laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) seit 1991 merklich zu: Während die Einkommen gutverdienender Haushalte preisbereinigt um 27% stiegen, verloren Geringverdiener real 8%. Damit hatten deutsche GutverdienerInnen 2014 im Schnitt fast viermal so viel Einkommen zur Verfügung als GeringverdienerInnen.
Die vorliegende Kluft zwischen Arm und Reich bedeutet auch, dass Manager deutscher DAX-Unternehmen ein ungleich Vielfaches vom Einkommen eines einfachen Angestellten desselben Konzerns verdienen – auch wenn diese Unterschiede beispielsweise in den USA noch höher ausfallen mögen.
Während Vorstandsvergütungen globaler Konzerne inklusive Boni schier ins Unermessliche steigen können, stagniert das Einkommen einfacher Angestellter schon seit Jahren.

Diese Zahlen sind vor allem deshalb besorgniserregend, weil wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass soziale Ungleichheit innerhalb von Gesellschaften zu erhöhter Kriminalität und sozialem Unfrieden führt.
Darüber hinaus bilden sich abgeschlossene Räume, die für einen Teil der Bevölkerung nicht mehr zugänglich sind. So kann sich ein Hartz4-Empfänger keinen Restaurant- oder Cafébesuch leisten, ein prekär Beschäftigter ginge nie ins Kino, und ein „Aufstocker“ nicht ins Theater. Eine alleinerziehende Mutter kann nicht mit ihrem Kind im Zug verreisen, und ein Auszubildender kommt nicht in die Diskothek.
Umso erstaunlicher ist es, dass allseits bekannte Maßnahmen zur Bekämpfung von Ungleichheit noch immer nicht oder nur halbherzig umgesetzt werden.

Welches sind die Ursachen für diese Entwicklung?

In Deutschland trägt zu einem nicht geringen Teil die Steuergesetzgebung zu dieser Ungleichheit bei; mit hohen Steuersätzen für mittlere- und verhältnismäßig niedrige für hohe Einkommensklassen.
Hinzu kommen die hohe Zahl an steuerlichen „Schlupflöchern“, die sich für Gutverdienende ergeben und die „Steueroasen“, die dabei ab einer gewissen Größenordnung eine Rolle spielen. Sie sind Mitverursacher der ungleichen Vermögensverteilung – obwohl es sie in ähnlicher Form auch für Großverdiener anderer Kontinente und Staaten gibt.

Dies beides führt dazu, dass milliardenschwere Einzelpersonen und globale Konzerne sich ihrer Steuerpflicht in Deutschland erfolgreich entziehen können, während Kleinstunternehmen sofort zur Kasse gebeten werden, sobald sie in Verdacht geraten, Steuern zu unterschlagen. Zuallererst muss man also bei Einkommen und Besteuerung für mehr Gerechtigkeit sorgen.

Auch die Sinnhaftigkeit eines Großteils der heutzutage existierenden Finanzmarktprodukte ist nicht immer klar ersichtlich; besonders für den durchschnittlichen Anleger. Sicherlich braucht es Staaten und Unternehmen, die Finanzmittel für eine sinnvolle Investition vorstrecken und das damit verbundene Risiko auch finanziell einkalkulieren. Aber ein Gewinn, der darauf basiert, dass Einzelpersonen, Unternehmen und sogar Staaten bankrottgehen, oder dass sich arme Menschen keine Nahrungsmittel mehr kaufen können, ist mehr als unmoralisch.

Ferner hat die allgemeine Ungleichheit einer Gesellschaft viel mit Bildung zu tun. Als Hauptschüler hat man in Deutschland niedrigere Chancen, einen Ausbildungsplatz (der einem gefällt) zu finden und ist später eher von Armut bedroht. Besonders hart trifft es die Jugendlichen, die die Schule ohne Abschluss verlassen und deshalb keine Ausbildung machen können. Hier ist eine spätere Benachteiligung in Beruf und Einkommensverhältnissen vorprogrammiert.


Welcher Strukturveränderungen bedarf es also in Deutschland?

Hier unsere Lösungsansätze. Wir fordern:

  • Einkommen angleichen
    Zum Beispiel durch die Einführung von Gehaltsobergrenzen. Unternehmen sollten dazu verpflichtet werden, eine maximale Einkommensspanne (z.B. 20:1) ihrer MitarbeiterInnen – inkl. Manager und Vorstände – einzuhalten. Denn trotz der komplexeren Kompetenzsanforderungen und einer höheren Verantwortung von Fach- und Führungskräften ist ein xxx-mal höheres Einkommen nicht zu rechtfertigen.

 

  • Steuerlast fair verteilen
    Das Anheben der Steuerhöchstsätze und ein gerechterer Steuerausgleich für kleinere Einkommen ist eine weitere Option. Dies schließt die – wenn auch umstrittene – Anhebung der Erbschafts- und Vermögenssteuer ein. Außerdem die höhere Besteuerung von Schenkungen oder eine Senkung der Mehrwertsteuer.
    Dieses Paket an Maßnahmen schafft Anreize dafür, verdientes Geld wieder in den Geldkreislauf einzuspeisen – und sinnvoll zu investieren, statt es zu horten und mit Zins- und Finanzgeschäften weiter zu vermehren.

 

  • Internationale Steuerschlupflöcher schließen
    Der internationale Austausch von Informationen zu Unternehmensgewinnen und Steuerzahlungen müssen gesetzlich verankert und Steueroasen so wirksam ausgetrocknet werden. Dies ist ohne die Kooperation mit anderen Ländern unmöglich – Deutschland und die EU könnten hier jedoch eine stärkere Vorreiterrolle einnehmen und den Druck auf internationaler Ebene erhöhen.

 

  • Internationale Finanzmärkte regulieren und schädliche Finanzprodukte verbieten
    Spätestens seit der Finanzkrise von 2008 ist klar, dass die internationalen Finanzmärkte strenger reguliert werden müssen – die seit langem diskutierte Finanztransaktionssteuer wäre dazu der erste Schritt. Zudem sollten die KonsumentInnen ehrlicher über die sozial-ökologischen Folgen angebotener Produkte und Dienstleistungen (wie Kredite, Aktien) aufgeklärt werden und eindeutig gemeinwohlschädigende Finanzprodukte verboten werden.

