ENavi und KMGNE |Forschung trifft Alltag: Kooperationen im Reallabor (Modell-) Region Mecklenburg

Das Kopernikus-Projekt „Energiewende-Navigationssystem“ (ENavi) ermöglicht es  Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft gemeinsam in den nächsten zehn Jahren technologische, soziale und wirtschaftliche Lösungen für den Umbau des Energiesystems vor Ort zu entwickeln. Vertretende des KMGNE begleiten dabei zwei  Modellregionen. Beim Treffen am 16./17.10.2017 in Wismar ging es darum, wie die lokalen Administrationen, Engagierten und  Wissenschaftler in den nächsten Jahren zusammenarbeiten wollen, um gemeinsam mit der lokalen Bevölkerung nach Lösungen für ein zukunftsfähiges Energiesystem und ein gutes Leben in den ländlichen Regionen zu suchen.

Direkt am Hafen in den Container-Räumen des  Technologie- und Gewerbezentrums Wismar versammelten sich Stadtvertreter aus den Gemeinden Rhena und Röbel sowie Wissenschaftler aus dem ENavi-Projekt.

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KOMOB mit Blick auf den Hafen in Wismar (c) A.Kraft

Zunächst ging es um die Einbettung der Modellregionen in  die Kopernikus-Forschungsprojekte. Udo Onnen-Weber vom Kompetenzzentrum ländliche Mobilität sagte, Wissenschaft müsse politikfähig sein, um in konkreten Situationen operieren zu können, beispielsweise bei einer konkreten Investitionsentscheidung für erneuerbare Energien beraten zu können. Eine Hauptherausforderung sei allerdings vor allem die Akzeptanz der lokalen Bevölkerung für getroffene Maßnahmen. Das Ziel von ENavi ist daher, gemeinsam mit der lokalen Bevölkerung für sie nützliche Maßnahmen zu suchen, welche u.a. von jedem einzelnen umgesetzt werden können. Die Betrachtungen müssen insofern auch über die Frage der Energieversorgung hinausgehen und mögliche Rückfinanzierung, Nahmobilitätsangebote und andere Faktoren der Daseinsvorsorge einschließen.

Die leitende Verwaltungsbeamtin Lützow-Lübstorf, Iris Brincker, legte aktuelle Klimaschutzaktivitäten wie die Installation einer E-Ladeinfrastruktur und die damit verbundenen Probleme dar.

Yvonne Rowohlt vom Geodatenzentrum Landkreis Nordwestmecklenburg präsentierte das bereits existierende Energieportal Nordwestmecklenburg, welches eine ganze Reihe von Informationen über die Installation erneuerbarer Energien für die Bürger bereitstellt. Kann diese bestehende Struktur im aktuellen Projekt eingebunden werden? Vielleicht über Coaching-Angebote für erneuerbare Energien für Bürger(meister)?

Im Folgenden wurden die Forschungsschwerpunkte vorgestellt. Wie können Stakeholder-Empowerment-Tools im Projekt sinnvoll eingesetzt werden, um in komplexen Entscheidungssituationen Klarheit und Akzeptanz zu fördern? (Reiner Lemoine Institut) Eher technisch war die Frage, wie das Energiesystem über verschiedene Sektoren hinweg auf regionaler Ebene den Bedürfnissen der Menschen und den umweltbedingten Notwendigkeiten angepasst werden kann (BBHC). Wie drückt sich Akzeptanz durch Verhaltensweisen der Bevölkerung aus und wie entwickelt sie sich? (Fraunhofer ISE) Diese Themen wurden am Folgetag in Workshops näher besprochen.

Dr. Joachim Borner vom KMGNE stellte anschließend den zentralen Reallabor-Ansatz vor, der in den Regionen angewendet werden soll. Was ist das Selbstverständnis der Wissenschaftler in den Modellregionen? Wie lässt sich der bisher vernachlässigte ländliche Raum unter Einbeziehung des Wissens der lokalen Bevölkerung nachhaltig stärken? Was ist die Vorstellung der Menschen von ihrer besseren Zukunft? Wie lässt sich diese Zukunft in Bildern, in Erzählungen ausdrücken? Ziel des Vortrags war es, ein gemeinsames Verständnis der Wissenschaft und Praxisakteure über die Vorgehensweise im gemeinsamen Suchprozess zu erreichen. Im Anschluss gab es eine ausführliche Diskussion.

Fazit: Das erste Treffen hat viele neue Fragen aufgeworfen, aber auch Ängste und Sorgen beseitigt. Die Praxisakteure stellten fest, dass diese Reallabor-Arbeitsweise für die Wissenschaftler genauso neu ist wie für sie. So herrschte beim gemeinsamen Abendessen eine lockere Atmosphäre während am Morgen noch alle verhalten der Dinge harrten die da kommen würden. Die Arbeit in den Modellregionen kann losgehen: gemeinsam, auf Augenhöhe, transparent und offen.

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Blick aus den Container-Räumen am Hafen in Wismar (c) A.Kraft

 

Die Workshopleiter der Sommeruniversität 2017 stellen sich vor: Video Clip

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Ole Schwarz

Ole Schwarz lebt in Berlin, hat Freie Kunst in Braunschweig, Berlin und New York studiert. Sein Haupttätigkeitsfeld sind künstlerische und kommerzielle Foto- und Videoproduktionen in unterschiedlichen Bereichen.

www.werkstattberlin.de

 

 

 

 

Fabian Cohn

Fabian Cohn wurde 1977 in Basel (CH) geboren. Er arbeitet als freischaffender Pantomime, Regisseur und Choreograph mit Sitz in Braunschweig. Er realisiert eigene Film- und Bühnenprojekte und ist als Drehbuchautor tätig. Seine Ausbildung zum Pantomimen/Mimen absolvierte er an der ETAGE in Berlin.

www.fabian-cohn.ch / www.yetcompany.net

Die Workshopleiter der Sommeruniversität 2017 stellen sich vor: Transmedia Storytelling

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Giovanni Fonseca, Facilitator von Lernprozessen

