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J. Borner | Kreativität und Gestaltungskompetenz

An der Universität Rostock gab es im Sommer 2014 ein großartiges Seminar in Form des fish-bowls. Es ging um das, was denn das Besondere und das Nützliche, das heute Passende und das Zukunftsgerichtete an einer Bildung für bzw. über nachhaltige Entwicklung und an nachhaltiger Bildung selbst sei.

Foto: A. Mette, CC BY-SA 4.0,Wilde NetzeKernstück – in meiner Erinnerung – war das gewaltige Wort der Gestaltungskompetenz. (Ich muss vorab einfügen, ich erachte diesen Zugang zum Zweck des Lernens und der „Selbstermächtigung in Umbruchphasen“ als den Kern und das Zentrum aller didaktischen und bildungsorganisatorischen Anstrengungen.)

Ein größerer Teil der Teilnehmenden war ihm – dem Konzept der Gestaltungskompetenz „nicht gewachsen“, konnte es nicht verstehen und wollte es eigentlich ablehnen.

Exkurs

Ich erinnere mich an einen Workshop beim UFZ in Leipzig – das war in den angefangenen 2000er Jahren – als über das „Phänomen BNE – Bildung für nachhaltige Entwicklung“ beraten wurde. Meine Vorredner prognostizierten die wahrscheinlich relevanten inhaltlichen Themen, die aus Sicht des Problemdrucks in die Bildung für nachhaltige Entwicklung aufzunehmen seien.

Gefühlt war das eine unendliche Liste; gefühlt war das eine mehr als berechtigt unendliche Liste von Bildungsthemen, die eine tragfähige und zukunftsorientierte Entwicklung thematisierte.

Ich war dran! Ich versuchte darzustellen, was an Kompetenzen – an kreativen Fähigkeiten, Konditionen, Erfahrungen, Motivationen, Wertvorstellungen nötig sind (nicht wären — ; es fällt mir gerade ein: die Vorredner redeten immer im „Wären“ oder „Könnten“ oder „Sollten“ – wo in der Runde zumindest jedem klar war, dass alle diese Bildungsthemen – metaphorisch und konkret gesehen – sein MÜSSEN. Die Kollegen aber waren Demokraten.)

  • Ich versuchte Gestaltungskompetenz für nachhaltige Entwicklung als Kreativität zu beschreiben, die nicht die Gegenwart linear fortschreibt, sondern Interruptionen und Interventionen hineindenkt in die Zukunft und – vor allem – sich vorstellen kann sowie sich bewusst ist, dass es eine Vielzahl von Zukünften, also von möglichen, alternierenden Gesellschaftszuständen gibt, die von unseren heutigen Entscheidungen abhängen.

Der Kreis der Kollegen war erschrocken: Das überfordert den Einzelnen und das überfordert das Bildungssystem. Es gab keine Diskussion zu meinem Input.

Strukturen und Institutionen für Gestaltungskompetenz

Heute ist das noch nicht viel besser. Aber eines ist anders: Dass wir (gesellschaftliche) Kreativität für die Gestaltung der Anpassung an den Klimawandel z.B. brauchen wird anerkannt.

(A) In (noch vereinzelten) Realexperimenten fangen wir die Typen in Entscheidungsfunktionen an zu suchen, die „wild denken“.

Claude Lévi-Strauss führte die „Bricolage“ (als Erkenntnisweise) als einen Gegensatz zur Wissenschaft ein: „ Sehen wir ihm beim Arbeiten zu…Er muss auf eine bereits konstruierte Gesamtheit von Werkzeugen und Materialien zurückgreifen; eine Bestandsaufnahme machen oder eine schon vorhandene umarbeiten; schließlich und vor allem muss er mit dieser Gesamtheit in eine Art Dialog treten, um die möglichen Antworten zu ermitteln, die sie auf das gestellte Problem zu geben vermag. Alle diese heterogenen Gegenstände, die seinen Schatz bilden, befragt er, um herauszubekommen, was jeder von ihnen „bedeuten“ könnte. So trägt er dazu bei, ein Ganzes zu bestimmen, das es zu verwirklichen gilt.“ (Claude Lévi-Strauss, Das wilde Denken, Suhrkamp, 2008)

(B) Die Beschwerdeabteilungen in den Planungsämtern der Kommunen und Regionen, in den landwirtschaftlichen Verbänden und in Unternehmen könnten – wenn sie nicht auf Ruhigstellung aus wären – aus dem Vollen schöpfen…Eric von Hippel vom MIT beschreibt dieses proaktive Einbeziehen externen Wissens als Lead-User-Methode.

(C) Cross Area Innovation oder Cross Region Innovation oder Cross Industrie Innovation ist eine Methode, bei der (Erfahrungs-) Wissen, (Kultur)techniken, Spielregeln von einer Region , von einer Branche auf die andere übertragen werden.

(D) Walter Powell (Stanford –University) beschreibt mit der Idee des „locus of innovation“ das Phänomen, dass kreative Lösungen an den Grenzen und bei Grenzüberschreitungen interorganisationaler Netzwerke einer Region entstehen. Deren Hauptmerkmal sind kreativ-kontroverse Kommunikationsbeziehungen zwischen Akteuren/Entscheidern. Virtuelle Netze nehmen das auf.

  • Woher können wir – in Transformationen wie dem Klimawandel  oder dem demografischen Wandel – erfahren, wo in der Region die Bricolage von Machern versteckt ist, wo der externe Kompetenzträger, die wichtigen Netzwerke und der Schnittstellen sind?

Vielleicht hilft da das Konzept „Pyramiding Search“. Bei der geht es um die netzwerkbasierte Identifikation von „Stakeholdern“ mit unterschiedlichster Spezialisierungs- und Generalisierungskompetenz: Man findet sie mit der Erhebung von Verweisketten unter Mitstreitern in Netzwerken – eine eigene Kommunikationsaufgabe mit mapping. (Eric von Hippel/Nikolaus Franke/Reinhard Prügl: Pyramiding – Efficient Identification of Rare Subjects. MIT Sloan Research Paper 4720-08)

Zum Nachlesen:

Eric van Hippel |  Homepage

von Hippel, Eric, Nikolaus Franke, and Reinhard Prügl. “Pyramiding”: Efficient Identification of Rare Subjects Sloan Working Paper. 4720-08. Sloan School of Management, Massachusetts Institute of Technology, October 2008. [pdf]

Walter Powell | Homepage

Hans Jörg Rheinberger, Das Wilde im Zentrum der Wissenschaft, in: Gegenworte, 12. Heft Herbst 2003 [pdf]

Detlef Zöllner zu Claude Lévi-Strauss, Das wilde Denken, Frankfurt a.M. 1973 (1962), 18.05.2013, in: erkenntnisethik.blogspot.de [pdf]

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