 

  • Revision der Sozialgesetzgebung und Agenda 2010
    Auch die so genannten Hartz4-Gesetze könnte man revidieren, um z.B. Arbeitslosen einen längeren Bezug von ALG1 zu sichern, oder den Menschen über die Grundsicherung hinaus weitere zweckgebundene Fördermittel zukommen zu lassen, so wie es bis Anfang der 2000er Jahre noch war. Wünschenswert wäre der Ausbau eines staatlich geförderten Systems von Förderung und Ermäßigungen im Kulturbereich, in Jugend- und Seniorenzentren, Volkshochschulen etc.
    Langfristig wäre auch ein existenzsicherndes Grundeinkommen für alle denkbar.

 

  • Steuern in Bildung, Gesundheit und soziale Grundsicherung investieren
    Die Anpassung und Erhebung von Erbschafts-, Vermögens-, und Finanztransaktionsteuern, sowie den höher besteuerten privaten und Unternehmensgewinnen generiert neue Ressourcen, die für nachhaltige Ziele investiert werden können. Die Mittel würden frei für notwendige Investitionen in Gesundheit und soziale Sicherungsnetze, sowie in Bildung und Infrastruktur.
    Dazu gehören etwa bezuschusste Einrichtungen wie Kinderbetreuung, Altenpflege, Einrichtungen für körperlich, sozial und psychisch Benachteiligte usw. Gleichzeitig würde dies bedeuten: keine Benachteiligung des ländlichen Raumes mehr und flächendeckender Zugang zu qualitativ hochwertiger Bildung.

Die Workshopleiter der Sommeruniversität 2017 stellen sich vor: Transmedia Storytelling

Featured

Giovanni Fonseca, Facilitator von Lernprozessen

Hallo! Ich bin Giovanni Fonseca und helfe Lernenden seit 20 Jahren sinnvoller zu lernen. Ich bin ein neugieriger analytischer Beobachter, deswegen lebe ich in einen permanent Lernprozess. Ich liebe es, etwas Neues zu lernen!
Ich habe Elektroingenieur studiert, aber immer im Bereich Bildung gearbeitet, insbesondere Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE). Seit mehr als 10 Jahren habe ich sowohl in öffentlichen Bildungsinstitutionen, als auch in privaten gearbeitet, nicht nur in formalen Bildungsprojekten, sondern auch in non-formalen und informellen. Außerdem bin ich seit 4 Jahre als Selbständiger Internationaler Berater für BNE habe ich verschiedene Bildungsprojekte mit Institutionen aus Chile, Deutschland, Indien, Mexiko und Südafrika zusammen entwickelt.
In dieser Sommeruniversität (2017) bin ich mit Thomas Klein Co-Leiter des Transmedia
Storytelling Workshops. Aus meiner Leidenschaft für Bildung werde ich Euch bei der
Realisierung der Produkte unterstützen. Auch werde ich euch zeigen, wie die Technologie ein nützliches Werkzeug ist (kein Ziel), um sinnvollen organischen Lernprozesse zu fördern. Fragen, Kommentare? Teilt sie über Twitter, nutzt die Hashtags: #SUI17 und #TravelTransform, bis bald!
Folgen@giofonseca

Versión en Español | Spanish Version | Version auf Spanisch

¡Hola! Soy Giovanni Fonseca y desde hace 20 años facilito procesos de aprendizaje, es decir, ayudo a aprendices a vivir procesos de aprendizaje más significativos. Soy un curioso y analítico observador, y esto me lleva a vivir en un aprendizaje continuo, ¡me apasiona aprender cosas nuevas!
Estudié Ingeniería Eléctrica Electrónica, pero siempre he trabajado en el sector educativo, en particular en Educación para el Desarrollo Sustentable/Sostenible (EDS). Por más de una década he trabajado tanto en instituciones educativas públicas como privadas, y no sólo en proyectos educativos formales, sino también no-formales e informales. Además desde hace 4 años, como Consultor Internacional Independiente en EDS, he desarrollado conjuntamente diversos proyectos educativos con instituciones de Alemania, Chile, India, México y Sudáfrica. En la presente edición de la Universidad Internacional de Verano (2017) co-facilitaré junto con Thomas Klein, el Taller de Transmedia Storytelling (Relatos o Narraciones Transmediales). Desde mi pasión por la educación les ayudaré en la realización de los productos y les podré mostrar cómo la tecnología puede ser una herramienta educativa (jamás un fin, por sí misma) para fomentar procesos significativos de aprendizaje orgánico. ¿Preguntas o comentarios? Compártelos en Twitter utilizando los hashtags: #SUI17 y
#TravelTransform, ¡hasta pronto!
Seguir@giofonsecaf

English version | Versión en Inglés | Version auf Englisch

Hello! I am Giovanni Fonseca and since 20 years I am a facilitator of learning processes, which means I help learners to learn in a more meaningful way. I am a curious analytic observer and that’s why I live in a permanent learning process, I love to learn something new!
I have a degree in Electrical and Electronic Engineering, but I have worked always in the field of Education, more precisely in Education for Sustainable Development (ESD). Since 10 years I have worked in public educational institutions as well as private ones, not only in formal educational projects but also in non-formal and informal ones. Also, as Freelance
International Consultant in ESD, I have developed different kind of educational projects together with organisations from Chile, Germany, India Mexico and South Africa. During the International Summer University 2017 I will co-facilitate the Transmedia Storytelling workshop together with Thomas Klein. I will help you to make the products from my passion about education and showing you how useful technology is, as a tool – never as objective by itself – to foster more meaningful organic learning processes. Comment or questions? Share them via Twitter using the hashtags: #SUI17 and #TravelTransform, see you all soon!
Follow@giofonsecaf

Mehr Info | Más Información | More Information:

https://www.linkedin.com/in/giovanni-fonseca-fonseca/en
http://organic-learning.education/
http://esd-expert.net/

Die Workshopleiter der Sommeruniversität 2017 stellen sich vor: Workshop Malen

Featured

Christian Kabuß, Maler und Musiker

Experimenteller Umgang mit Kunst als gegenüber den Wissenschaften eigenständiger Erkenntnisform:

Im Bereich der Malerei selbst geht es mir darum, tätige, mit allen Sinnen, dem ganzen Körper empfundene Wahrnehmung so ursprünglich und tief geschichtet wie möglich in Bildlichkeit umzusetzen. Ausgehend davon kommt es mir in meinen Workshops darauf an, auf Augenhöhe mit den Teilnehmern aktuelle Themen, philosophische Fragestellungen und Ansätze nicht bildlicher Künste in Malerei und Zeichnung weiterzuentwickeln: Nachhaltigkeit und Naturästhetik, Körpererfahrung und Gestik, das Verhältnis von Bildlichkeit und Klang.