Hallo! Ich bin Giovanni Fonseca und helfe Lernenden seit 20 Jahren sinnvoller zu lernen. Ich bin ein neugieriger analytischer Beobachter, deswegen lebe ich in einen permanent Lernprozess. Ich liebe es, etwas Neues zu lernen!
Ich habe Elektroingenieur studiert, aber immer im Bereich Bildung gearbeitet, insbesondere Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE). Seit mehr als 10 Jahren habe ich sowohl in öffentlichen Bildungsinstitutionen, als auch in privaten gearbeitet, nicht nur in formalen Bildungsprojekten, sondern auch in non-formalen und informellen. Außerdem bin ich seit 4 Jahre als Selbständiger Internationaler Berater für BNE habe ich verschiedene Bildungsprojekte mit Institutionen aus Chile, Deutschland, Indien, Mexiko und Südafrika zusammen entwickelt.
In dieser Sommeruniversität (2017) bin ich mit Thomas Klein Co-Leiter des Transmedia
Storytelling Workshops. Aus meiner Leidenschaft für Bildung werde ich Euch bei der
Realisierung der Produkte unterstützen. Auch werde ich euch zeigen, wie die Technologie ein nützliches Werkzeug ist (kein Ziel), um sinnvollen organischen Lernprozesse zu fördern. Fragen, Kommentare? Teilt sie über Twitter, nutzt die Hashtags: #SUI17 und #TravelTransform, bis bald!
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¡Hola! Soy Giovanni Fonseca y desde hace 20 años facilito procesos de aprendizaje, es decir, ayudo a aprendices a vivir procesos de aprendizaje más significativos. Soy un curioso y analítico observador, y esto me lleva a vivir en un aprendizaje continuo, ¡me apasiona aprender cosas nuevas!
Estudié Ingeniería Eléctrica Electrónica, pero siempre he trabajado en el sector educativo, en particular en Educación para el Desarrollo Sustentable/Sostenible (EDS). Por más de una década he trabajado tanto en instituciones educativas públicas como privadas, y no sólo en proyectos educativos formales, sino también no-formales e informales. Además desde hace 4 años, como Consultor Internacional Independiente en EDS, he desarrollado conjuntamente diversos proyectos educativos con instituciones de Alemania, Chile, India, México y Sudáfrica. En la presente edición de la Universidad Internacional de Verano (2017) co-facilitaré junto con Thomas Klein, el Taller de Transmedia Storytelling (Relatos o Narraciones Transmediales). Desde mi pasión por la educación les ayudaré en la realización de los productos y les podré mostrar cómo la tecnología puede ser una herramienta educativa (jamás un fin, por sí misma) para fomentar procesos significativos de aprendizaje orgánico. ¿Preguntas o comentarios? Compártelos en Twitter utilizando los hashtags: #SUI17 y
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Hello! I am Giovanni Fonseca and since 20 years I am a facilitator of learning processes, which means I help learners to learn in a more meaningful way. I am a curious analytic observer and that’s why I live in a permanent learning process, I love to learn something new!
I have a degree in Electrical and Electronic Engineering, but I have worked always in the field of Education, more precisely in Education for Sustainable Development (ESD). Since 10 years I have worked in public educational institutions as well as private ones, not only in formal educational projects but also in non-formal and informal ones. Also, as Freelance
International Consultant in ESD, I have developed different kind of educational projects together with organisations from Chile, Germany, India Mexico and South Africa. During the International Summer University 2017 I will co-facilitate the Transmedia Storytelling workshop together with Thomas Klein. I will help you to make the products from my passion about education and showing you how useful technology is, as a tool – never as objective by itself – to foster more meaningful organic learning processes. Comment or questions? Share them via Twitter using the hashtags: #SUI17 and #TravelTransform, see you all soon!
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Schöne Neue Welt? – Die Erde und die Nachhaltigkeits-Agenda 2030

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von Emily Joy Neumann, Madeleine Porr und Silke Schoenwald
Wo die wilden Kerle spielen
Paolo Calleri: “Wo die wilden Kerle spielen” (27.09.2015)

Sollte etwa das einzige nachhaltige Ergebnis der 17 UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDG) das persönliche Glücksgefühl gewesen sein, mit dem sich am 25. September 2015 die 193 Staats- und RegierungslenkerInnen in die Arme fielen? Zu widersprüchlich scheinen nämlich viele dieser Ziele der aktuellen globalen Wirklichkeit gegenüberzustehen.

Die drei Autorinnen kommentieren im Folgenden beispielhaft drei SDG und zeigen die Anforderungen im deutschen bzw. europäischen Kontext auf, damit es auch zu Glücksgefühlen durch das Erreichen dieser drei Ziele kommt.

 

E_SDG_Icons-12SDG Nr. 12: 
„Nachhaltige Konsum- und Produktionsweisen sicherstellen“


Dieses Nachhaltigkeitsziel behandelt hauptsächlich die Bewirtschaftung und Nutzung von Ressourcen, die Abfallvermeidung und das Einsparen von umweltschädlichen Chemikalien. Außerdem verlangt es ein Nachhaltigkeitsbewusstsein der Bevölkerung.

Widersprüche

Was da so nonchalant auf dem 12. Platz daherkommt, ist tatsächlich eine Absichtserklärung ganz grundlegender Art: Menschen ändern ja nur sehr ungern und schwerfällig ihr – mehrheitlich nicht nachhaltiges – Verhalten, ob nun als UnternehmensführerIn, beim persönlichen Einkauf oder beim Essen. Noch dazu, wenn sich im Laufe der Zeit auch gesamtgesellschaftliche Wertvorstellungen und Prioritäten verschoben haben. 

So ist das Gewinnstreben im kapitalistischen Wirtschaftssystem ein anerkanntes Handlungsziel geworden und hat sich damit in eines der Hauptprobleme verwandelt, die dem SDG 12 Beschränkungen auferlegen; denn für viele Unternehmen lohnt es sich – zumindest finanziell – schlichtweg nicht, nachhaltige(re) Entscheidungen zu treffen, solange nicht die tatsächlichen Kosten ihres Handelns bilanziert werden müssen. 

