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Joachim Borner | Bestimmung des Standpunktes

Die Suche nach der richtigen Frage für die „ große Transformation“ ist die Bestimmung des Standpunktes.
Eine Idee, entstanden nach dem Lesen von Tobias Hering, Der Standpunkt der Aufnahme. Point of View, 2014, Archive Books und Arsenal

In Prozessen der „großen Transformation“ – also dem Abschreiten der Roadmap“planung“ und der der iterativen und kontroversen Prüfung des szenarischen Leitbildes (dem Orientierungswissen) gibt es ein Grundthema:

  • Wie heißen die „richtigen“ Fragen um die Zukunftsalternative – die spezifische Form der Klimakultur, die durch die Transformation gestaltet werden soll, szenarisch zu entwerfen?

StandpunktWelche Tiefe und welche Komplexität (und Folge-Folge-Folge…Wirkungen) wollen und werden mit der Frage erreicht werden? Welche Transformationsgeschwindigkeiten, also Umbruch-Zumutungen in Zeitabschnitten an Bevölkerung, Wirtschaften, Governance-strukturen etc. werden damit initiiert? Wie radikal und grundsätzlich sind „Entwertungen“ gewohnter Strukturen, Leitbilder, Institutionen und Spielregeln?

„Richtig“ steht nicht „falsch“ gegenüber sondern „problem- und problemfolgegerecht“ und schließt die Entscheidung ein, welchen Komplexheitsgrad man dem Problem (oder dem neuen Leitbild) zubilligt. Es schließt die überlegte /abgewogene Entscheidung ein, wieviel der Problemfolgen und der von transformativem Handeln ausgelöste Folgen mit ins Visier und welche Folgen nächsten Entscheidergenerationen und –anlässe zugemutet werden.

Dazu Kommunikationen (also Kommunikate, Kampagnen, Agenda-settings, Artikel etc.) zu gestalten, heißt politische Kommunikation oder Kommunikation politisch zu gestalten und hat wahrscheinlich drei Bestandteile:

  • Der erste ist der Inhalt: Was soll es zu hören, zu sehen, zu verstehen geben? Wovon und warum sollte mensch betroffen sein (ob er sich betroffen fühlt und wie, mit welcher Handlungsreaktion auf die Betroffenheit, liegt souverän im individuellen Handlungsmuster)?
  • Der zweite sind die Bedingungen des Verstehens: das, was Bildungsstand heißt und Denkstile, Milieunormen und –werte, Regeln und Sprachcodes von Subsystemen aber auch Aufschreibesysteme mit ihrer Logik sowie Gegenentwürfe (Utopien).
  • Der dritte Bestandteil ist die Form oder Ästhetik, die angebotene Methode der Erkenntnis, die mit dem „Standpunkt“ der Kamera, des Zeichenstifts – aber eher noch des Autoren – eingeläutet wird. Der Standpunkt der Kamera bezeichnet auch die politische „Einstellung“.
    Soweit.

In klimakommunikativen Fragen zumindest ist es nun so, dass es um eine offene Suche und weniger darum geht, einen Standpunkt zu haben, als ihn immer wieder neu zu finden, neu zu kuratieren um daraus zu einer Bewegung zu kommen, ins Offene, ins Freie. Der Großteil der Arbeit besteht eben darin, die epistemischen Klisches der Erklärung zu umgehen oder zu sprengen. Dialektik ist gefragt, was heißt, nichts ist zu sagen oder zu zeigen, was nicht die Möglichkeit des Gegenteils als Widerstand mit aufzeigt. Standpunkt ist Standpunkt – aber eben in gewollter oder akzeptierter Kontroverse. Widerstandsästhetik (wie sie von Peter Weiss und Alfredo Jaar inszeniert wurde) heißt, in Bildgestaltung, Einstellungen, Kamerabewegung jeweils nach dem Gegenteil und dem Widerstand zu suchen. Natürlich nach dem Gegenteil und Widerspruch, der im Inhalt selbst lebt. Nicht im Widerstand an sich.

Wenn wir die Narrationen der Klimakultur suchen ist es ein passendes „Spiel“, in Bildgestaltung, Einstellung und Kamerabewegung (oder in Weltbild, Perspektive, Standpunkt) nach dem Gegenteil und dem Widerstand zu suchen!

Ist damit alles zur Klimakommunikation gesagt?

Mitnichten. Es fehlt die Ebene der Rezipienten. Die Option, eine Kommunikation politisch zu sehen hängt davon ab, dass die Rezipienten die drei Bestandteile wahrnehmen wollen und wahrzunehmen vermögen. Das Politische muss immer gegen eine Politik der Entpolitisierung durch Filmkritiker, Nachhaltigkeitsexperten, Journalisten, Politiker u.a. erobert werden. Das Konzept „direct cinema“, das Transparenz erzeugen will – ist ein Konzept der Entpolitisierung. Dagegen ist das französische Ansinnen des Cinema vérité ein Dialogversuch: der subjektive Standort wird thematisiert in einem Themenfeld, wo es noch nicht viel Klarheit gibt, wo die Klugheit gefragt ist richtige Fragen zu finden und diese Klugheit durch Kontroverse und Deliberation vieler entsteht. Wir bekommen hier eine Überschreitungs-Linie zwischen „Wahrnehmen, Anschauen, Betrachten“ und „ Teilhabe, Teilnahme“ sowie zwischen „Geben“ und „Nehmen“.

Kittlers Aufschreibesysteme zeigen die Wünsche, die mit der Technik verbunden waren – von Schmalfilm, zu Video, zu Handy – immer war es die Hoffnung auf Demokratisierung, auf Repolitisierung.
Im Klimakontext könnte das heißen, Kommunikate zu produzieren, die aus der Perspektive der Polizisten, der Demonstranten, der Akteure gegen die der Protest läuft, der Akteure, die den Konflikt schlichten sollten, der Akteure die das Hintergrundwissen liefern, Objekte, die die Veränderung erleben (Städte, Landschaften etc.) … das Thema bearbeiten.

Juni 2014

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