Bisherige Tätigkeiten:
Als Maler und Musiker erforsche ich Um- und innere Welten, zeige meine Arbeiten im Aus- und Inland, spiele ein feines, experimentelles Jazz-Klavier. Meine Workshoptätigkeit kommt von der Musik, ihrem Verhältnis zur Bildlichkeit her – erste Erfahrungen in der Arbeit mit jungen Kommilitonen an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, dann musikalisch illustratorischer Deutschunterricht für die neuen Mitbürger aus aller Welt und die Workshopreihe Bild-Klang mit Jugendlichen am Projekthof Karnitz.

E-Mail: kontakt@christiankabuss.de
Homepage: www.christiankabuss.de

Die Workshopleiter der Sommeruniversität 2017 stellen sich vor: Workshop Radio/Podcast

Featured

Sebastian Schöbel-Matthey

Gebürtiger Oranienburger, studierter Berliner, seit 2012 Journalist beim Rundfunk Berlin-Brandenburg und seit Februar 2016 Korrespondent im ARD-Hörfunkstudio Brüssel.
Angefangen habe ich als Autor und Infografiker in der Onlineredaktion des rbb und als Reporter beim Inforadio. Die Kombination von alten und neuen Ausspielwegen gehörte für mich von Anfang an zum  Job dazu, auch wegen meiner multimedialen Ausbildung an der electronic media school in Potsdam-Babelsberg. Jetzt faszinieren mich v.a. die neuen Möglichkeiten für das Radio: Podcasts, besser noch „Audio on demand“ allgemein, bieten völlig neue Möglichkeiten für Radiojournalisten. Für mich als „Öffi-Funker“ dabei natürlich absolutes Vorbild: National Public Radio in den USA.

Twitter: @SebaSchoebel
Email: sebastian.schoebel@hr.de

Die Workshopleiter der Sommeruniversität 2017 stellen sich vor: Workshop Animation

Featured

Human Sharghi Namin

Geboren 1980 in Teheran zu Zeiten der Revolution und des ersten Golfkriegs zog Human Sharghi Namin mit seiner Familie zuerst an die US-amerikanische Ost- und dann Westküste. 1987 ging es dann von San Francisco nach Nordrhein-Westfalen.
Hier studierte er 2001 an der Heinrich Heine Universität in Düsseldorf Amerikanistik und Beat-Literatur bei Klaus Uellenberg sowie Klangmontage an der Robert Schumann Hochschule Düsseldorf bei Prof. Dr. Elena Ungeheuer. Als Vorgruppe von u. a. Beatsteaks, Datsuns, Hellacopters und Mia verbrachte er Anfang bis Mitte der 2000er mit Rockauftritten in Emo- und Posthardcore Bands und spielte Bass und Gitarre. 2005 studierte er Design und Kunst an der Fachhochschule Düsseldorf und Dortmund bei Prof. Ovis Wende, H. D. Schrader, Prov. Dr. Ralf Bohn und Prof. Dr. Marcus S. Kleiner. 2013 folgte ein Studium der Animation zum audiovisuellen Autorenfilmer bei Prof. Frank Geßner und Prof. Gil Alkabetz an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf.

Featured

Deutschland – ein Entwicklungsland – Die SDGs als Zwischenziele zu einer gerechten und nachhaltigen Weltgemeinschaft!

Bei der Umsetzung der Globalen Nachhaltigkeitsziele braucht es nicht nur in Deutschland eine Priorisierung, in der wir verschiedene Ebenen unterscheiden müssen, sondern eine globale. Natürlich ist es wichtig Hunger zu reduzieren, aber was ist hierbei die gemeinsame Basis? Welche Ziele sollten zunächst erfüllt sein, damit andere wirklich ganzheitlich angegangen werden können? Welche sind eher vordergründig als “Prestige-Ziele” zu sehen, nachhaltig und effektiv nur durch ein ganz anderes System zu bewerkstelligen? Dafür müssen zunächst ein paar grundlegende Fragen beantwortet werden.

Was ist die geistige Basis einer gerechten und nachhaltigen Weltgemeinschaft?

Damit Menschen gemeinschaftlich und kohärent handeln, braucht es gute Bildung und Aufklärung, die sich für ein Weltbürgertum einsetzt. Es braucht Menschen, die sich als globale Bürger begreifen und Verantwortung für sich, die Gesellschaft und unsere Umwelt übernehmen – ob im ländlichen oder im städtischen Gebiet.

Das SDG4 ist hierbei als „Bildungsziel“ zu nennen, wird jedoch nicht explizit genug. Es bleiben die Fragen offen: Worum geht es eigentlich im Bereich von Bildung? Welche Parameter sind wichtig?

Sowohl Kinder als auch Erwachsene müssen in einer nachhaltig ausgerichteten Bildung Grundlagen wie die Bedeutung von Menschenrechten kennenlernen. Sie brauchen persönliche Erfahrung und einen hohen Reflexionsgrad im Bereich menschlichen Miteinanders und sollten eine Antwort in Bezug auf die Frage nach Verantwortung für sich, für die Gesellschaft und die Welt entwickeln. Da dies eine generationenübergreifende Angelegenheit ist, muss auch Erwachsenenbildung viel mehr gefördert und in den Fokus gerückt werden. In Deutschland sieht sich über 50% der erwachsenen Bevölkerung als “ausgelernt” an. Es braucht also nicht nur an Schulen zielgerichtete und ansprechende globale Bildungsformate, sondern auch in Altersheimen, Werk- und Arbeitsstätten…etc.. Diese Formate sollten auch einen direkten Bezug zum alltäglichen Arbeitsleben und seiner globalen Wirkung herstellen. Wie sind die heutigen Dynamiken der Welt zu verstehen? Was bewirke ich jeden Tag mit meiner Arbeitskraft, meinem Konsum und Lebensstil? Was kann ich direkt tun, um mehr Verantwortung für die globale Lage zu übernehmen? Auch in Altersheimen gibt es viel geistiges Potential, welches ausgeschöpft werden kann – gerade bei Menschen die noch etwas in der Welt bewirken wollen und denen Enkeltauglichkeit durchaus wichtig ist. Integrative Mehrgenerationswohnformen können viel bewirken, da der Lerneffekt nicht einseitig ist. Es kann sich eine Gemeinschaft bilden, so sowohl Sozial- , als auch Umweltkompetenz befördert.