Doch wird das Wachstums- und Gewinnstreben der Unternehmen ja immer nur durch ein entsprechendes KonsumentInnenverhalten gestützt. Bestes Beispiel: der Fleischkonsum. Eine durch künstlich niedrige Preise und gezielte Werbemaßnahmen forcierte Nachfrage liefert den einschlägigen UnternehmerInnen die besten Argumente für Massentierhaltung und großflächigen Anbau von Tierfutterpflanzen – mit den bekannten Folgen: Tierquälerei, verminderte Anbauflächen für Nahrungspflanzen für Menschen, zunehmender Mangel an Trinkwasser für die Menschen, Anstieg des Kohlendioxids in der Erdatmosphäre und ungebremster Temperaturanstieg dort usw. …

Anforderungen für die Umsetzung

Welche Wege stehen uns für das Erreichen von SDG 12 auf deutscher und europäischer Ebene offen bzw. können sofort zu breiten Straßen ausgebaut werden?

  • umfassende generationenübergreifende Bildungs- u. Aufklärungsarbeit, die so genannte Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE)
  • verantwortungsbewusster Umgang mit allen unseren Ressourcen – auf persönlicher ebenso wie auf institutioneller Ebene, mit dem Staat in der Vorbildfunktion; insbesondere die Produktion und Verwendung von Plastikverpackungen sanktionieren
  • deutlich sicht- und erfahrbare staatliche Förderung aller Initiativen zu BNE sowie Ressourcen-Schonung und -Effizienz, im privaten wie im unternehmerischen Bereich
  • für die betriebs- und die volkswirtschaftlichen Bilanzen zur Pflicht machen, dass die Folgekosten für Umwelt und Gesellschaft mit eingerechnet werden.

E_SDG_Icons-15SDG Nr. 15: 
„Landökosysteme schützen, wiederherstellen und ihre 
nachhaltige Nutzung fördern, Wälder nachhaltig bewirtschaften, 
Wüstenbildung bekämpfen, Bodendegradation beenden und umkehren 
und dem Verlust der biologischen Vielfalt ein Ende setzen“

Widersprüche

Auch das drittletzte (!) Nachhaltigkeitsziel birgt jede Menge Zündstoff, denn es geht um nichts weniger als um die Rückkehr zu einem respektvollen Umgang mit dem Boden, auf und von dem wir leben. Und auch dieses Ziel steht einer diametral entgegengesetzten gängigen Sichtweise gegenüber: nämlich die Erde als Rohstoffreservoir anzusehen, das nach Kräften und technischen Möglichkeiten geplündert werden kann. 

Dieselbe deutsche Bundesregierung, die die Agenda 2030 mit unterschrieben hat, kann im Politikpapier 8 ihres Wissenschaftlichen Beirats Globale Umweltveränderungen unter dem Titel “Zivilisatorischer Fortschritt innerhalb planetarischer Leitplanken” jetzt den Begriff “Erdsystemleistungen” lesen, wenn von der lebens- und nahrungsspendenden “Mutter Erde” die Rede ist.

Wirtschaftliches Gewinn- und Wachstumsstreben führen auch beim SDG 15 dazu, dass z. B. im Tourismus-Sektor (aktuelles Beispiel Rügen) statt auf Entschleunigung und auf dezentrale touristische Angebote in und mit der Natur zu setzen, die Infrastruktur Schritt für Schritt in Form von großen Straßen und Hotelhochhäusern ausgebaut wird. So geht bei der Flächenausweisung und -nutzung der Zweikampf weiter zwischen Bettenburgen-Investoren einerseits und den Schutzgebieten (u.a. Nationalpark, Biosphärenreservat) andererseits.

Betongegossene Straßen und Plätze drängen hier wie anderswo auch landwirtschaftliche Nutzflächen und umliegende Lebensräume wie Wald- und Wiesenflächen zurück oder zerstören diese nachhaltig. Neben der langfristigen Bodendegradation wird so auch der Verlust der biologischen Vielfalt eher befördert statt, wie anvisiert, darauf hinzuarbeiten, den Verlust zu beenden.

Anforderungen für die Umsetzung

  • Auch für die Umsetzung von SDG 15 brauchen Deutschland bzw. Europa nicht bei Null anzufangen: Schon die Umsetzung existierender internationaler Leitlinien, wie z.B. die Einhaltung der “Guten landwirtschaftlichen Praxis” durch heimische Bäuerinnen und Bauern, zusammen mit dem Blick auf die Anbauerfahrungen in anderen Ländern, birgt großes Potenzial für eine Verbesserung der Situation. 
  • Der Natur abgeschaute Konzepte wie Permakultur, Hauptfruchtanbau mit Unterbau oder ein Zurück zum jährlichen Wechsel der Anbaupflanze wie in der „Dreifelder-Wirtschaft“ sind Beispiele aus einer landwirtschaftlichen „Vergangenheit“, die vielleicht in Vergessenheit geraten sind, aber auch heute noch funktionieren. 
  • Aus Asien und Südamerika grüßen Erfolgsrezepte früherer menschlicher Hochkulturen wie die Terra Preta (hoch fruchtbare menschengemachte, aber sich selbst reproduzierende schwarze Erde) und die vielfältige Nutzung so genannter Effektiver Mikroorganismen.

E_SDG_Icons-09SDG Nr. 9: 
„Eine belastbare Infrastruktur aufbauen, 
breitenwirksame und nachhaltige Industrialisierung fördern 
und Innovationen unterstützen“

Dass es hier die unterschiedlichsten Interpretationen geben wird, dürfte nicht verwunderlich sein – angefangen bei der Übersetzung der englischen Begriffe aus den Originaldokumenten. 

Wird es wirklich um den Aufbau einer “resilient infrastructure” gehen? Und um eine nachhaltige und “inclusive industrialization”? Dann wird wohl z. B. …

  • … flächendeckend in Gebäude und Straßenbeläge aus nicht bodenversiegelnden, “atmenden” und nachwachsenden Rohstoffen wie Bambus, Lehm, Stroh, Reiskleie etc. investiert werden;
  • … konsequent in allen gesellschaftlichen Bereichen dafür gesorgt werden, dass jeder Mensch in seiner Individualität akzeptiert wird und die Möglichkeit hat, in vollem Umfang an ihr teilzuhaben oder teilzunehmen;
  • … in großem Maßstab die Arbeit regionaler ProduzentInnen-KonsumentInnen-Netzwerke für die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln erleichtert und unterstützt werden (über zinslose staatliche Darlehen, vereinfachten Zugang zu den notwendigen Ressourcen, geringe Steuersätze u.v.m.);
  • … transministeriell der Aufbau dezentraler lokal-regionaler Mini-Industrien mit ausschließlich erneuerbaren Ressourcen gefördert werden, die in Zusammenarbeit mit Hochschulen und anderen Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen flexibel und in kurzer Zeit nachhaltige Innovationen umsetzen können; u.v.m.