Im ländlichen Raum Deutschlands braucht es hierbei im Bereich globaler Bildung tendenziell noch mehr größere Perspektiven, um vorhandene geistige Grenzen abzubauen. Während im städtischen Raum zwangsläufig mehr Offenheit durch die Konfrontation der verschiedenen Lebenswelten entsteht, gibt es auf dem Land wenig wissenschaftlich-betreuten, bildenden Umgang mit brennenden Themen wie Flüchtlingsproblematik, Umweltzerstörung, Klimawandel oder Energie- und Ernährungswende.

Ohne Bildung in Bezug auf unsere globale Lage und unsere damit einhergehende Verantwortung werden wir jedoch nicht zu einer nachhaltig handelnden Menschheit werden. Dabei muss Bildung die Balance finden, einerseits die globale Dringlichkeit zu vermitteln andererseits aber auch den lokalen Nutzen und Möglichkeiten herauszustellen. Sonst entsteht das Gefühl der Überforderung und am Ende tut sich nichts (aktuell wissen eigentlich alle, dass es schlimm ist, und dennoch tut sich zu wenig).

Was ist die physische Basis einer gerechten und nachhaltigen Weltgemeinschaft?

Landwirtschaft ist zentral für unser Leben. Aus ihrer Frucht, den Nahrungsmitteln, können wir Menschen unser Grundbedürfnis nach Nahrung stillen. Was jedoch braucht es, um diese langfristig und effizient betreiben zu können? – Es braucht zunächst die Einhaltung unserer Planetarischen Grenzen und damit einhergehend eine Stabilität unserer Ökosysteme. Wenn diese Basis für Alle wegbricht, Können auch andere SDG nicht mehr verfolgt werden, wie etwa Hunger- und Armutsbekämpfung. Wir müssen schlicht die Organe der Erde am Leben erhalten, denn auf einem toten Körper können wir nicht existieren. Das zweite SDG ist also ein wichtiges Ziel einer globalen Weltgemeinschaft, braucht aber als Grundlage den Schutz unserer Ökosysteme, das SDG15.

Neben vereinzelten städtischen Initiativen wird Naturschutz, Landwirtschaft und Artenvielfalt hauptsächlich im ländlichen Raum relevant. Um eine ganzheitliche Vorgehensweise garantieren zu können, braucht es auch in diesem Bereich zunächst eine gute Kenntnis und Förderung der Grundlagenforschung. Er ist zudem selbstverständlich stark verbunden mit der Bekämpfung des Klimawandels und der Sicherung von Artenvielfalt.

Als konkretes Beispiel spielt dabei die nachhaltige Landwirtschaft eine tragende Rolle. Unter anderem sollten alle relevanten Ökosysteme, die Bodenqualität sowie das Klima durch sie geschützt werden. Demnach ist die Nutzung von Düngemittel, Herbiziden und Pestiziden sowie die Abhängigkeit fossiler Energieträger und klimaschädlicher Produktionsweisen (bspw. Massentierhaltung) zu hinterfragen und Alternativen zu finden. Dafür sind Rahmenbedingungen zu geben: regulierende Gesetze, Anreizsysteme (CO2- und Stickstoff-Steuer für Nahrungsmittel) und Maßnahmen wie beispielsweise Pufferstreifen, um landwirtschaftliche Flächen zum Schutz der Ökosysteme, sind nötig. Ferner muss der Etablierung von Monokulturen und der Nutzung wertvoller landwirtschaftlicher Flächen zur Energieerzeugung bzw. der reinen Futtererzeugung für Nutztiere entgegengewirkt werden. Dazu muss sich die europäische und auch die deutsche Förderlandschaft ändern. Noch immer werden Großbetriebe gefördert und kleinere Betriebe können sich nicht halten. Die Änderung der Förderlandschaft hätte einen starke Auswirkung auf den ländlichen Raum, dieser könnte mehr Aufschwung erleben, durch eine regionalere Produktionsweise.

Diese Handlungsstränge starten im ländlichen Raum, münden jedoch schließlich auch in internationale Zusammenarbeit. Der globale Gedanke bedeutet im landwirtschaftlichen Bereich, dass die eigene Produktion nicht mehr für den Export subventioniert werden darf, da dies anderen Ländern erschwert, der eigenen Produktion nachzugehen. Nur wenn alle Länder die gleichen Möglichkeiten haben, eine nachhaltige Landwirtschaft zu fördern, kann Umwelt- und Klimaschutz gelingen und eine tatsächliche Transformation hin zu einer nachhaltigen Gesellschaft ermöglicht werden.

Wie kann all dies so effizient wie möglich umgesetzt werden?

Um eine kohärente und globale Nachhaltigkeitsentwicklung zu realisieren und dabei so effizient wie möglich vorgehen zu können, braucht es die Stärkung globaler – , aber auch die Förderung von sogenannten „Multi-Akteur“ -Partnerschaften. Das letzte SDG tritt auf die Bühne.

Zunächst scheint das SDG17 wenig bis keine Relevanz in Bezug auf Anforderungen, die sich für deutsche Rahmenbedingungen, Strukturen, Produktionsweisen und Lebensstile im ländlichen Raum ergeben, zu haben. Bei genauerer Betrachtung entpuppt sich dieses letzte SDG jedoch als eines der wichtigsten Ziele, um sinnvoll zum Handeln zu kommen.

„Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“ – mit diesem Ausspruch beschrieb schon Aristoteles den Grundsatz der Synergie. Es geht hierbei also längst nicht nur um die noble Geste partnerschaftlichen und gemeinsamen Vorgehens, nein, es geht schlicht um Effizienz und – wie es in den SDG’s überall vorkommt – um kohärentes globales Handeln. Nun betrifft dieser Grundsatz Globaler Partnerschaften nicht nur die Ebene internationaler Politik wie z.B. die Mobilisierung finanzieller Mittel, Kapazitätsaufbau im Bereich der sogenannten Entwicklungsländer oder die Förderung gerechter und nachhaltiger Handelsbedingungen. Auch der Bereich sogenannter systemischer Fragen wird im Zuge des SDG17 genannt. Im Unterpunkt 17.17 heißt es wörtlich: “Die Bildung wirksamer öffentlicher, öffentlich-privater und zivilgesellschaftlicher Partnerschaften aufbauend auf den Partnerschaften und Mittelbeschaffungsstrategien bestehender Partnerschaften unterstützen und fördern.”

Wie kann dies nun gelingen?

Insbesondere an der Schnittstelle zwischen den sogenannten „Grassroot-Bewegungen“ und Politik können in hohem Maße innovative und entscheidende Strategien hin zu einer stabilen und nachhaltigen Entwicklung generiert werden. Es muss dabei von allen politischen und administrativen Seiten ein partizipativer und hochtransparenter Dialog gesucht werden, um auch in zivilgesellschaftliche Kreise vorzudringen. Man sollte dabei „auf Augenhöhe“ kommunizieren, um gemeinsam die nächsten Schritte zu besprechen, kreative Ideen zu fördern und neue spannende Formate zu entwickeln. Es sollten Multiplikatoren gefunden und gefördert werden, welche verschiedene soziale Schichten und Bewegungen ansprechen, ländliche Regionen mit städtischen Perspektiven in Kontakt kommen und vice versa, regionale mit nationalen und internationalen Ebenen in Austausch gelangen…etc.. All dies kann jedoch nur gelingen, wenn klar umrissene und allgemein verständliche Strukturen entwickelt werden und wahrhaft nach Zusammenarbeit im Sinne eines kleinsten gemeinsamen Nenners gesucht wird. Hierfür muss – man kann es nicht anders sagen – insbesondere von der Politik wirkliche Beziehungsarbeit geleistet werden. Wie können wir eine konstruktive und authentische Gesprächskultur in unserem System etablieren? Welche Formate eignen sich am besten hierzu? Wie kann gegenseitiger Respekt und produktiver Austausch gefördert werden?

Nur so kann das volle Potential einer offen ausgerichteten gemeinsam handelnden Gesellschaft ausgeschöpft und Multi-Akteur-Partnerschaften entstehen.

Das Wort “Mittelbeschaffungsstrategie” kreist zudem längst nicht nur um die Beschaffung von Sachmittel wie Geld, Technologie und Baumaterial handelt. Insgesamt läge hierbei der Fokus viel zu sehr auf Geld. Geld spielt zwar eine grundlegende Rolle in unserer Welt und dem System des Kapitalismus, aber Motivation und Begeisterung können so nicht vermittelt werden. Es gibt – auch in Deutschland – unglaublich viele Menschen, welche von Leidenschaften angetrieben sind, sie aber nicht sinnvoll umsetzen können. In jedem Wissenschaftler, jedem überzeugten Sozialarbeiter – überall da wo es nicht primär darum geht, Geld oder Prestige zu gewinnen, gibt es eine eigene Faszination etwas in der Welt und Gesellschaft zu bewegen. Diese zu fördern kann ungeahnte Energie freisetzen! Sie schlummert überall.

Für eine grundsätzliche Veränderung ist anstatt Geld viel eher eine Grundversorgung, eine Grundsicherheit, wichtig. Eine bestimmte Lebensqualität soll für alle Menschen bereitgestellt sein. Hierfür gibt es viel mehr Möglichkeiten der Absicherung als das momentan als alternativlos hingestellte Lohn-Arbeitssystem. Das Modell des Bedingungslosen Grundeinkommens ist nur eine von vielen Möglichkeiten. Oder einfach eine Grundvergütung für ehrenamtliche, nachhaltige Arbeit. Es braucht neue Instanzen, konsequente, zielgerichtete Umsetzung, um Menschen zu empowern.  Die Angst der Politik vor systemischen Veränderungen hemmt Pilotprojekte – mehr Mut, vielleicht auch zu versagen – wäre gut. Letztlich zeigen private Initiativen zum Grundeinkommen, welche sich über Crowdfunding finanzieren, dass die Menschen ein starkes Gemeinschaftsgefühl besitzen und die Welt ein Stück besser machen wollen. Die Energien, Kräfte und Wünsche wohnen jedem einzelnen von uns inne: Für eine geeinte Menschheit, die Verantwortung für Sich, die Gesellschaft und unseren Planeten übernimmt!

Featured

“Neben uns die Sintflut”: Wie können nachhaltige Konsum- und Produktionsmuster in Deutschland und Europa gefördert werden? (SDG 12)

Die Anforderungen an die deutsche und europäische Politik zur Förderung nachhaltiger Konsum- und Produktionsmuster sind gewaltig. Denn in globalisierten „Externalisierungsgesellschaften“ (Lessenich, 2016) ist so gut wie jedes Produkt Teil einer komplexen Wertschöpfungskette, die auf der Logik des Outsourcings und damit der Ausbeutung von Mensch und Natur zum Sonderpreis beruht. Solang nicht nachhaltige Produkte und Produktionsprozesse deutlich günstiger verfügbar sind als nachhaltige, greift ein politischer Glaube an ethischen Individualkonsum zu kurz. Deutlich effektiver wäre eine umfassende Umstrukturierung finanzieller und steuerlicher Anreizsysteme zur Förderung einer gemeinwohlorientierten Produktion und Konsumption.