* * *

Ja, die 193 Staats- und RegierungslenkerInnen müssen wirklich überglücklich gewesen sein, als sie diese drei Nachhaltigkeitsziele zusammen mit den anderen 14 verabschiedeteten. Überglücklich vor allem über ihren offensichlich damit verbundenen Entschluss, endlich dem neoliberalen Denk- und Wirtschaftsmodell den Rücken zu kehren, das ja einem nachhaltigen Leben und Wirtschaften so lange im Wege stand und nun obsolet ist. 

Und richtig nachhaltig überglücklich dürfen sie auch deshalb sein, weil sie wissen, dass ihnen überall – im eigenen Land wie weltweit – kompetente Menschen mit überzeugenden und längst erprobten alternativen Konzepten bei der Umsetzung der SDG zur Seite stehen.


DiV Santiago: Donnerstag, 12.01.2017

Und bitte: Urbane Aktion in Chile!

Der Tag beginnt mit einem ungewohnten Format, der Fishbowl-Diskussion. Drei Akteure besetzen die Stühle in der Runde und stellen ihre praktischen Erfahrungen hin zur Transformation vor. Isabel Araos, die mit „Población Yungay“ ein interdisziplinäres Projekt zwischen Universität und Komune initiiert hat, Felipe Marchant,

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Anne Mette

der bei der Stadtverwaltung in La Pintana die Initiative „DIGA“ zur Kompostherstellung mit organischen Abfällen der Anwohner gegründet hat, sowie der Koch Mauricio Krippel, der die SLOWFOOD Bewegung in La Pilgua unterstützt. Ein Stuhl bleibt dabei frei für Fragen aus dem Publikum. Anne Mette, die durch den Tag führt, hat es am Ende nicht leicht, die Teilnehmenden dazu anzuhalten, nur eine Frage zu stellen.

Die rege Diskussion um den Einblick in die Praxisbeispiele wird abgelöst von Joachim Borner, der offen über Paradigmen-Wandel und die Mensch-Natur-Beziehung spricht. Der langsame Anstieg der Temperatur sei dabei nicht das eigentliche Problem des Klimawandels. Viel mehr Phänomene wie Dauerfrost in Europa oder Taifune in Thailand, die sich häufen, seien problematisch. Wenn die Temperaturen ansteigen, existiere die Möglichkeit, dass der Golfstrom aufhöre zu fließen und damit ein ganzes System kollabiere. So ein schlagartiger Kippschalter wird „Tipping Point“ genannt.

Was die Qualität dieses Chaos ausmache, sei die Ungewissheit des „Danach“. Wie sieht die Situation, das Leben danach aus?

Etwa 600 Millionen Flüchtlinge weltweit verlassen ihre Heimat aus Gründen des Klimawandels. Und in den nächsten Jahren werden es mehr. In Lateinamerika sieht Joachim Borner 400 Millionen Menschen voraus, die den Ort ihres Anwohnens ändern werden. In Deutschland erfährt das Land seit 2015 eine permanente Regierungskrise aufgrund der Flüchtlingsströme, die nicht adäquat aufgefangen werden können.

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Die Teilnehmenden diskutieren angeregt über die Praxisbeispiele.

Ein anderer bedeutender Begriff ist der „Overshoot Day“. Dieser bezeichnet eine Saldoberechnung hinsichtlich des Vermögens der globalen Natur, zusätzliche Biomasse zu produzieren. Kalkuliert wird realer Zuwachs, z.B. wie ein Fischschwarm wächst, wieviel mehr Holz in den Wäldern steht. Dem wird entgegengestellt, wieviel der Mensch davon verbraucht. 1987 wurde mit den Berechnungen begonnen. Am 31.12.1987 um 19Uhr war alles verbraucht, was im genannten Jahr produziert wurde. Die Berechnungen wurden seitdem fortgeführt. In 2016 war es der 8. August, in 2015 der 13. August. Innerhalb eines Jahres hat sich die Verbrauchsgeschwindigkeit so beschleunigt, dass schon 5 Tage eher alles verbraucht war. Jedes Jahr greifen wir mehr und mehr in die Kapitalstruktur der Natur ein, dabei haben wir nur eine Erde, verbrauchen aber mindestens zwei. Sind die Spielregeln noch korrekt? Ist das Grundmuster gesellschaftlicher Entwicklung, Wachstum anzustreben, noch wirksam?

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Joachim Borner

Das stellt Joachim Borner in Frage und leitet über zum dritten Konzept, dem der „Schwarzen Schwäne“. Es beschreibt, dass Dinge eintreten, die in ihrer Wahrscheinlichkeit des Eintretens als sehr unwahrscheinlich gesehen werden. Dazu gehört beispielsweise der Atomunfall in Fukushima, wo sich ein Erdbeben und ein Tsunami zu einer etwas gestörten Infrastruktur summierten und den GAU kreierten. Der Wandel, den der Mensch hervorgerufen hat, erhöht das Auftreten solcher Ereignisse. In der Summe wird dies Anthropozän genannt. Das Bild des Menschen als kleiner Teil der Natur ist nicht mehr zeitgemäß. Wir als Menschheit greifen aktiv in das Geschehen ein. Festzumachen ist dies zum Beispiel am weltweiten Anstieg der Radioaktivität durch zahlreiche Atomversuche.

Zwei Schlussfolgerungen:

  1. Wir haben Macht, also können wir noch intensiver als zuvor in die Natur eingreifen und problemorientiert intervenieren. Beispiel: Geoengineering, wie das Düngen von großen Ozeanflächen mit Eisenmolekülen, um Algen Ab- und Aufbau zu provozieren. Das sind Experimente, deren Komplexität wir nicht erfassen können.
  2. Suffizienz: Genügsamkeit nicht im Sinne des Verzichts, sondern der Einsicht, wie viel wirklich zum Leben benötigt wird.

Das sind westliche Konzepte. Indigene Bevölkerungsgruppen wie die Mapuche oder die Aymara haben andere Konzepte, beispielsweise das „Buen Vivir“. Aber hat die Menschheit ein Interesse daran, sich auf eine nachhaltige Entwicklung mit allen ihren diversen Bevölkerungsgruppen zu einigen?

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Welche Konzepte werden die Gruppen erarbeiten?

Letztes Jahr hat die UNO die Nachhaltigkeitsziele beschlossen. 17 Ziele mit unterschiedlichen Perspektiven die benennen, was geschehen muss, um global soziale „Tipping Points“ zu vermeiden. Dazu zählen Armutsbekämpfung oder Bildung. Die Ziele sind aber nicht sanktionsfähig, denn werden diese durch ein Land nicht erfüllt, hat dies keine negativen Auswirkungen auf das einzelne Land. Mit der Resolution die wir jetzt haben, sind alle Länder dazu verpflichtet, diese Punkte auf der Liste zu erfüllen. Damit ist Deutschland ab sofort auch ein Entwicklungsland.

Joachim Borner schließt mit der Beschreibung „Planetarischen Leitplanken“, die für uns berechneten Grenzen, um noch Kultur- und Umweltzustände zu sichern, mit denen wir leben können. Die notwendige Veränderung, die ansteht, sei ein radikaler Wandel. Und verglichen mit dem Strukturwandel in der Energiewirtschaft, weg von Atomenergie hin zu Erneuerbarer, werde der landwirtschaftliche Wandel mit noch viel schwieriger zu erreichenden Veränderungen einhergehen.

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In der Gruppenarbeit um eine Vision für 2050.

Am Nachmittag stellt jede Gruppe ihre Roadmap zur Vision 2050 vor. Danach wird das Wissen um Schlüsselelemente für die Entwicklung eines Theaterstücks von Experten der Filmschule in Santiago de Chile in einer Session an die Gruppe gegeben. Hinsichtlich der am Freitag zu präsentierenden Visionen sind die gewonnenen Erkenntnisse hilfreich bei der Entwicklung einer anschaulichen Vorführung.

DiV Santiago: Mittwoch, 11.01.2017

Heute ging es zunächst in Form eines Panels um Umweltkonflikte, wobei schon in der anschließenden Diskussion eine Überleitung zum Thema Bildung und Bildung für nachhaltige Entwicklung stattfand. Am Nachmittag präsentierten die Arbeitsgruppen der Teilnehmenden auf verschiedenste Art und Weise Zukunftsvisionen für 2050, für die von ihnen gewählten Orte.

mittwoch-11-01-2017-46Der Tag begann im Auditorio Paulo Freire mit einer Paneldiskussion von Raúl González, Marilú Trautmann und Daniela Escalona (NIDAS / UAHC) zum Thema Umweltkonflikte. Letztere sprach vor allem auch in vielen anderen Bereichen auftretende Kommunikationsprobleme an. Umweltkonflikte ließen oftmals ganz verschiedene Akteursgruppen, wie indigene Bevölkerungsgruppen, Wirtschaftsunternehmen, lokale Politiker, sowie auch Vertretende international agierender Nichtregierungsorganisationen aufeinandertreffen. Alle diese Gruppen hätten unterschiedliche Ziele, verschiedene Denk- und Ausdrucksweisen, was die Verständigung erschwere.

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Gruppenarbeit in den Pausen

Marilú Trautmann machte in ihrem Beitrag vor allem deutlich, dass die technische Weiterentwicklung nicht die fundamentalen Umweltprobleme lösen werde. Nicht die Technik sei das Problem, sondern wie sie genutzt würde, worin sie indirekt auf den Rebound-Effekt einging. Joachim Borner griff diesen Gedanken am Nachmittag bei der Zusammenfassung der Gruppenpräsentationen noch einmal auf. Alle Gruppen hätten in ihren Präsentationen der Visionen für 2050 vor allem Lebensstile und Werte der Menschen gezeigt. Zu diesen Werten und Lebensvorstellungen seien die notwendigen technischen Mittel und politischen Rahmenbedingungen zu suchen, und nicht das sich die Menschen der Technik und Politik anzupassen hätten. Marilú Trautmann hob weiterhin Aspekte von Verdrängung und Zerstörung durch Infrastruktur- und Ressourcenförderungs-Maßnahmen in entlegenen Regionen hervor, für die es dort – im Gegensatz zu städtischen Gebieten – keine Ausgleichsmaßnahmen gäbe. Sie griff damit die Geschichte Juan Pablo Orregos vom Vortag auf, bei dem der mögliche oder stattfindende Verlust von Heimat und Lebensraum besonders Vertretende indigener Gruppen zu Gewalt, bis hin zu Selbstmord treibt.

Ein Gedanke von Raúl González beschrieb, dass Umweltkonflikte, wie auch andere kleinere Konflikte, alle Ausdrucksweisen vom fundamentalen Konflikt zwischen den Gesellschaftsklassen seinen, die durch den Kapitalismus geschaffen bzw. zementiert würden.

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Es gibt auch positive Seiten von Umweltkonflikten

Umweltkonflikte könnten aber auch positive Auswirkungen haben, so bildeten sie laut Daniela Escalona Ausgangspunkte für Beteiligung und Demokratie, wobei das Grundrecht auf transparente Informationen fundamental sei. Laut Raúl González könnten sie den freien Markt auch zur Entwicklung nachhaltigerer, umweltfreundlicherer Produkte beeinflussen. Weiterhin könnten Umweltkatastrophen auch einen positiven Einfluss zur Umgestaltung formaler Bildungssysteme haben, welche derzeit laut einem Teilnehmenden die Klassenzugehörigkeit ebenfalls zementierten. Ein anderer Teilnehmender brachte als Beispiel zur Überwindung der Mensch-Natur-Abgrenzung das bei den Quechua praktizierte binäre Bildungssystem aus formaler Schulbildung und indigener Traditionsweitergabe an.