Internalisierung von sozial-ökologischen Kosten als Schlüssel

Warum konsumieren die meisten Menschen in Europa nicht nachhaltig? Platt gesagt: Weil es uns auch nicht gerade leicht gemacht wird. Ausgiebige Nährstofflisten und „Made in China“-Labels vermitteln uns den Anschein, zu wissen, woher unsere Produkte stammen und unter welchen Bedingungen sie produziert wurden. Dennoch bleibt ein Großteil der sozial-ökologischen Kosten für Konsument*innen im Verborgenen bzw. kann leicht ignoriert werden, insbesondere, wenn sie weder im eigenen Land verursacht werden noch sich im Endpreis niederschlagen. Ganz im Gegenteil – der in Massenproduktion, aus EU- und Nicht-EU-Ländern hergestellte Honig ist sogar  dreimal so billig wie der Stadtbienenhonig vom Marktstand um die Ecke.

Unter diesen Umständen die Entscheidung für nachhaltigen, teureren Konsum dem/r einzelnen Konsument*in zu überlassen, halte ich angesichts der Dringlichkeit der globalen Umwelt- und Klimakrise und wachsenden sozialen Ungleichheiten für grob fahrlässig. Erst, wenn ein sozial-ökologisch verträgliches Produkt genauso viel oder weniger kostet als das unverträgliche, ist nachhaltiger Konsum auf breiter gesellschaftlicher Ebene möglich. In der Praxis bedeutet das: Unternehmen sollen für die sozial-ökologischen Kosten, die sie im Wertschöpfungsprozess verursachen, finanziell aufkommen, während sie für den sozial-ökologischen Nutzen, den sie bringen, finanziell belohnt werden. In der Gesamtrechnung würde dies dazu führen, dass nachhaltige Produkte günstiger werden als nicht nachhaltige Produkte.

Wirtschaftspolitik gemeinwohlorientiert ausrichten

Ähnliches Foto
Die Gemeinwohlmatrix berechnet gesellschaftliche Kosten und Nutzen eines Unternehmens anhand fünf ethischer Dimensionen. Quelle: Gemeinwohlökonomie

 

Gleichzeitig sollten Subventionen, steuerliche und rechtliche Vorteile (z.B. bei der Kredit- und Auftragsvergabe, öffentlichen Beschaffung) für Großkonzerne in allen Branchen abgebaut werden, denn sie sind es, die den Großteil der sozial-ökologischen Kosten verursachen. Dies auch noch politisch zu fördern, ist absurd. Mit den daraus freiwerdenden Ressourcen sollte auf die gleiche Weise regionale, kleinteilige Produktion gefördert werden. Dies würde die Entstehung regionaler Wirtschaftskreisläufe mit weniger Transportwegen und direkteren, solidarischeren Handelsbeziehungen befördern und wäre somit ein langfristiger, struktureller Beitrag zu nachhaltigeren Produktions- und Konsummustern. Die Gemeinwohlökonomie-Bewegung (GWÖ) bietet z.B. mit der eigens entwickelten “Gemeinwohlbilanz” einen spannenden Ansatz zur Berechnung der sozial-ökologischen Kosten und Beiträge eines Unternehmens an die Gesellschaft.[1]

Kreislaufwirtschaft als Produktionsmaßstab der Zukunft

Bildergebnis für programa reciclagem de embalagens o boticario
Die Prinzipien einer Kreislaufwirtschaft vom Produktdesign bis zum Recycling. Quelle: Ellen MacArthur Foundation

 

Zudem sollten Unternehmen im Sinne einer Kreislaufwirtschaft[2] und Verlängerung der individuellen Nutzungsdauer in einem bestimmten Zeitrahmen dazu verpflichtet werden, ihre Produkte so zu designen, dass sie möglichst lange halten und (von Nutzern oder vom Unternehmen) repariert werden können. Auch sollte jedes Einzelteil nach der Nutzung wieder in den Stoffkreislauf eingebracht und wiederverwertet werden können. Flankierend könnten Forschungs- und Entwicklungsprogramme im Bereich Kreislaufwirtschaft gefördert und Anreize für Konsument*innen geschaffen werden, ihre Produkte reparieren zu lassen statt neu zu kaufen. Auch das Thema Lebensmittelverschwendung sollte durch entsprechende Gesetze und Anreizsysteme auf der Produzenten- und Konsumentenebene adressiert werden (z.B. durch eine Verpflichtung zur Verarbeitung von nicht normgetreuem Obst und Gemüse; zum Verkauf fast abgelaufener Produkte zum niedrigeren Preis; zur Lockerung des MHDs).

Menschenrechte gelten weltweit – auch für Unternehmen

Ähnliches Foto
Multinationale Konzerne lassen ihre Produkte gern dort herstellen, wo die Arbeitsbedingungen schlecht und Löhne niedrig sind, wie hier in Bangladesch. Quelle: Ver.di / ©Mustafa Quraishi

 

Ein weiterer wichtiger Schritt zur Förderung nachhaltiger Produktions- und Konsummuster wäre die verbindliche Verankerung der UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte[3] in nationalem Recht, inkl. wirkungsvoller Sanktionsmechanismen. Die UN-Leitprinzipien verpflichten Unternehmen und Staaten, menschenrechtliche Risikofaktoren in ihrer Lieferkette zu identifizieren; Maßnahmen zu ergreifen, um diese Risikofaktoren abzustellen und konkret Abhilfe zu leisten, wenn es zu Menschenrechtsverletzungen kommt (z.B. in Form von Entschädigungszahlungen). Der Nationale Aktionsplan der Bundesregierung (2016) [4] hat dazu eine erste rechtliche Grundlage geschaffen, die allerdings weit hinter den Erwartungen zurück blieb und Unternehmen und Staaten noch viel zu viele Spielräume und Schlupflöcher lässt.[5]

 

Quellen:

[1] Die Gemeinwohlökonomie (GWÖ). https://www.ecogood.org/de/gemeinwohl-bilanz/

[2] Ellen Mac Arthur Foundation (n.d.). Circular Economy. https://www.ellenmacarthurfoundation.org/circular-economy

[3] UN Global Compact (2014). Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte. https://www.globalcompact.de/wAssets/docs/Menschenrechte/Publikationen/leitprinzipien_fuer_wirtschaft_und_menschenrechte.pdf

[4] Auswärtiges Amt (2016). Nationaler Aktionsplan Wirtschaft und Menschenrechte. http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Aussenpolitik/Aussenwirtschaft/Wirtschaft-und-Menschenrechte/Aktuelles/161221_NAP_Kabinett_node.html

[5] CorA-Netzwerk (2017). Kein Mut zu mehr Verbindlichkeit. http://www.cora-netz.de/cora/wp-content/uploads/2017/03/2017-02-06_CorA-ForumMR-VENRO_NAP-Kommentar_%C3%BCberarb.pdf

Weiterführende Literatur:

Brand, U., & Wissen, M. (2017). Imperiale Lebensweise. München: oekom Verlag.