Interessant war in der folgenden Diskussion die Unterscheidung zwischen Umweltproblemen, wie z.B. der Luftverschmutzung, und Umweltkonflikten, wenn z.B. die Luftverschmutzung Akteure mobilisiere, sich dagegen einzusetzen. Umweltprobleme verfügten über eine zeitliche, räumliche, politische und soziale Dimension, welche beeinflussten, ob sie zu Umweltkonflikten würden. So könne ein Umweltproblem, wie z.B. die Luftverschmutzung zur Zeit der Industrialisierung ein Problem bleiben, während es z.B. heutzutage einen Konflikt auslöse.

mittwoch-11-01-2017-43Nach dem Plenum folgte ein Vortrag von Rodrigo Arrue (opción sostenible) über das UNESCO Programm Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE) und die Umsetzung in Chile. Dieser warf viele Fragen über die Abgrenzung zu Umweltbildung, den Nutzen und Notwendigkeit von BNE allgemein, sowie in verschiedenen Kulturen und Ländern wie z.B. Ecuador im Gegensatz zu den Ländern des Westens auf. Hinterfragt wurde auch, ob ein Programm, welches zum Nachdenken über andere mögliche Systeme wie z.B. Bildung, in vorgegebenen, relativ starren Systemen, wie der Schule, überhaupt funktioniere.

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Präsentation als Theaterstück

Am Nachmittag präsentierten die Gruppen ihre Zukunftsvisionen für 2050 in Form personalisierter Geschichten, als Theaterstück bzw. klassische Poster Präsentation. Alle Gruppen überschritten dabei aktuelle vorherrschende Spielregeln bestehender Systeme und integrierten „Wild Cards“, also mögliche Brüche und Eruptionen in ihre Visionen. Anschließend wurde die Methode des Backcasting als Aufgabe für die kommenden Tage, sowie Grundelemente der zu erstellenden Visualisierungen in Form von Mini-Trailern erklärt. Vielfalt in der Umsetzung war, sicher auch aufgrund der verschiedenen soziokulturellen Hintergründe der Teilnehmenden, auf jeden Fall bisher schon gegeben.

DiV Santiago: Dienstag, 10.01.2017

Der 2. Tag begann mit einem Vortrag des Umweltaktivisten Juan Pablo Orregos (Ecosistemas) über die Extraktion von Rohstoffen in Chile.Nach der Mittagspause wurden die Ergebnisse der ersten Gruppenarbeit präsentiert. Anschließend vermittelte die Journalistin Paulina Acevedo (Observatorio Ciudadano) ihre Erfahrungen über Umweltaktivlamia. 

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Intensiver Austausch in den Pausen

Juan Pablo Orregos erzählte von seinen Reisen zu und mit Vertretenden verschiedener indigener Gruppen in Ecuador, Mexiko und Chile. Besonders ausführlich ging er auf das Wissen dieser Gemeinschaften ein, welches zwar nicht den akademischen Graden in westlichen Zivilisationen entspricht, aber genauso von unschätzbarem Wert ist. Besonders interessant waren die Beschreibungen der zahlreichen Zeremonien, die u.a. zu dem Zweck durchgeführt werden, durch andere Bewusstseinszustände die Beziehung vom Menschen zur Natur, sowie die Ordnung in der Welt zu hinterfragen und die Natur als etwas Allumfassendes zu begreifen. Viele der Bilder wurden vor Jahrzehnten gemacht und einige dieser Kulturen existieren in der Form schon nicht mehr. Grund sind u.a. Rohstoffförderungen und industrielle Forst- und Landwirtschaft, welche die Ökosysteme zerstören und damit die Lebensgrundlage der indigenen Völker. Diese sehen sich mit Vertreibung, Nahrungs- und Wasserknappheit, sowie neuen Krankheiten durch die vergiftete Umwelt konfrontiert. Manche Vertreter haben sich als Umweltaktivisten zusammengeschlossen, um politisch und gesellschaftlich Gehör zu finden, doch für einige Kulturen ist es schon zu spät. Der Vortrag war sehr aufrüttelnd und fesselnd und rückte das Selbstverständnis der Teilnehmenden, welche größtenteils in westlichen Zivilisationen leben, in ein neues Licht.

dienstag-10-01-2017-29Die Gruppen gingen bei der Vorstellung der von ihnen für die Szenarienarbeit gewählten Orte – viele davon in Südamerika – teils naturwissenschaftlich-, teils ökonomisch-analytisch vor. Alle beschrieben lokale Krisen und Konflikte in den Regionen. Diese analytischen Beschreibungen seien ein wichtiger Ausgangspunkt, sagte Joachim Borner, jedoch würden sie nicht vermitteln, wie sich die Orte und das Lebensgefühl dort anfühlten, denn dafür brauche es Geschichten und Bilder, die den Zuhörer an den betreffenden Ort versetzten. Für die Szenarienarbeit sei es außerdem wichtig, sich aktuelle Tendenzen auszuwählen, und mögliche, wünschenswerte Zukünfte zu beschreiben, welche die Grundlage für die Backcasting-Methode bilden. Die Arbeit in den Gruppen wird in den kommenden Tagen fortgeführt.

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Die Journalistin Paulina Acevedo

Als Tagesabschluss erklärte die Journalistin Paulina Acevedo (Observatorio Ciudadano) Strategien, um innerhalb gesetzlicher Einschränkungen Botschaften in der Öffentlichkeit Gehör zu verschaffen. Auch wenn ihr Vortrag besonderen Fokus auf Chile legte, sind die Methoden Flashmob, Social-Media und Massenmedienkampagnen, sowie Schirmherrschaft wichtiger Akteure universell.

 

DiV Santiago: Montag, 09.01.2017

Heute war der erste Tag der Sommeruni in Santiago de Chile. Wir, das sind Menschen aus Spanien, Griechenland, Mexiko, Ecuador und Deutschland, werden die kommenden zwei Wochen intensiv mit Menschen aus Chile zu Kultur und Kommunikation für Nachhaltigkeit zusammenarbeiten. Für viele ist es das erste Mal in Chile, bzw. in Südamerika überhaupt. Die Hochschule Universidad Academia de Humanismo Cristiano (UAHC) ist recht klein, was hilft sich zu orientieren und auch anderen Studierenden zu begegnen.