Felber, C. (2012). Gemeinwohlökonomie. Wien: Deuticke Verlag.

Giegold, S. & Embshoff, D. (2008). Solidarische Ökonomie im globalisierten Kapitalismus. Hamburg: VSA Verlag.

Lessenich, S. (2016). Neben uns die Sintflut. Die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis. Berlin: Hanser Verlag.

Phosphor, Vielfalt oder Hunger? Wie wir den Boden in unserem Land nutzen (wollen)

Featured

Landnutzung und nachhaltige Entwicklung in ländlich geprägten Regionen

 

Ohne den Schutz der Böden wird es nicht möglich sein, eine wachsende Weltbevölkerung zu ernähren, die Erderwärmung unter 2 Grad Celsius zu halten und den Verlust der Biodiversität zu stoppen.(Bodenatlas, 2015, S. 8)

 

Ein Kernziel der neuen Entwicklungsziele der UN ist die weltweite Umsetzung einer nachhaltigen Entwicklung innerhalb planetarer Grenzen (1). Im Gegensatz zu den alten Millennium-Entwicklungszielen gelten die neuen Ziele nicht nur für sog. Entwicklungsländer, sondern für alle Regionen dieser Erde. Auf allen Ebenen und auch für die Entwicklung im ländlichen Raum definieren die globalen Nachhaltigen Entwicklungsziele (SDGs) konkrete Vorgaben für ein gutes und zukunftsfähiges Leben.

 

 

 

 

 

“walk to Caxton 4 / Monoculture 3” by Andy / Andrew Fogg is licensed under CC BY 2.0

 

Jede Region in Deutschland ist also verantwortlich dafür, die Umsetzung der globalen Nachhaltigkeitsziele zu erreichen. Nicht, indem ganz nebensächlich abgeglichen wird, ob dieser oder jener Zielindikator erreicht wird, sondern indem Verbesserungsvorschläge entwickelt werden, die mehrere Ziele gleichzeitig berücksichtigen. Ein Häkchen am Ziel Ernährungssicherheit bedeutet eben nicht, dass dafür Ziele wie Umwelt- und Naturschutz oder nachhaltige Produktionsbedingungen vernachlässigt werden können.

Wenn z.B. die Umstellung auf nachhaltige Landwirtschaft auf Kosten der Ernährungssicherheit geht, oder die Intensivierung der Flächennutzung zur Ertragserhöhung auf Kosten der biologischen Vielfalt geht, ist die Entwicklung schlichtweg nicht nachhaltig, egal wie erfolgreich einzelne Ziele auf Nachhaltigkeit ausgerichtet werden.

Gerade in ländlichen Räumen Deutschlands können eine Vielzahl von SDGs erfolgreich umgesetzt werden. So geht es im ländlichen Raum insbesondere darum, eine nachhaltigere Bewirtschaftung von Wald- als auch von Ackerflächen zu erreichen.

Hierbei spielt zum einen die Nachhaltigkeit landwirtschaftlicher Produktionssysteme eine wichtige Rolle. Die Art und Weise der agrarindustriellen Produktion nimmt einerseits maßgeblichen Einfluss auf die Ernährungssicherheit und Versorgung mit Lebensmitteln (Ziel 2), andererseits beeinflusst  sie den Zustand der Böden und die ökologische Vielfalt (Ziel 15). So ist es vor allem die Landwirtschaft, die im Modell der planetarischen Grenzen (siehe 2, 3, 4) Einflüsse jenseits der ökologischen Belastbarkeitsgrenzen für unseren Planeten verursacht, zum Beispiel durch eine erhöhte Stickstoff- und Phosphorbelastung, aber auch durch eine fortschreitende Umwandlung von Landfläche in Ackerland (siehe Abbildung 1). Mit der Landnahme und Übernutzung intensiv bewirtschafteten Ackerlands einher geht der Verlust biologischer Vielfalt und die Gefährdung ökologischer Systeme. Einen Brückenschlag zwischen beiden Zielvorgaben vermag Ziel 12 zu schlagen, in dem vorgeschlagen wird, den negativen Einfluss menschlichen Wirtschaftens auf die natürliche Umwelt durch die Etablierung nachhaltiger Konsum- und Produktionsmuster zu reduzieren. So ist z.B. für die Entwicklung in Deutschland vorgesehen, bis 2030 eine nachhaltige Bewirtschaftung und effiziente Nutzung der natürlichen Ressourcen zu erreichen, und sogar schon bis 2020 einen umweltverträglichen Umgang mit Chemikalien und allen Abfällen zu sichern und die Freisetzung in Luft, Wasser und Boden erheblich zu verringern (6).

 

Abbildung 1: Die landwirtschaftliche Nutzung trägt in mehreren Bereichen maßgeblich zur Überschreitung planetarer Belastungsgrenzen bei (Vgl. Meier, 2017).

 

Ein Beispiel ist der Umgang mit Phosphor im dt. Agrarsektor: Phosphor als Düngemittel ist notwendig, um die Erträge auf dem Acker zu erhöhen, was wiederum zur Ernährungssicherheit beiträgt. Allerdings wird großflächig mehr Dünger ausgebracht, als die Pflanzen aufnehmen können. Sowohl Phosphat und als auch Nitrat sickern in die Böden und belasten diese übermäßig. Zudem wird gewarnt, dass Phosphor-Gestein eine endliche Ressource ist (1), wobei die Vorräte möglicherweise in den nächsten Jahrzehnten erschöpft sein werden (5). Da Phosphor im Gegensatz zu fossilen Energiequellen als nicht-ersetzbar gilt, wird vor massiven Ertragsverlusten und somit Ernährungsengpässen gewarnt (1, 5).

Erster Hoffnungsschimmer ist eine neue Düngetechnik, die das bereits in Übermengen in den intensiv bewirtschafteten Böden vorhandene Phosphor durch Mikroorganismen zurückgewinnt (7). Pilze und Bakterien dieser Mixtur sorgen dafür, dass im Boden vorhandener Dünger von den Pflanzen wieder aufgenommen werden kann. Weiterer Vorteil ist, dass wieder Leben in die Äcker kommt: auf Versuchsfeldern in Brandenburg habe man nach zwei Jahren sogar wieder Regenwürmer entdeckt (7). Auch die Idee eines “erneuerbaren” lokalen Stoffkreislaufes zur Gewinnung von Phosphor aus Biomasse und Urin ist nicht neu, findet jedoch noch keine hinreichende Anwendung (5).

Zum anderen ist ein Drittel der Fläche Deutschlands Waldgebiet – doch ein großer Teil davon ist von Monokulturen geprägter Wirtschaftswald. Um den Verlust biologischer Vielfalt aufzuhalten (Ziel 15), muss deshalb der Flächenanteil der Wälder mit natürlicher Waldentwicklung drastisch erhöht werden. Zudem leisten Wälder einen wesentlichen Beitrag zum Klimaschutz (Ziel 13), zum Schutz der Böden und zur Erhaltung eines funktionierenden Wasserhaushalts (Ziel 6). Der aktive Schutz der Wälder ist also ein Beitrag zu gleich mehreren SDGs.

“Monoculture” by lindsey elliott is licensed under (CC BY-NC-ND 2.0)

 

Um im ländlichen Raum eine Vielzahl von SDGs erfolgreich umzusetzen, sind zahlreiche Maßnahmen erforderlich. Anbei eine Auswahl dringend notwendiger Schritte:

Anforderungen an die deutschen und europäischen Rahmenbedingungen im Bereich Landwirtschaft:

  • Die Verwendung von Düngemitteln stärker regulieren und vor allem auch reduzieren (6). Umweltfreundlichere Alternativen zu konventionellen Agrochemikalien fördern (durch finanzielle Anreize oder Verbot bzw. Obergrenzen nicht-nachhaltiger Düngemittel).
  • Die Bestimmungen des dt. und europäischen Biosiegels verschärfen und die Einhaltung sicherstellen (statt sie aufzuweichen, wie derzeit für den Bereich der Massentierhaltung diskutiert wird).

Anforderungen an die deutschen und europäischen Rahmenbedingungen im Bereich Waldwirtschaft:

  • Die Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt muss das Ziel umsetzen, dass der Flächenanteil der Wälder mit natürlicher Waldentwicklung drastisch erhöht wird. Mindesten fünf Prozent der Waldfläche sind notwendig.
  • Zudem muss die Flächenversiegelung gestoppt werden.
  • Flächen der Naturschutzgebiete, Nationalparks, Natura 2000-Gebiete sowie die Flächen des Nationalen Naturerbes müssen weiterhin geschützt und stetig ausgeweitet werden.

Anforderungen an die globalen Strukturen:

  • Durch Maßnahmen wie transparente Lieferketten und Bodennutzungsrichtlinien verhindern, dass die Produktionsflächen in Ländern des globalen Südens für die Konsumbedürfnisse der Menschen im globalen Norden erweitert werden (6).
  • Eine Kreislaufwirtschaft für Düngemittel in konventioneller Landwirtschaft einführen um den Bedarf an Düngemittel sowie die negativen Folgen durch intensive Nutzung zu reduzieren (1).

Produktionsweisen:

  • Intensive, groß-industrielle Massentierhaltung verringern.
  • Kleinbäuerliche Betriebe, extensive Weidehaltung und ökologischen Landbau fördern.
  • Der Schutz von Landökosystemen durch andere Produktionsweisen sollte einem holistischen Ökosystemansatz folgen, der auch die Menschen, die die Naturräume nutzen (z.B. Landwirte), sehr viel stärker als bislang einbezieht und ihre Erfahrungen und Bedarfe in den Fokus rückt. Hier spielt die Einbeziehung von lokalem Wissen eine zentrale Rolle.

Lebensstile:

  • Fleischkonsum reduzieren. Bewusstseinswandel über Fleischkonsum fördern.
  • Bioprodukte, regionale und saisonale Produkte konsumieren.
  • Solidarische Landwirtschaft unterstützen.
  • Holz- und Papierverbrauch senken und auf die Nutzung von Recyclingpapier und zertifizierter Holzprodukte (z.B. FSC Siegel) umschwenken.
  • Konsum von Produkten reduzieren, die mit Landnahme in Ländern des globalen Südens verbunden sind, z.B. Palmöl.
  • Ein Umdenken bezüglich des westlichen Konsumverhaltens fördern: Bereitschaft zur Einschränkung von Produktvielfalt im Supermarkt erhöhen und Bewusstsein darüber erlangen, dass für den Konsum (u.a. in Deutschland) ein enormer Verbrauch von Ressourcen anderer Regionen in Kauf genommen wird.

 

Hermine Bähr, Johanna Ickert und Miriam Schauer

 

Referenzen:

(0) Chemnitz, C., & Weigelt, J. (2015). Bodenatlas. Daten und Fakten über Acker, Land und Erde. Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS), Berlin, Potsdam.

(1) WBGU (2015): http://www.wbgu.de/videos/videos-wbgu/video-messner/

(2) Meier, T. (2017): Planetary boundaries of agriculture and nutrition – an Anthropocene approach. In: Proceedings of the Symposium on Communicating and Designing the Future of Food in the Anthropocene. Humboldt University Berlin.

(3) Steffen, W. et al. (2015): Planetary boundaries: Guiding human development on a changing planet. In: Science.

(4) Rockström, J. et al. (2009): A safe operating space for humanity. In: Nature. 461, 2009, S. 472–475.

(5) Cordell, D., Drangert, J. O., & White, S. (2009). The story of phosphorus: global food security and food for thought. Global environmental change, 19(2), 292-305.

(6) Martens, J. und Obenland, W. (2016): Die 2030-Agenda. Globale Zukunftsziele für nachhaltige Entwicklung.  https://www.globalpolicy.org/images/pdfs/GPFEurope/Agenda_2030_online.pdf

(7) Wilhelm, F.: Kommt die Dünge-Revolution aus Georgien?, in: Nordkurier, S. 5, 13. Juli 2017