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Viele neue Denkanstöße

Die ersten beiden Vorträge von Raúl González (UAHC) und Joachim Borner (KMGNE) beleuchten die Entwicklung der Sommeruni, die nun schon seit 14 Jahren hier in Chile stattfindet. Sehr interessant ist, wie sich auch das Selbstverständnis der Partnerinstitutionen gewandelt hat. Die Vertretenden aus Deutschland verstanden sich zunächst als eine Art „Entwicklungshelfer“ zum Thema Nachhaltigkeit, verstanden aber schnell, dass Deutschland mindestens genauso viel von Chile und den zahlreichen indigenen Gruppen Südamerikas lernen kann. Es wurde im Verlauf mit verschiedenen Kommunikationsformaten gearbeitet wie z.B. Werbespots, Comedy – was zum Thema „Klimawandel“ weniger gut funktionierte, Radio-Formaten, Geschichten und vor allem Filmen. Im Verlauf des Vormittags bekamen die Teilnehmenden auch einige dieser Kurzfilme zu sehen. Viele der Anwesenden haben an der Sommeruni 2016 in Karnitz in Mecklenburg-Vorpommern teilgenommen und Wissen um den intensiven Entwicklungsprozess solcher Formate. Über die Jahre ging es in der Sommeruni immer weniger um das formale Fakten vermitteln, sondern mehr um die Kunst fesselnde Geschichten zu erzählen und so Bilder zu transportieren, die die Menschen zum Nachdenken über gesellschaftliche Grundfragen anregen. Eine besondere Herausforderung sei in diesem Zusammenhang das Aufkommen von postfaktischer Kommunikation.

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Joachim Borner und Anne Mette beim DiV 2017

Anschließend präsentierten Anne Mette und Joachim Borner die in diesem Diplomado international de Verano (DiV) verwendete Methode der Szenarienarbeit. Als vorbereitende Aufgabe galt es jeweils eine andere Person zu interviewen und anschließend vorzustellen, was aufgrund kultureller Unterschiede wie auch sprachlicher Barrieren eine positive Herausforderung für alle darstellte. Durch das Teilen persönlicher Dinge wie Lieblingsfilm, den für einen persönlich schönsten Ort und die Zukunftsvision der eigenen Heimat, wurde eine sehr persönliche Ebene und auch Verbindung durch ähnliche Vorstellungen zwischen den Teilnehmenden geschaffen.

Der Tag wurde beendet durch den Beginn der Erarbeitung von wünschenswerten, möglichen Zukunftsszenarien in international wie sprachlich – Deutsch, Englisch, Spanisch – gemischten Gruppen. Der erste Schritt hierzu war die Beschreibung eines bestimmten Ortes, der Konflikte und Akteure.

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Ein historischer Blick auf die Nachhaltigkeitsziele

Siebzehn Nachhaltigkeitsziele (SDGs) kann man erst einmal als ein ehrgeiziges Vorhaben sehen.
Wie können wir sie analysieren, verstehen, umsetzen und erreichen, ohne sie in einen historischen Kontext zu betten? In seinem Vortrag, den Raúl González Meyer im Rahmen der Karnitzer Sommeruniversität 2016 gehalten hat, nimmt er uns auf eine Reise multipler Reflexionen mit, lässt Fragen offen, die aktuelle Diskussionen widerspiegeln und präsentiert uns eine Serie an Herausforderungen, die sich aus den SDGs ergeben.

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Verknüpfungen der feinsten Sorte?

SDGs im Zusammenhang – Ernährung im Fokus

Im Jahr 2015 einigten sich die Vereinten Nationen auf 17 Sustainable Development Goals (SDGs), die als Agenda für nachhaltige Entwicklung in allen Länder der Welt umgesetzt werden sollen. Wir haben uns in die Situation der Arbeitsgruppen versetzt, die diese Goals über zwei Jahre lang entwickelten, und drei für uns besonders bedeutsame SDGs ausgewählt. Als Ausgangspunkt haben wir das Thema Ernährung gewählt und uns auch in der weiteren Auswahl daran orientiert.
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Goal 2: Hunger beenden, Ernährungssicherheit und verbesserte Ernährung erreichen und eine nachhaltige Landwirtschaft fördern

Trotz der ausreichenden globalen Lebensmittelproduktion leiden 870 Millionen Menschen an Unterernährung. Die Anforderungen, die sich aus dem Ziel der Ernährungssicherheit ergeben, bedeuten für die deutschen Rahmenbedingungen eine Unterstützung des Ökologischen Landbaus. Gerade im ländlichen Raum ist das Leben für viele Menschen, besonders junge Leute, immer unattraktiver geworden Dabei steigert das Erlebnis des ökologisch landwirtschaftlichen Betriebes auf gesunde und nachhaltige Art und Weise die Wertschätzung von Lebensmitteln. In Privathaushalten führt deren Mangel häufig zur Lebensmittelverschwendung. Gute Nahrung landet so in der Tonne statt auf dem Teller.
Um Verschwendung vorzubeugen, eine verbesserte Ernährung zu fördern und damit Flächenpotenziale freizusetzen, sollte Ernährung wieder einen Platz in der Schulbildung finden. Doch nicht nur dort, auch verschiedene Medien können  dazu genutzt werden, um dem Endverbraucher seine Kraft aufzuzeigen, dieses SDGs zu erreichen. Konkret bedeutet dies, dass sich unsere Ernährungsstile ändern müssen. Derzeit sind ca. 70% der globalen landwirtschaftlichen Fläche für Viehwirtschaft in Nutzung (WGBU 2014, S.9). Tierische Produkte erzeugen Emissionen. Daher würden nicht nur Flächen frei, sondern ebenfalls Emissionen reduziert. 
In Zukunft werden noch mehr Menschen in Städten leben und  Megacities entstehen. Hier wird es problematisch, diese mit frischen, regionalen Lebensmitteln zu versorgen. Aber nachhaltige Landwirtschaft kann auch in Städten geschehen, zum Beispiel durch Aquaponik und Gemeinschaftsgärten. Nachhaltige Landwirtschaft muss jedoch von der Politik gewollt und finanziell gefördert werden.
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Goal 12: Für nachhaltige Konsum- und Produktionsmuster sorgen

Eng verknüpft mit Goal 2 sind nachhaltige Konsum- und Produktionsmuster. Diese sind unter anderem eine Voraussetzung für Ernährungssicherheit und das Beenden von Hunger. Festgelegte Normen und Standards führen innerhalb der Produktion zu ungerechtfertigter Verschwendung. Ebenso tragen die Überproduktion von Lebensmitteln sowie die Situation am europäischen Absatzmarkt (u.a. der Verkauf zu ungerechtfertigten Preisen) dazu bei, dass ein Teil der Ware den Endverbraucher nicht erreicht. Maßstäbe der Großabnehmer und Sonderangebote in den Discountern sind zusätzlich negative Aspekte. 
Hier bedarf es einer  Änderung der politischen Rahmenbedingungen. Eine Zielvorgabe ist die „Abschaffung aller Formen von Agrarexportsubventionen und aller Exportmaßnahmen mit gleicher Wirkung“ (Die 2030-Agenda, S.12). Dies würde zu geringeren Transportemissionen und erhöhtem Nährwert der Lebensmittel führen und der Überproduktion in Deutschland (beispielsweise von Schweinefleisch, um den europäischen Markt zu versorgen) entgegenwirken. Somit betrifft dieses Ziel nicht nur die interne Situation, sondern hat ebenfalls externe Effekte.
Der WBGU schreibt in seinem Politikpapier zur SDG-Debatte, dass derzeit existierende Konsummuster nicht für alle Menschen universalisierbar sind (S.8). Da aber die Mittel- und Oberschicht stetig wachsen und diese den höchsten Ressourcenverbrauch aufweisen, ist es an der Zeit, eine Lösung für global gerechte Konsummuster zu finden. Welche marktwirtschaftlichen Instrumente können noch eingesetzt werden, um die Einhaltung der planetarischen Leitplanken seitens der Produzenten und Konsumenten zu verbessern? Offensichtlich ist zunächst einmal die Kommunikation der Leitplanken nötig.
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Goal 13: Umgehend Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels und seiner Auswirkungen ergreifen

Der Klimawandel verschärft die Nahrungskrise und globale Ungerechtigkeiten: Die Landwirtschaft ist durch den Klimawandel immer extremeren Wetterereignissen ausgesetzt. Die Auswirkungen sind in Deutschland und im Rest der Welt unterschiedlich stark. Ohne eine funktionierende und nachhaltige Landwirtschaft können die Ziele der Ernährungssicherung sowie der Hunger– und Armutsbekämpfung nicht erreicht werden. Im Politikpapier des WBGU wird von einer erschwerten langfristigen Armutsbekämpfung gesprochen, sollten die SDGs den Umweltproblemen keine Rechnung tragen. Denn die Lebensgrundlage der Menschheit ist nunmal der Planet Erde, mit den Böden, die wir bewirtschaften, um uns zu erhalten. 
Auch ein „Weiter so“ im Wirtschaftssystem gepaart mit ein wenig nachhaltigerer Energie wird den Klimawandel nicht stoppen können. Der CO2-Ausstoß ist in Deutschland weiterhin viel zu hoch. Doch wo bleibt das Kohleausstiegsprogramm? Zudem sind größere Transformationen der Energiewirtschaft und damit auch des Wirtschaftssystems im Allgemeinen erforderlich. „Degrowth“ lautet hier das Zauberwort. Auch die erdölproduzierenden Länder müssen einbezogen werden. Hier ist ein frühzeitiger Strukturwandels notwendig, damit diese Staaten anders Wohlstand erwirtschaften können. 
Auf Makroebene ist die internationale Handelspolitik der Knackpunkt im Umdenken der Politikfelder. Sie muss so umgestaltet werden, dass Armut und Umweltschäden nicht vergrößert werden. Eine Lösung scheint in dem Zusammenhang nicht einfach zu sein und bedarf eines Mentalitätswandels sowie struktureller Machtverschiebungen in den teils autoritären energieliefernden Staaten. 
Auch Verbraucherinnen und Verbraucher tragen hier Verantwortung. Um dieser gerecht zu werden und einen Mentalitätswandel zur Unterstützung wirksamer Klimapolitik zu tragen, ist Umweltbildung grundlegend. Auch in Ländern mit bereits gesichter und relativ hoher Bildungsqualität soll die kommende Generation den Wert Wert  einer sozialen und ökologischen Welt bereits von klein auf  verinnerlichen: Bis  2030  sollen  alle  Lernenden  wissen,  was  ein  nachhaltiger  Lebensstil  ist, sich  mit  Menschenrechten  und  Geschlechtergleichheit auskennen, ein globales Bewusstsein entwickeln und vieles mehr.
Die  Grundlagen  sind  in  Deutschland  geschaffen:  Die  Vereinten  Nationen  hatten  2005  eine UN-Dekade  Bildung  für  nachhaltige  Entwicklung  (BNE)  ausgerufen.  Die  Deutsche  UNESCO-Kommission   hat   seitdem   fast   2.000   Projekte ausgezeichnet.  Auf  UN-Ebene  ist  mittlerweile ein   neues   Weltaktionsprogramm   verabschiedet worden, das BNE aktiv voranbringen soll. In dem Zusammenhang sind jedoch langfristige und strukturelle Förderungen von Bildungsprogrammen durch die Politik erforderlich, der bisherige Projektcharakter im Bereich BNE ist wenig nachhaltig. Auch sollte BNE Teil der Ausbildung von Lehrern und Erziehern werden.
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 Fazit

Die Auswahl der obigen SDGs zeigt nur einen Ausschnitt aus der 2030-Agenda. Einzelne SDGs können dabei nur Bausteine sein. Alle 17 Ziele bauen aufeinander auf und bedürfen der Zusammenarbeit verschiedener Akteure. Wer errät, wie viele SDGs sich in unserer Argumentation tatsächlich eingeschlichen haben?
Nicht alle Menschen tragen in gleichem Maß die Verantwortung der aktuellen Belastung des Planeten Erde, seiner derzeitigen und zukünftigen Bewohnerinnen und Bewohner. Aber Verbesserung können wir dabei nur gemeinsam bewirken. Die SGDs sind anspruchsvolle Ziele, daher gibt es auch keine einfachen und schnellen Lösungen. Umso wichtiger ist es sofort zu starten und aktiv zu werden, denn der Klimawandel wartet nicht bis wir bereit sind zu tiefgreifenden Veränderungen. 
Fotos: Carolin Kern